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Reise
Planet Erde

Chimborazo-Besteigung in Ecuador

Scheitern wie Humboldt

Michael Martin
Freitag, 08.09.2017   04:24 Uhr

Ecuadors höchster Berg bietet dem Fotografen Michael Martin spektakuläre Motive. Wenn es am 6263 Meter hohen Chimborazo nur nicht so stürmisch und kalt wäre!

Zur Person

"Einer hinter dem anderen bewegten sich Alexander von Humboldt und seine drei Begleiter vorsichtig Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Ohne die richtige Ausrüstung und geeignete Kleidung war es eine gefährliche Kletterpartie", schreibt Andrea Wulf in ihrer Humboldt-Biografie über dessen Versuch, im Juni 1802 den 6263 Meter hohen Chimborazo in Ecuador zu besteigen.

"In dem eisigen Wind waren ihre Hände und Füße taub geworden, geschmolzener Schnee hatte ihre dünnen Schuhe durchweicht, und in ihren Haaren und Bärten hingen Eiskristalle." Humboldt und seine Begleiter mussten in einer Höhe von circa 5500 Metern wegen einer unüberwindbaren Felsspalte erschöpft aufgeben. Nie waren vorher Menschen höher gestiegen.

Fotostrecke

Blog Michael Martin: Im Schneesturm am Chimborazo

Gut 215 Jahre später scheitern wir an dem höchsten Berg Ecuadors in gleicher Höhe - obwohl wir gut ausgerüstet und akklimatisiert sind, und auch unsere Anreise im Vergleich zu Humboldts einfach war.

Zum ersten Mal Schnee

In Quito, der Hauptstadt Ecuadors, werden wir am Flughafen von der Österreicherin Karla Riegler abgeholt. Nach vier Stunden Fahrt erreichen wir Riobamba, von dort steigt die Straße zum Chimborazo stetig an. In gut 4000 Meter Höhe liegt der Eingang zum Nationalpark, bis auf 4800 Meter Meereshöhe führt eine Piste hinauf.

Mit der Höhe verändert sich deutlich sichtbar die Vegetation an dem inaktiven Vulkan. Alexander von Humboldt fasste die höhenspezifische Abfolge von Pflanzen in seinem berühmten "Naturgemälde" zusammen. Der deutsche Naturforscher hatte erkannt, dass die je nach Breitengrad zu beobachtende Abfolge von Vegetationszonen ihre Entsprechung bei den Höhenlagen findet.

Peter H. Raven Library/Missouri Botanical Garden

Naturgemälde von Alexander von Humboldt

Karla macht uns am Nationalparkeingang mit unserem Team bekannt. David und Manuel heißen unsere ecuadorianischen Bergführer. Ausgangspunkt für die Tour ist die Carell-Hütte am Ende der Piste. Vor der Hütte spielen ecuadorianische Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben im Schnee, der in den letzten Stunden 20 Zentimeter hoch gefallen ist.

Trotz anhaltender Schneefälle und vorgerückter Uhrzeit entscheiden wir uns, noch am späten Nachmittag zum Hochlager in 5100 Meter Höhe aufzusteigen. In zwei Stunden gelangen wir über das von Schnee bedeckte Lavagestein auf eine Felskante, die gerade mal Platz für zwei Kuppelzelte bietet.

Nach dem Aufbau der Zelte kramt David nervös in seinem Rucksack. Er habe das Feuerzeug vergessen, sagt er verzweifelt, aus Tee, Suppe und Nudeln werde leider nichts. Zum Glück haben wir eins dabei und können eine halbe Stunde später bei heftigem Schneefall in unseren Zelten heiße Suppe löffeln. Erschöpft schlafen wir am frühen Abend ein.

Wirbelnder Neuschnee, Sonne am Gipfel

Um 2 Uhr wecken mich heftige Kopfschmerzen, ich zähle die Minuten, bis um 4 Uhr der Wecker klingelt. Endlich gibt es heißen Kaffee, der die Kopfschmerzen zumindest mildert. Um 5.30 Uhr sind die Zelte abgebaut, die Klettergurte angelegt und die Steigeisen an die Bergschuhe geschnallt.

