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Reise

Wanderung durch Äthiopien

Lalibela-Land

Das Hochland Äthiopiens erkundet man am besten wie die Bauern der Region: zu Fuß, mit einem Esel als Gepäckträger. Belohnt wird man mit überwältigenden Ausblicken und den mystischen Felsenkirchen von Lalibela.

Kirsten Milhahn
Von Kirsten Milhahn
Freitag, 10.11.2017   04:42 Uhr

Der Esel kennt den Weg. Er trottet geradeaus, über die Ebenen, die von der Sonne gelb und trocken gebrannt wurden. Auf dem Rücken trägt das Tier fest verzurrt unser Wandergepäck. Zusammen mit dem Bergführer Fentaw Asnake durchquere ich raschelnde Eukalyptushaine und aus Lehm errichtete Rundhüttendörfer.

Der 32-Jährige stammt aus der Gegend und kennt viele der Bewohner mit Namen. Vor den Häusern sitzen Frauen, mahlen Kaffee und getrockneten Mais in hölzernen Bottichen. Durch dichte Büsche hören wir Kinder kichern. Es ist der erste Tag unserer Wanderung durch das Wollo-Hochland im Norden Äthiopiens, eine von bizarren Bergen und tiefen Schluchten geprägte Landschaft.

Inmitten des Hochlands liegt Lalibela. In dem Städtchen leben mehr als 22.000 Einwohner. Es ist vor allem für sein weltweit einmaliges Wunder der Baukunst bekannt: Elf gut erhaltene Felsenkirchen aus dem späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert. Das Besondere an den Kirchen: Sie ragen nicht in die Höhe, sondern sind tief in den Fels gehauen - ihre Dächer schließen mit dem Boden ab.

Zur Person

"Sie wurden nicht gemauert", sagt Fentaw. "Ihre Wände, Säulen, Fenster und Türen sind aus einem Stück bis zu zwölf Meter tief ins terracottarote Gestein gemeißelt." Die Felsenkirchen zählen zum Unesco-Welterbe und zu den heiligsten Stätten der mehr als 1600 Jahre alten äthiopisch-orthodoxen Religion. 60.000 Pilger strömen jährlich nach Lalibela.

Religion, Berge - und ein Hauch von Jenseits

Wie das Land vereint der Ort früheste christliche Religionsgeschichte und atemberaubende Berglandschaft mit einem Hauch von Jenseitigkeit. Wer beides erkunden will, macht es wie die Bauern der Gegend und geht zu Fuß - mit einem Esel als Gepäckträger.

Meinen Reisebegleiter und den Esel habe ich bei TESFA gefunden, einer Organisation junger Bergführer mit Sitz in Lalibela. Aus dem Englischen übersetzt steht das Kürzel für "Tourismus in Äthiopien für nachhaltige Zukunftsalternativen". Hinter dem sperrigen Namen steckt eine einfache, aber sinnvolle Idee: Der Tourismus soll der Region nützen, anstatt nur Reiseunternehmen aus der Hauptstadt Addis Abeba oder dem Ausland davon profitieren zu lassen.

TESFA wurde als Hilfsprojekt vor über einem Jahrzehnt gegründet. Die Bergführer sprechen gutes Englisch, weil das unerlässlich ist, wenn man mit ausländischen Gästen arbeitet. Fentaw und seine Kollegen wollen, dass die Einnahmen in Lalibela und den umliegenden Dörfern bleiben. Von TESFA leben heute ein paar Dutzend Bergführer und Hunderte Familien in den Dörfern, die im Namen des Vereins elf Gästehäuser in den Bergen betreiben.

Fotostrecke

Äthiopien: Zu Fuß durchs Hochland

Unser Esel macht halt am Gasthof Mequat Mariam - drei runde Wohnhütten ohne Strom und ein Küchenhaus. Dazu ein Klohäuschen mit Freiluft-Dusche. Die Landschaft ist dafür umso spektakulärer. Direkt hinter den Hütten fällt die Ebene Hunderte Meter steil ab in eine idyllische Schlucht. Meine Hütte ist schlicht, aber gemütlich, mit strahlend weißer Bettwäsche zu unverputzten Wänden. Aus allen Fenstern - selbst aus dem Klohäuschen - hat man dieselbe atemberaubende Aussicht.

Immer dem Packesel nach

Ein Priester aus dem nahe gelegenen Dorf hat uns am Abend zu sich eingeladen. Als wir die Hütte erreichen, ist sie schon voller Gäste, alles Leute aus dem Ort. Im Kreis sitzen sie um eine Feuerstelle, schwatzen und lachen. Die Frau des Gastgebers bringt das Abendessen ans Feuer. "Injera, saurer Fladenteig aus Teff-Mehl. Musst du probieren", erklärt Fentaw und schiebt mir das Tablett mit dem Fladen zu, auf dem ein deftiges Rindfleischgericht angerichtet ist. Dann stimmt einer der Gäste die Masinko an, das traditionelle einsaitige Streichinstrument der Äthiopier. Er beginnt, dazu zu singen. Mancher Gast springt ans Feuer, stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt den Oberkörper im Takt des Eskesta, dem äthiopischen Schultertanz.

Bei Tagesanbruch sind wir wieder unterwegs, wandern auf schmalen Pfaden die Schlucht entlang durchs Hochland immer dem Packesel nach. Blutbrustpaviane, die es nur in Äthiopien gibt, lungern zwischen den Felsen am Wegrand herum. Bartgeier ziehen ihre Kreise. Wir halten Ausschau nach dem Äthiopischen Wolf, dem seltensten aller Wildhunde. Dann tauchen wir wieder ein in Lalibelas lärmende, staubige Straßen.

