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Reise

Im Urlaub Archäologe

Graben statt Sonnenbaden

Statt in den Ferien am Strand zu liegen, greift ein Potsdamer Ehepaar lieber zu Spaten und Spitzhacke: Sie arbeiten bei einer Ausgrabung in Jerusalem mit - und zahlen sogar dafür.

Julia Köppe
Von
Dienstag, 10.10.2017   04:35 Uhr

Als er den kiloschweren Stein zur Seite hievt, blickt Ulrich Heidenreich in ein tiefes Loch. Die Archäologen um ihn herum sind aufgeregt. Vor ihnen offenbart sich ein ausgemauerter Hohlraum unter der Erde: Sie sind auf eine jahrhundertealte Zisterne gestoßen, in der früher Wasser gespeichert wurde. "Das ist definitiv der Höhepunkt unserer Reise", sagt Heidenreich und strahlt vor Freude.

Elf Tage verbringt der 61-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Martina in Jerusalem. Das Ehepaar ist nicht zum Faulenzen hier. Zusammen mit 15 anderen Touristen helfen die Heidenreichs bei einer Ausgrabung. Von sechs Uhr morgens bis 14 Uhr schleppen sie Eimer voll Erde, schaufeln und fahren Schubkarre. Dafür zahlen sie etwa 1400 Euro pro Person - Unterkunft, Frühstück und Ausflüge inklusive.

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Hobby-Archäologen in Jerusalem: Graben, pinseln, entdecken

Die Grabungsfläche liegt direkt in der Jerusalemer Innenstadt auf dem Zionsberg. "Es ist sehr beeindruckend, genau hier zu graben", sagt Heidenreich. "Wir haben ein Haus entdeckt, das vermutlich in das fünfte Jahrhundert gehört. Es ist ein unglaubliches Gefühl, etwas auszugraben, das 1500 Jahre in der Erde lag", sagt er.

Bereits vor hundert Jahren gruben Archäologen auf dem Zionsberg. Sie wollen herausfinden, wie sich die Stadt Jerusalem in den vergangenen Jahrhunderten ausgedehnt hat. Bisher wurden ein Turm, Mauerreste und drei übereinanderliegende Tore entdeckt. Die aktuellen Ausgrabungen des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI) laufen seit einem Jahr.

Morgens um sechs Uhr beginnt für die Urlauber die Arbeit. Um diese Zeit sind die Temperaturen noch erträglich. Im Laufe des Tages wird es oft bis zu 36 Grad heiß. Schubkarre fahren und Erde wegschaufeln können da zu einer Zerreißprobe werden. "Das ist schon schweißtreibend", sagt Heidenreich. Zentimeter um Zentimeter graben sich die Touristen gemeinsam mit etwa 25 Archäologen in die Vergangenheit.

Im Urlaub arbeiten und noch dafür bezahlen? "Wir interessieren uns einfach für Steine", sagt Heidenreich und lacht. "Wir gehen morgens zur Arbeit, wir leben hier. Da lernt man die Stadt ganz anders kennen. Ich fühle mich nicht wie ein Tourist", sagt er.

"Ich wollte früher Archäologin werden", erzählt seine Frau. "Aber in der DDR war das nicht so leicht, und meine Mutter wollte, dass ich etwas 'Ordentliches' mache." Also wurde sie Polizistin, seit fünf Jahren ist sie im Ruhestand. Ihr Mann arbeitet als Angestellter im Öffentlichen Dienst bei der Polizei.

Die beiden waren bereits in Ägypten, Syrien und dem Libanon, um sich Ausgrabungen anzuschauen. Seit Langem habe sich das Paar gewünscht, selbst einmal bei einer Ausgrabung zu arbeiten - "dass es ausgerechnet in Jerusalem klappt, hat uns wahnsinnig gefreut", sagt Ulrich Heidenreich. "Diese Stadt hat so viel Geschichte und ist quasi die Heimat der drei großen Weltreligionen."

Motivationsschreiben für den Urlaub

So wie den Heidenreichs geht es offenbar vielen. Das Ehepaar musste sich sogar für die Reise bewerben - inklusive Lebenslauf und Motivationsschreiben, weil es nur wenige Plätze, aber viele Interessenten gab. Außerdem mussten alle Teilnehmer ein Gesundheitszeugnis vorlegen, denn eine Ausgrabung bedeutet auch harte körperliche Arbeit.

"Eigentlich wollten wir schon im vergangenen Jahr fahren, aber wir haben die verpflichtende Informationsveranstaltung in Köln verpasst", erzählt Heidenreich. Die ist Voraussetzung, weil die Interessenten dort lernen, wie Archäologen arbeiten und wie ausgegraben werden muss.

Verschwitzt und voller Erde und Staub fahren die Urlaubsarchäologen nach der Grabung zurück ins Hotel. "Wir müssen dann erst einmal duschen", sagt Heidenreich. An den Nachmittagen stehen dann doch noch einige Touristenattraktionen auf dem Programm: Das Ehepaar besucht gemeinsam mit der Reisegruppe Sehenswürdigkeiten wie den Tempelberg, das Tote Meer oder Massada - eine 2000 Jahre alte Festung, die Herodes bauen ließ.