Was dann folgt, bringt zumindest mich an die Grenzen meiner bergsteigerischen Fähigkeiten. Wir queren eineinhalb Stunden lang im ersten Tageslicht einen vereisten, 55 Grad steilen Hang. Steigeisen und Eispickel geben zwar Halt, trotzdem möchte ich nicht daran denken, was passieren würde, wenn ich abrutsche. Könnte David mich am Seil halten? Inzwischen ist es hell geworden, der Chimborazo wirft einen riesigen Schatten auf das Wolkenmeer. Mit größter Konzentration gelingt mir ein Foto.

Dann endlich ist die Querung geschafft, die mehrfach unter riesigen Eiszapfen durchführt. Deswegen sind wir auch so früh aufgebrochen. Wir befinden uns praktisch am Äquator, die Tageswärme lässt die Eis-und Steinschlaggefahr vormittags schnell ansteigen.

Inzwischen hat es sich bewölkt, auch der Gipfel ist in Wolken verschwunden. Meine Stimmung ist entsprechend schlecht, dazu die dünne Luft und die wieder stärker gewordenen Kopfschmerzen. Aber plötzlich kommt Wind auf und vertreibt schnell die Wolken. Die Sonne taucht den rundlichen Gipfel in gleißendes Licht, gleichzeitig wirbelt der Wind die Neuschneemassen auf.

Wie Humboldt und doch anders

Die großartigen Eindrücke motivieren mich sofort, trotz Kälte und Wind fotografiere ich bei jeder Gelegenheit. Je höher wir aber steigen, desto stürmischer wird es. Mehrfach bremsen uns Kletterpassagen, die Kraft und Mut erfordern. Der Höhenmesser von David zeigt 5700 Meter, es wären noch 600 Höhenmeter zum Gipfel. Aber die steilsten und exponiertesten Passagen kommen erst noch, ganz zu schweigen von der immer sauerstoffärmeren Luft.

An einer Kletterpassage stoßen wir auf ecuadorianische Bergsteiger, die kurz vor dem Gipfel wegen des Sturms umdrehen mussten und nun absteigen. Wir vier beratschlagen uns kurz und entscheiden uns auch zur Umkehr. Warum sollte es uns besser gehen als Alexander von Humboldt?

Ein paar Stunden später sitzen wir in der Carell-Hütte zum Abendessen. Der Chimborazo ist längst wieder in Wolken gehüllt. Ich trete vor die Hütte, spüre die Kälte und freue mich auf das nächste Ziel unserer Weltreise - die Südsee.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Höhenangabe des Chimborazo korrigiert.

