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Reise

Weltreise mit Kind

"Eltern verkomplizieren alles"

Vor Kurzem besuchten Janina Breitling und ihr kleiner Sohn noch Rentierzüchter in der Mongolei - als letzte Station einer 13-monatigen Weltreise. Im Interview erzählt sie, warum Heimweh für beide kein Thema ist.

Janina Breitling
Ein Interview von Birte Bredow
Freitag, 04.08.2017   04:33 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gerade von einer 13-monatigen Weltreise mit ihrem mittlerweile sechsjährigen Sohn zurück, über die Sie auf Ihrem Blog berichten. Was würden Sie Menschen entgegnen, die sagen: "Ich will noch keine Kinder, ich will noch was von der Welt sehen"?

Breitling: Durch Maxi habe ich viel mehr von der Welt entdeckt. Ein Kind ist ein Türöffner. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, mache ich außerdem alles langsamer. Das ist viel schöner. Ich glaube, viele Eltern verkomplizieren alles, denken nur daran, dass es so viele Gefahren gibt. Das stimmt aber gar nicht. Ich würde dafür plädieren, früh Kinder zu kriegen und mit ihnen zu reisen.

SPIEGEL ONLINE: Wann kam Ihnen die Idee für Ihre große Reise?

Breitling: Weihnachten vor zwei Jahren waren wir zwei Monate in Südostasien unterwegs. Max war vier. Mir ist plötzlich aufgefallen, wie groß er schon war und dass es gar nicht mehr so lange dauern wird, bis er in die Schule kommt. Bei diesem Gedanke schrillten bei mir die Alarmglocken. Ich dachte: "Oh Gott, dann ist das vorbei, mal eben zwei Monate durch Asien zu reisen, wenn es mir passt." Da habe ich mir überlegt, dass wir die Zeit vor Schulbeginn noch ausnutzen müssten.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihre Familie dazu gesagt?

Breitling: Die war gar nicht überrascht. Und meine Freunde auch nicht. Sie fanden die Idee eher toll und stimmig. Auch bevor Max geboren wurde, bin ich schon viel gereist. Als ich mit ihm schwanger war, war ich in Indien. Und als Max dann da war, habe ich auch nicht aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren mit Max in Australien und Neuseeland, auf Bali und in der Südsee, zuletzt bis Ende Juli dann noch in der Mongolei. Wieso?

Breitling: Die Mongolei war eigentlich gar nicht auf dem Plan. Von Französisch-Polynesien wollten wir nach Hawaii und Kalifornien weiterreisen. Online bekommt man aber mit einem Kinderreisepass kein Visum für die USA. Da saßen wir also in Neuseeland und haben auf die Weltkarte geschaut. Und dann dachte ich mir, die Mongolei mit all den Pferden könnte cool sein, und sie ist vielleicht noch nicht ganz so bereist. Es war eine sehr gute Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Was haben Sie erlebt?

Breitling: Wir haben ein paar Tage mit den Tsaaten in der Steppe verbracht. Sie sind Nomaden und leben als Rentierzüchter in Zelten - eine komplett andere Welt. Eines der Kinder und Maxi haben sich sofort angefreundet. Maxi hat gelernt, auf einem Rentier zu reiten, die Kinder waren teilweise stundenlang weg. Die Gastfreundlichkeit der Leute war einfach super. Wir haben auf dem Boden eines Zelts geschlafen. Es regnete rein, es zog an allen Ecken, aber wir haben alle ums Feuer gelegen und uns gegenseitig gewärmt - das war ein wunderschöner Moment. Maxi erzählt jetzt noch ganz viel von den Rentieren und wie toll das war.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich durch die Reise die Beziehung zu Ihrem Sohn verändert?

Breitling: Natürlich sind wir als Reiseteam noch mal viel besser geworden. Teilweise gehen wir uns auch auf den Keks. Aber wir haben jetzt dieses Urvertrauen, dass alles irgendwie funktionieren wird. Als ich mal überlegt habe, wo wir an dem Abend schlafen und wie wir das organisieren, da hat Maxi gesagt: "Wir werden was finden, das weiß ich. Zur Not rollen wir unsere Yogamatte halt unter einem Busch aus und schlafen da."

