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Reise

Amerikas Westen

Skywalk zwischen Tafelbergen

Der wilde, karge Westen der USA bietet beispiellose monumentale Landschaften. Man kann ihn aber auch anders erkunden: als Reise durch das Land der Native Americans und ihrer Kulturen.

TMN
Dienstag, 07.11.2017   12:22 Uhr

Die ersten Sonnenstrahlen verwandeln aufragende Schatten in rotglühende Sandsteinfelsen, die wie Nadeln in den Himmel ragen. Der Tag erwacht im Monument Valley Navajo Tribal Park, der sich von Arizona bis Utah erstreckt. Wir alle kennen diese Landschaft: John Wayne und Kollegen schossen und ritten hier in jedem zweiten Western. Es ist eines der berühmtesten Panoramen der Welt.

Harry Nez trägt einen Cowboyhut auf seinem vollen grauen Haar und blickt in die aufgehende Sonne: "Ich genieße dieses Wunder fast jeden Morgen." Der Tourguide dreht sich mit ausgestrecktem linken Arm langsam um die eigene Achse und sagt: "Das alles gehört meinem Volk." Er meint nicht nur das Monument Valley, sondern weit mehr: Die Navajo Nation Reservation ist ungefähr so groß wie Bayern.

Touristen auf Rundreise erfahren durch Hinweisschilder am Straßenrand, dass sie sich in einem Reservat befinden. Gut 300 Indian Reservations gibt es zwischen Kalifornien und Florida. Sie sind natürlich nicht umzäunt, haben keine sichtbaren Grenzen. Die Gebiete sind den Native Americans vorbehalten, aber natürlich leben längst nicht alle der knapp 350.000 Navajo, die sich Diné nennen, im Reservat, erklärt Harry Nez.

Die Fahrzeuge der Touristen wirbeln an diesem Morgen in Monument Valley mächtig Staub auf. Auf der gekennzeichneten Hauptstrecke dürfen sie ohne Führer zwischen Felswänden und -zacken durch die Halbwüste kurven. Das beliebteste Fotomotiv: West Mitten Butte, East Mitten Butte und Merrick Butte. Im 90-Grad-Winkel erheben sich die drei Tafelberge spektakulär aus dem Sand.

Harry Nez nimmt für die gut dreistündige Tour im Geländewagen auf teils versteckten Wegen 90 Dollar. Nicht ganz günstig, aber ein Erlebnis. An einer Stelle bittet der Navajo darum, sich neben ihn auf eine Steinplatte zu legen. Blick nach oben in Richtung Felsgewölbe, das aussieht wie ein Adlerkopf. Durch ein kleines Loch strahlt es himmelblau - das Auge des Adlers.

TMN

Das Auge des Adlers

Zwei Kilometer weiter stehen ein paar flache, schlichte Häuser aus Holz und Stein. Ein paar Hundert Indianer leben in Monument Valley, einige wenige sogar in traditionellen Hogans. So ein Kuppelbau ist fensterlos, errichtet aus Baumstämmen und Lehm, mit Sandboden, Eingang in Richtung Sonnenaufgang - sie sehen aus wie Iglus aus roter Erde. Eula, Ende 20, verkauft darin Gemälde, Fotos, Wandteppiche, Pfeilspitzen und Schmuckstücke. "Der Tourismus hilft uns. Etliche Besucher sind einfühlsam, wissen, was unseren Vorfahren angetan wurde", sagt sie.

Monument Valley ist für die meisten Reisenden ein Höhepunkt auf ihrer Tour durch den Westen der USA. Doch die zur Erkundung der Reservate der ansässigen Stämme zu nutzen, gibt der Reise eine völlig andere Perspektive. Es ist ein anderes Amerika, das da, 650 Kilometer von Las Vegas entfernt, beginnt.

Tour durchs Land der Reservate

Peach Springs liegt an der Route 66, hatte aber schon lebhaftere Zeiten. Neue Autobahnen haben die legendäre Landstraße zur verkehrsberuhigten Zone gemacht. Die Tankstelle am Ort taugt als ikonisches Fotomotiv, sonst aber zu wenig - sie ist längst geschlossen.

Peach Springs ist aber auch der Hauptort des kleinen Stammes der Hualapai. Knapp 2000 Ureinwohner leben zwischen Grasland, Wäldern und Grand Canyon. "Wir zahlen keine Pacht oder Miete auf unserem Land", sagt Lyndee Hornell. Sie arbeitet im touristenfreundlichen Kulturdepartment des Stammes, erklärt gern, wie man hier lebt. Vor dem Walapai Market trinken junge Leute Cola und Kaffee. Alkohol wird in den meisten Reservaten nicht verkauft, aus guten Gründen.

