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Reise

Mythisches Madagaskar

Unter Schattengeistern

Heilige Bäume, sagenhafte Grotten, Tiere mit übersinnlichen Fähigkeiten: Wer auf die madagassische Insel Nosy Be reist, taucht ein in eine Welt der Mythen und Tabus. Eine Regel ist besonders heikel.

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Von Thomas Heinloth
Montag, 07.08.2017   17:12 Uhr

185 Jahre nach seinem Tod ist der ehrenvolle Krieger der Sakalava doch noch reich geworden: Neben seinem gespaltenen Schädel liegt ein Bündel Scheine im Staub, vor seinem Oberschenkelknochen spiegeln Münzen das Licht der Taschenlampen.

Niemals, sagt Nambinintsoa Andrianarilandy, würde hier jemand einen Verstorbenen bestehlen: "Das ist ein heiliger Ort." 1832 besiegten hier, im Halbdunkel der Grotte Chauves-Souris die Sakalava die Merina-Krieger. Die Grotte ist seitdem eine Opferstätte mit einem strikten Regelwerk: Weder Hüte noch lautes Singen sind erlaubt, vor allem aber nichts, was die verhassten Merina mochten: Kichererbsen etwa oder Schweinefleisch. "Die Geister der Ahnen", sagt Nambinintsoa Andrianarilandy, "nehmen es sehr genau."

Nambin, wie sich der Mann kurz nennt, ist der Gralshüter im Ankarana-Nationalpark im Norden Madagaskars, der "Lemuren-Insel" im Indischen Ozean im Südosten Afrikas. Nur hier gibt es die Primaten mit dem vieldeutigen Namen: "Lemur" bedeutet "Schattengeist". Und nirgendwo gehen Mystik und Natur eine so enge Verbindung ein wie in Madagaskar.

"Kein Tier", sagt Nambin, "ist ohne Bedeutung." Er kümmert sich im Nationalpark vor allem um die Fledermäuse. 14 verschiedene Arten leben in den Höhlen unter dem immergrünen Trockenwald, die kleinsten nur vier Gramm schwer, die größten hängen kiloschwer kopfüber von den Decken und funkeln mit bernsteinfarbenen Augen. "Keine Sorge", sagt Nambin, "sie ernähren sich nur von Obst."

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Madagaskar: Wo die Lemuren Fangen spielen

In der Dämmerung schwärmen sie nach draußen, dann mischt sich Fledermausgekreisch mit dem Lärm der Papageien. Der Wald ist nicht minder magisch und den Sakalava heilig wie die Grotten darunter. Zwischen Baobabs, wildem Kaffee und Orchideen erheben sich die Tsingys: schroffe, messerscharfe Felsnadeln aus grauem Kalk, die wie eine steinerne Armee aus dem Dschungelgrün nach oben ragen.

Reisfelder nicht am Dienstagmorgen betreten

"Mitsingytsingyna", also "auf Zehenspitzen laufen", haben die Madagassen die Felsformationen genannt. Betreten ist mit der gebotenen Vorsicht erlaubt - "allerdings", sagt Nambin, "mit Demut und Respekt. Und niemals mit dem Finger auf einen Tsingy zeigen". Das nämlich wäre "fady" - das in Madagaskar allgegenwärtige Wort für Tabus und rituelle Verbote.

Je nach Stammeszugehörigkeit sollten Madagassen etwa nicht im Stehen essen, nicht an einer Säule lehnen, die ein Dach stützt, nicht die Haare eines Kranken schneiden. Nicht am Dienstagmorgen auf die Reisfelder gehen, Zebus nie mit einem Schilfrohr schlagen, rote Kleidung bei einer Beerdigung tragen. Und auf keinen Fall dort baden, wo heilige Krokodile leben. "Nicht besonders kompliziert", sagt Nambin. "Nur das mit dem Finger ist für Touristen immer schwierig."

Auf Nosy Be etwa erkennt man die Neuzugänge unter ausländischen Reiseführern oft am Haargummi, das die mittleren Finger der rechten Hand zusammenhält - ein Trick gegen den intuitiven Fingerzeig. Mit der flachen Hand hingegen ist das Deuten auf Heiligtümer erlaubt. Nosy Be, die "große Insel", liegt einen Autonachmittag über Schlaglochpisten vom Ankarana-Nationalpark entfernt. Madagaskars einziger Ort für Pauschaltourismus gilt als der mit der modernsten Infrastruktur. Und doch ist Nosy Be einer der geheimnisvollsten Plätze im Südosten Afrikas.