SPIEGEL ONLINE: Sie waren die meiste Zeit mit Ihrem Sohn allein unterwegs. Zeitweise war aber auch Ihr Ex-Freund, der Vater von Max, dabei. Unterscheidet sich das Reisen?

Breitling: Total. Wenn wir zu dritt unterwegs sind, sind wir eine geschlossene Gruppe. Dann ist es ein bisschen schwieriger, Einheimische kennenzulernen. Wenn Max und ich allein reisen, dann wollen uns alle helfen. Das ist das Schöne daran. Wir haben in den letzten Monaten fast nur noch bei Familien gewohnt, die wir kurz vorher kennengelernt haben. Zum Beispiel bei Leuten, mit denen wir auf dem Markt ins Gespräch gekommen waren, die uns dann zu sich eingeladen haben.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nie Angst, dass jemand diese Situation ausnutzen könnte?

Breitling: Tatsächlich habe ich mich das manchmal auch gefragt, und man weiß auch nie, was in der Zukunft noch passiert. Aber es gab wirklich keine einzige komische Situation. Ich habe eine ganz gute Menschenkenntnis durch die vielen Reisen - dabei schärft man seine Wachsamkeit. Ich habe schon darauf geachtet, dass wir zu Familien und nicht zu alleinstehenden Männern gegangen sind, auch wenn wir unsere Schlafplätze im Internet über Couchsurfing gesucht haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die ganze Zeit allein auf Ihren Sohn aufgepasst?

Breitling: Als wir fünf Monate auf Bali gewohnt haben, war er im Kindergarten und im Surfverein. So hatte ich mal Zeit für mich. Unterwegs habe ich viele Leute kennengelernt, die mal babysitten wollten. Und auch wenn wir nur kurz an einem Ort waren, hat er immer mit anderen Kindern gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Unterwegs hat er Freunde gefunden, trotzdem sind Sie weitergereist. Wie fand er das?

Breitling: Kinder sind da viel flexibler als wir. Max geht einfach auf den Spielplatz und findet da Freunde. Selbst, wenn die dann nur für zwei, drei Stunden spielen und dann wieder getrennte Wege gehen, ist das nicht so das Problem. Er ist mit der Zeit auch noch offener geworden.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem muss er sich immer wieder von diesen Spielkameraden trennen.

Breitling: Bevor wir gestartet sind, hatte ich mit einem Kinderpsychologen in meinem Podcast ein Interview geführt zu diesem Thema. Der hat gesagt, dass Kinder Struktur brauchen, die aber ganz unterschiedlich aussehen kann. Und für Max ist die Struktur, dass er mit mir zusammen ist. Das ändert sich ja nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn Heimweh ein Thema gewesen?

Breitling: Nein, Heimweh haben wir gar nicht. Ich denke, wenn wir so eine Reise vor einigen Jahren gemacht hätten, wäre das etwas anderes gewesen. Aber jetzt, mit dem Handy, schicken wir Fotos und Videos nach Hause oder skypen. Und - das darf man nicht vergessen - wir sind an den schönsten Orten der Welt unterwegs. Warum sollten wir auf Bora Bora Heimweh kriegen? Es ist eher umgekehrt, dass wir jetzt schon wieder Fernweh haben.

SPIEGEL ONLINE: Nach gut einem Jahr Weltreise sind sie zurück in München. Wie geht es weiter?