Es ist Markttag. An den Ständen häufen sich Hügel aus Teff, der Zwerghirse. Die Luft riecht nach Gewürzen. Es herrscht Gedränge. Am Abend will mir Fentaw einen ganz besonderen Ort in Lalibela zeigen. Wir biegen zu Fuß von der Hauptstraße in eine dunkle Seitengasse ab, gelangen im Lichtkegel unserer Taschenlampen an eine halboffene Pforte, steigen in einen Innenhof hinab und treten in einen festlich halb erleuchteten Wirtsraum voller lärmender Gäste und Masinko-Musik. Im Torpido Tej House serviert man uns Tej, ein verführerisch süßer Honigwein. Fentaw und ich stoßen an. Und dann führt sprichwörtlich eine Schnapsidee zum Höhepunkt meiner Reise.

Mit dem Tuk Tuk durch die Berge

Wir beschließen, in das rund vierzig Kilometer von Lalibela entfernt liegende Gebirge zur Felsenkirche Yemrehanna Kristos zu fahren. Sie gilt als die schönste der Region und ist schwer zugänglich. Deshalb wollen wir hin, quer durchs Hochland. "Mit dem Geländewagen? Kann doch jeder", winkt Fentaw meinen Vorschlag ab. Er hat eine bessere Idee. Wir reisen im Tuk Tuk.

Bald rumpelt das knallblaue Gefährt mit mir auf dem Rücksitz von den Hügeln hinab ins Tal und säuft gleich an der nächsten Anhöhe ab - zu staubig, der Pfad. Doch wir geben nicht auf. Anlassen, anschieben, los. Das Dreirad quält sich den nächsten Buckel rauf, und wieder säuft es ab. Vier unfreiwillige Stopps und etliche Steigungen später schnurrt das Gefährt endlich über den Serpentinenpfad, wir durchqueren Bergdörfer. Nach vier Stunden gelangen wir tatsächlich ans Ziel.

Yemrehanna Kristos ist in eine natürliche Höhle am Berghang gebaut. Nur Steinplatten und Holzbohlen hätten ihre Erbauer verwandt - ohne einen einzigen Nagel einzuschlagen, erzählt der Priester. Tausend Jahre schon zöge Yemrehanna Kristos Geistliche in ihren Bann.

In einer Nische des Kirchhofs lagern die mumifizierten Überreste von mehr als 700 orthodoxen Pilgern. Sie waren gekommen, um das Heilige Lalibelas zu erfahren. Sie sind geblieben.

Ich bleibe nicht. Dafür nehme ich eine Gewissheit mit. Man muss nicht religiös sein, um die Bedeutung dieser Gegend zu spüren. Das Gefühl, dass die Gegend um Lalibela magisch ist, kommt von ganz allein.

insgesamt 4 Beiträge
Schnabeltier 10.11.2017
1. Danke,...
..., liebe Frau Milhahn, für ein ganz eigenes Puzzlestückchen zum großen Afrika-Bild! Ich würde mir mehr derartige Artikel wünschen.
..., liebe Frau Milhahn, für ein ganz eigenes Puzzlestückchen zum großen Afrika-Bild! Ich würde mir mehr derartige Artikel wünschen.
magic88wand 10.11.2017
2. Ist ja ein Ding
War selbst vor 7 Jahren in Äthiopien und habe von derselben Felsklippe ein Foto gemacht, von genau demselben Fleck! Als Urlaubsziel sehr zu empfehlen, wenn einem Komfort nicht so wichtig ist.
War selbst vor 7 Jahren in Äthiopien und habe von derselben Felsklippe ein Foto gemacht, von genau demselben Fleck! Als Urlaubsziel sehr zu empfehlen, wenn einem Komfort nicht so wichtig ist.
e40 10.11.2017
3. Schliesse mich dem Dank an.
Schöner Beitrag jenseits des Mainstream.
Schöner Beitrag jenseits des Mainstream.
spaceagency 10.11.2017
4. Am schönsten nach der Regenzeit
Äthiopien ist dann sehr grün und fruchtbar. Zu empfehlen dort zu wandern wie in den Alpen finde ich allerdings etwas gewagt. Das Land ist sehr sehr schwierig und äusserst gebirgig. Das sind nicht einfach Mittelgebirgshügel. [...]
Äthiopien ist dann sehr grün und fruchtbar. Zu empfehlen dort zu wandern wie in den Alpen finde ich allerdings etwas gewagt. Das Land ist sehr sehr schwierig und äusserst gebirgig. Das sind nicht einfach Mittelgebirgshügel. Tuc Tucs sind empfehlenswert in und um die Städte, ausserhalb sind Busse besser oder 4x4 Fahrzeuge. Die Strassen sind erstaunlich gut aber an braucht viel Zeit weil diese natürlich der Topografie folgen und nicht wie in Europa durch Tunnels oder Brücken begradigt sind. Es gibt aber überall Hotels und die äthiopische Küche ist sehr gut. Ausser Lalilaba gibt es noch vieles zu sehen. Ganz eindrücklich sind die Nilfälle und der Tanasee mit den Klosterinseln. Auch Axum und Gondar sind sehr sehenswert. Wirklich schön in Äthiopien finde ich die Vielfalt des Landes, die wunderschönen Berge und das Volk das in grosser Würde versucht zu leben trotz Armut. Man sieht überall sauber gekleidete Kinder die zu Fuss zur Schule gehen. China ist heute sehr präsent mit Entwicklungs- und Infrastrukturprojekten.
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