insgesamt 8 Beiträge
The Restless 08.09.2017
1.
Nach Kopfschmerzen in der Nacht gleich weiter aufzusteigen verstößt allerdings gegen alle Regeln einer sicheren Höhenadaption. Man muss doch das Risiko nicht gleich derart herausfordern - was spricht dagegen, sich erst einmal [...]
Nach Kopfschmerzen in der Nacht gleich weiter aufzusteigen verstößt allerdings gegen alle Regeln einer sicheren Höhenadaption. Man muss doch das Risiko nicht gleich derart herausfordern - was spricht dagegen, sich erst einmal 2-3 Tage zwischen Park und Höhenlager zu bewegen, bis es dann, fit und gesund, weiter rauf geht? Wer dort oben umkippt, hat schlechte Karten, wenn wegen des Sturms kein Helikopter fliegen kann.
Papazaca 08.09.2017
2.
Komische Art, den Chimborazo zu besteigen. Also erstmal gefällt mir diese Art nicht, direkt vom Flughafen den Chimborazo besteigen zu wollen. Keine Akklimatisation? Mit Bergsteigern, die man wahrscheinlich nicht kennt? Für ein [...]
Komische Art, den Chimborazo zu besteigen. Also erstmal gefällt mir diese Art nicht, direkt vom Flughafen den Chimborazo besteigen zu wollen. Keine Akklimatisation? Mit Bergsteigern, die man wahrscheinlich nicht kennt? Für ein Buch, das die ganze Welt abfackelt? Muß man so Projekte (Projekt Planet Erde), die alles und nichts umfassen auf diese komische Art durchführen? Kann man in so kurzer Zeit einen Berg, die Gegend oder die Menschen auch nur annähernd erfassen? Oder rechtfertigen schöne Fotos alles? Und dann bekommt der gute Michael Martin Kopfschmerzen (wegen fehlender Anpassung an die Höhe?). Beim lesen über diese Kurzreise kann man auch Kopfschmerzen bekommen. Und der Hinweis auf die dann folgende Reise in Südsee weckt bei mir unangenehme Assoziationen an Fastfood, Fast Sex, 4 europäische Hauptstädte in 4 Tagen usw. (Die Galapagos, die in relativer Nähe sind, sind nicht interessant?) Schade! Da treten die Fotos in den Hintergrund. Ich will jetzt nicht missionarisch auftreten. Aber wenn in einem Bericht so eine Reise hochgejubelt wird (selbst Humboldt durfte nicht fehlen) darf man ja schon mal den Kopf schütteln und laut "grummeln".
tumut 08.09.2017
3.
Ich verfolge MM schon lange interssiert und war auch schon auf einigen Ssiener Vorträge. Aber entweder er recherchiert so schlampig, oder SPON überträgt falsch. Bei der Bildunterschirft zu Bild 6 wird ein Unterschied zum [...]
Ich verfolge MM schon lange interssiert und war auch schon auf einigen Ssiener Vorträge. Aber entweder er recherchiert so schlampig, oder SPON überträgt falsch. Bei der Bildunterschirft zu Bild 6 wird ein Unterschied zum Erdmittelpunkt zum Mt. Everest von 2m erwähnt - es sind c. 2km. Außerdem ist das mit dem Wulst am Äquator doch sehr einfach dargestellt - es ist kein Wulst (wo sollte der beginnen und warum sieht man den z.B. beim Überfliegen nicht) sondern die Erde ist an den Polen abgeflacht und durch die Rotation ein Rotationeellipsoid und hat so am Äquator einen größeren Durchmesser als durch die Pole gemessen. Ich finde soviel Genauigkeit sollte bei einem Reisebericht schon drin sein.
Stäffelesrutscher 08.09.2017
4.
Bildlegende 6: »Der Chimborazo ist mit 6310 Metern der höchste Berg Ecuadors. Rechnet man vom Erdmittelpunkt aus, ist er sogar zwei Meter höher als der Mount Everest, da die Erde am Äquator einen Wulst und damit einen [...]
Bildlegende 6: »Der Chimborazo ist mit 6310 Metern der höchste Berg Ecuadors. Rechnet man vom Erdmittelpunkt aus, ist er sogar zwei Meter höher als der Mount Everest, da die Erde am Äquator einen Wulst und damit einen größeren Umfang hat.« Es sind zwei Kilometer, nicht Meter. Und statt »Umfang« meint der Autor wohl »Radius«.
lupenreinerdemokrat 08.09.2017
5.
@Stäffelesrutscher: man kann es auch richtig interpretieren: wenn man die Abflachung der Erde miteinbezieht, dann ist der Chimborazo vom Erdmittelpunkt aus gemessen 2m höher als der Mount Everest, auch wenn dieser von [...]
@Stäffelesrutscher: man kann es auch richtig interpretieren: wenn man die Abflachung der Erde miteinbezieht, dann ist der Chimborazo vom Erdmittelpunkt aus gemessen 2m höher als der Mount Everest, auch wenn dieser von Meereshöhe aus gemessen über 2,5 km höher ist. Auch "Umfang" ist korrekt ausgedrückt, wenn auch "Radius" hier natürlich der passendere Parameter wäre ;-)
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