Breitling: Ich plane gerade noch hin und her und habe so einige Ideen. Ob Max dieses Jahr in die Schule kommt oder ob wir noch ein Jahr weiterreisen, das muss ich jetzt mal schauen.

insgesamt 101 Beiträge
okav 04.08.2017
1. Mich hätte noch eine Frage interessiert
Wie würde Frau Breitling es finden, wenn der Vater von Maxi mit seinem Sohn 13 Monate auf Weltreise gehen würde. Wäre das für Sie genauso ok?
Wie würde Frau Breitling es finden, wenn der Vater von Maxi mit seinem Sohn 13 Monate auf Weltreise gehen würde. Wäre das für Sie genauso ok?
baumgaer 04.08.2017
2.
Wirklich eine sehr schöne Geschichte. Ich habe auf den wenigen Reisen mit meinem 5-jährigen Sohn ähnliche Erfahrungen gemacht, auch wenn der Radius der Touren sich eher auf Deutschland beschränkt hat. Und da drängt sich bei [...]
Wirklich eine sehr schöne Geschichte. Ich habe auf den wenigen Reisen mit meinem 5-jährigen Sohn ähnliche Erfahrungen gemacht, auch wenn der Radius der Touren sich eher auf Deutschland beschränkt hat. Und da drängt sich bei mir die erste Frage auf, auch mit dem Risiko die vermeintlich typisch deutsche Neidkultur zu bedienen: Welches alleinerziehende Elternteil kann sich eine 13 Monate dauernde Auszeit erlauben, ohne zermürbendes Abstrampeln bezüglich Einkommen, Betreuungszeiten und Sorgerecht. Hat Frau Breitling möglicherweise einen großzügigen Sponsor im Hintergrund oder ist der Kindsvater ausser einem Stör-Element während der Reise ein doch ganz brauchbarer Partner wenn es um die Finanzierung einer solchen Reise geht? Für die Mehrzahl der Alleinerziehenden erscheint mir Frau Breitlings Reisefreuden mit Kind ein schwer erreichbarer Traum.
bj68 04.08.2017
3. Danke
[...]Ich habe schon darauf geachtet, dass wir zu Familien und nicht zu alleinstehenden Männern gegangen sind, auch wenn wir unsere Schlafplätze im Internet über Couchsurfing gesucht haben.[...] für den [...]
[...]Ich habe schon darauf geachtet, dass wir zu Familien und nicht zu alleinstehenden Männern gegangen sind, auch wenn wir unsere Schlafplätze im Internet über Couchsurfing gesucht haben.[...] für den Generalverdacht....von jemanden aus der Kinder- und Jugendarbeit (über 20 Jahre) der es inzwischen Leid ist, dass Männern immer unterstellt wird "schwanz-gesteuert" zu sein...als ob es einen Unterschied machen würde ob da Familie oder nicht vorhanden wäre....im Fall des Falles.... bj68
herjemine 04.08.2017
4. Janinachen!
Schön die Reisen. Aber bitte: ein Name mit drei Buchstaben verträgt keinen Diminutiv! Jegliches "-i", "-chen" oder "-li) wirkt augmentativ auf den Namen, er wird länger statt kürzer.
Schön die Reisen. Aber bitte: ein Name mit drei Buchstaben verträgt keinen Diminutiv! Jegliches "-i", "-chen" oder "-li) wirkt augmentativ auf den Namen, er wird länger statt kürzer.
hexenbesen.65 04.08.2017
5. Etwas Weltfremd
diese Dame, würde ich sagen. Nur weil sie die Kohle und die Zeit hat, kann sie doch nicht sagen, "Früh Kinder bekommen und Reisen"... Klar würde ich auch gern in der Weltgeschichte rumgammeln und mir alles gaaaanz in [...]
diese Dame, würde ich sagen. Nur weil sie die Kohle und die Zeit hat, kann sie doch nicht sagen, "Früh Kinder bekommen und Reisen"... Klar würde ich auch gern in der Weltgeschichte rumgammeln und mir alles gaaaanz in ruhe mal ansehen. Und "verkomplizieren" würde ich die AUFSICHTSPFLICHT nicht nennen. Als ERWACHSENER sieht man Sachen, von denen Gefahren ausgehen können (was, der Lütte will mit den Ren-Tieren spielen ? Weis er, dass die auch gefährlich werden können ? ----Junior will auf nen morschen Turm klettern ??? ----also ich verkompliziere nichts, sondern nehme meine Aufgabe als Erziehungs"berechtigter" (eher Verpflichtender) sehr ernst. hinterher ist das Geheule nämlich groß, wenn der Turm einkracht, und der kleine Sonnenschein tot drunter liegt.... )
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