Vom 329 Meter hohen Mont Passot aus hat man einen Rundumblick: im Norden die türkisen Kraterseen, denen man sich - weil "fady" - nur barfuß nähern darf. Im Westen Nosy Sakatia, Heimat vieler Meeresschildkröten, heilig wie die Krokodile. Im Südwesten die "Russenbucht", wo 1904 ein Geschwader der russischen Flotte im Krieg gegen Japan verzweifelt auf eine Kohlelieferung wartete, die aus mysteriösen Gründen niemals kam.

An Bord, so heißt es, herrschten Siechtum und Wahnsinn. Das berühmte Lied vom Schiff, das vor Madagaskar lag und die Pest an Bord hatte, soll hier seinen Ursprung haben. Und nicht wenige auf Nosy Be sagen, die Russen hätten damals mit fortgesetzten "fady"-Verstößen die Ahnen gegen sich aufgebracht.

Kathedrale aus Baumwurzeln

Im Südosten schließlich liegen die Ylang-Ylang-Plantagen und die Destillerien, wo aus den porzellanen Blüten des Baumes Parfumöl wird. Wer von hier aus an die Küste fährt, kommt nach Mahatsinjo, dem Pilger-Ort von Nosy Be. Meist wartet hier Fanja Nirina Zina auf Besucher, meist mit viel Farbe im Gesicht: safrangelbe und weiße Muster, die traditionelle Bemalung der Sakalava. "Erstens ist das hübsch", sagt sie, "und zweitens Ausdruck des Respekts."

Respekt ist angezeigt in Mahatsinjo, hier nämlich steht der Heilige Baum der Insel, eine mächtige Pappelfeige, botanisch "Ficus religiosa". Buddha soll seine Erleuchtung unter einem solchen Ficus gehabt haben, und als eine Delegation aus Sri Lanka 1836 Nosy Be besuchte, war der Baum ihr Gastgeschenk an Königin Tsiomeko. "Seitdem ist der Baum der Ort, wo die königlichen Ahnen wohnen", sagt Fanja.

Längst ist aus dem Baum ein Wald geworden, eine Kathedrale aus unzähligen Luftwurzeln, die ihren Weg nach unten suchen, geschmückt mit roten und weißen Tüchern. Zwischen Wurzelgeflecht und Ästen liegt eine Opferstätte: Münzen, ein Zebu-Schädel, ein Glas Honig und eine Flasche "Bonbon Anglais", die zuckersüße Limonade Madagaskars. "Für die Ahnen zählt der Opferwille", sagt Fanja. Zum Beten kommen sie hierher von der ganzen Insel - Christen, Hindus, Moslems, und meist haben sie einen Wunsch mit im Gepäck: Gesundheit, Kindersegen, guter Fischfang, ein wohlhabender Ehemann.

Auch Fanja hat schon die ein oder andere Bitte unter den Baum gelegt. 30 Jahre ist sie jung, in Madagaskar, sagt sie, "ist Glaube und Tradition nicht nur was für die Alten". Gäste führt sie meist nach dem Besuch der heiligen Stätte in die Fachhochschule, die gleich dahinter liegt, zwischen Reisterrassen und einem Versuchsfeld für Biobananen.

Hier hat sie Landwirtschaft und Ökotourismus studiert, an diesem Tag steht ihr Professor Jean Pierre Tomana an der Tafel und erklärt, was man über das Chamäleon wissen muss. Den Unterschied zwischen Stummelschwanz- und echtem Chamäleon, die Details zu Farbwechsel, Zungenschuss und Häutung.

Der Übergang von Biologie zu Mythologie ist fließend. "Warum", fragt Tomana, "bewegen sich Chamäleons so langsam?" Und dann erzählt er die Geschichte von kleinen Kriechtier, das ursprünglich mit seiner Hektik allen anderen auf die Nerven ging, bis Gott ein Einsehen hatte und es mit Tarngewand und Superzunge ausstattete, so dass es auch gemächlich im Laub liegend nach Fliegen jagen konnte.

"Und warum", fragt Tomana, "haben die Madagassen so großen Respekt von einem Chamäleon?" Das aber weiß jeder seiner Schüler: Ein Chamäleon, heißt es, kann mit einem Auge die Zukunft, mit dem anderen die Vergangenheit sehen.

"Versuchen wir auch jeden Tag", sagt Fanja, lehnt am Fenster zum offenen Seminarraum, blickt über Reis und Bananen zur Pappelfeige mit den bunten Tüchern, wo Lemuren Fangen spielen.

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