Elf Tage lang um fünf Uhr morgens aufstehen, Schubkarre schieben und schaufeln - Braucht man da nicht Urlaub nach dem Urlaub? "Ich fühle mich erholt", sagt Ulrich Heidenreich. Wenn er mit seiner Frau wieder zu Hause in Potsdam ist, wollen sie ihren Garten umgraben.

insgesamt 7 Beiträge
leser008 10.10.2017
1. Faszinierend
Faszinierender Bericht, und in Jerusalem eine tolle location. Ich wollte früher auch mal an Ausgrabungen teilnehmen, aber die Beträge, die da in Deutschland, wahrscheinlich in Regen und Schlamm im Zelt untergebracht, verlangt [...]
Faszinierender Bericht, und in Jerusalem eine tolle location. Ich wollte früher auch mal an Ausgrabungen teilnehmen, aber die Beträge, die da in Deutschland, wahrscheinlich in Regen und Schlamm im Zelt untergebracht, verlangt werden haben mich doch abgehalten. Wohl viele andere auch, ein Archäologe sagte mir mal, normalerweise käme da kaum jemand.
miobri 10.10.2017
2. Übersicht
Eine aktuelle Übersicht über die laufenden Ausgrabungen in Israel, bei denen man als "Volunteer" mitgraben kann, findet man hier: http://digs.bib-arch.org/
Eine aktuelle Übersicht über die laufenden Ausgrabungen in Israel, bei denen man als "Volunteer" mitgraben kann, findet man hier: http://digs.bib-arch.org/
slotermeyer 10.10.2017
3. Graben in Deutschland
>die Beträge, die da in Deutschland, wahrscheinlich in Regen und Schlamm im Zelt untergebracht, verlangt werden haben mich doch abgehalten. Wohl viele andere auch, ein Archäologe sagte mir mal, normalerweise käme da kaum [...]
>die Beträge, die da in Deutschland, wahrscheinlich in Regen und Schlamm im Zelt untergebracht, verlangt werden haben mich doch abgehalten. Wohl viele andere auch, ein Archäologe sagte mir mal, normalerweise käme da kaum jemand. In Deutschland ist das je nach Bundesland verschieden. In Ba-Wü bietet die Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern in Zusammenarbeit mit der staatlichen Denkmalpflege seit mehr als 30 Jahren im Sommer Lehrgrabungen für interessierte Laien an, die immer gut besucht sind. Näheres unter http://www.gesellschaft-vfg.de
db01 10.10.2017
4. absurd
Diese Entwicklung ist vollkommen absurd. Auf der einen Seite zahlen Menschen in ihrem Urlaub dafür, um (archäologisch) arbeiten zu dürfen, dass muss man sich mal wirklich klar machen! Historische Doku-Sendungen erzielen [...]
Diese Entwicklung ist vollkommen absurd. Auf der einen Seite zahlen Menschen in ihrem Urlaub dafür, um (archäologisch) arbeiten zu dürfen, dass muss man sich mal wirklich klar machen! Historische Doku-Sendungen erzielen Traumquoten und archäologische Ausstellungen erfreuen sich hoher Besucherzahlen. Der Großteil der Leute findet Archäologie absolut faszinierend, ständig kriegt man zu hören "Archäologie, oh ja, dass wollte ich auch schon immer mal machen". Aber gleichzeitig ist für den Beruf des Archäologen und somit für diejenige, die die ganze Grundlagenarbeit leisten, damit solche Angebote überhaupt angeboten werden können, kein Geld da. Stellen werden gekürzt, Kollegen werden befristet angestellt oder mit unterbezahlten halben Stellen abgespeist, auf denen aber eine Vollzeitarbeit verlangt wird! Nach drei Jahren läuft der Vertrag aus und wenn man Glück hat, beginnt das Ganze wieder von vorne. Das ist absolut beschämend!
lachina 10.10.2017
5.
Leider ist unsere Gesellschaft absolut verwertungsfixiert. Was keine schnellen Gewinne verspricht, genießt wenig Achtung. Diese Mentalität ist für einen privaten Unternehmer verständlich, für ein Gemeinwesen verderblich. [...]
Zitat von db01Diese Entwicklung ist vollkommen absurd. Auf der einen Seite zahlen Menschen in ihrem Urlaub dafür, um (archäologisch) arbeiten zu dürfen, dass muss man sich mal wirklich klar machen! Historische Doku-Sendungen erzielen Traumquoten und archäologische Ausstellungen erfreuen sich hoher Besucherzahlen. Der Großteil der Leute findet Archäologie absolut faszinierend, ständig kriegt man zu hören "Archäologie, oh ja, dass wollte ich auch schon immer mal machen". Aber gleichzeitig ist für den Beruf des Archäologen und somit für diejenige, die die ganze Grundlagenarbeit leisten, damit solche Angebote überhaupt angeboten werden können, kein Geld da. Stellen werden gekürzt, Kollegen werden befristet angestellt oder mit unterbezahlten halben Stellen abgespeist, auf denen aber eine Vollzeitarbeit verlangt wird! Nach drei Jahren läuft der Vertrag aus und wenn man Glück hat, beginnt das Ganze wieder von vorne. Das ist absolut beschämend!
Leider ist unsere Gesellschaft absolut verwertungsfixiert. Was keine schnellen Gewinne verspricht, genießt wenig Achtung. Diese Mentalität ist für einen privaten Unternehmer verständlich, für ein Gemeinwesen verderblich. Übrigens sind auch Ausgrabungen in Groß- Britannien mit volunteers gut besucht, obwohl man da vermutlich auch "bei Regen im Zelt schläft." :) Die das machen, sind Idealisten!
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