Info-Kasten: Rundreise auf den Spuren der Indianer

Anreise und Route
Ausgangspunkte und Ziel der Reise im Westen der USA ist Las Vegas in Nevada. Flüge ab Deutschland gibt es mit einem Zwischenstopp etwa an der US-Ostküste. Stationen mit dem Mietwagen: Hoover Dam, Route 66 mit der Hualapai-Kommune in Peach Springs, Dörfer und Galerien der Hopi, die Navajo-Highlights Wupatki, Canyon de Chelly und Monument Valley, Gallup mit Ausflügen zu Zuni und Acoma. Vom Monument Valley über Grand Canyon nach Las Vegas zurück.
Reisezeit
Am besten von Frühjahr bis Herbst. Im Winter droht Schnee und Eis auf gebirgigen Straßen.
Einreise
Deutsche Urlauber brauchen kein Visum, müssen sich unter https://esta.cbp.dhs.gov aber eine elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) besorgen. Sie kostet 14 US-Dollar und gilt zwei Jahre lang.
Praktische Tipps
Den Mietwagen in Deutschland reservieren, ein Zimmer nahe Monument Valley früh buchen und das in Las Vegas besser zwischen Montag und Donnerstag. Die gesamte Route (gut 2500 Kilometer) kann gemütlich in 14 Tagen absolviert werden. Wer mehr Indianerstämme sehen will, fährt auch in den Süden von Arizona mit den Apachen und anderen Stämmen sowie in die Metropole Phoenix.
Informationen
Arizona Office of Tourism c/o Kaus Media Services, Luisenstr. 4, 30159 Hannover (Tel.: 0511/899890-0, E-Mail: info@kaus.net).

Weiter im Osten, in Flagstaff, füllen auch die Native Americans kistenweise Bier und Whiskey in den Kofferraum. Getrunken wird in den eigenen vier Wänden. Vielerorts sind Arbeitslosigkeit, auch Drogen- und Alkoholsucht verbreitet. Die Eroberung des Westens ging mit der Entrechtung seiner Einwohner einher. Erst spät erhielten die Indigenen wieder Landrechte, Autonomie, begehrte Lizenzen für Kasinos und das Recht auf eigene Polizei und Justiz. Es hat den Niedergang nicht überall stoppen können, doch in gut organisierten Reservaten lebt die indigene Kultur wieder auf.

Dass die sich auf Tippies, Büffel und Nomadentum beschränkte, war schon immer ein Märchen. Auch unter den Native Americans gab es Haus- und Städtebauer, gerade hier. Zwischen Flagstaff und der Navajo-Gemeinde Tuba City liegen Wupatki und weitere historische Ruinen. Aus flachen Sandsteinblöcken haben hier im 12. und 13. Jahrhundert Anazasi und Sinagua sogar mehrstöckige Häuser und heilige Stätten gebaut. Heute noch ragen Mauern, historische Treppen und hohe Fassaden aus der kargen Landschaft und erinnern an die Baukunst dieser inzwischen verschwundenen Völker.

Fotostrecke

Navajo-Land: Amerikas Westen auf den Spuren der Indianer

Im nahen Tumba, im Westen des Reservats der Diné, klärt ein interaktives Museum über die Geschichte der Navajo-Völker auf. Weiter östlich leben Hopi. Drei Mesa (Tafelberge) überragen das kleine Reservat, das komplett von Navajo-Land umschlossen wird. Ein paar Häuser sind noch im traditionellen Pueblo-Stil mit zwei, drei Stockwerken gebaut. "Wir sind ein kleines Volk der großen Künstler", sagt Marilyn Fredericks in der Galerie Hopi Fine Arts, die ihrer Schwester Evelyn gehört.

Zwischen echten Einblicken und Folklore

Marilyn zeigt Skulpturen und traditionellen Hopi-Schmuck. Sie hat einen Tipp für uns, mahnt aber zu Respekt: "Heute findet ein spirituelles Fest in Kykotsmovi statt. Bitte davon keinesfalls Fotos machen! Später die Menschen ansprechen und höflich fragen!"

Wer prächtige Fotos will, die mit Wigwam, Federschmuck, Tänzen und Friedenspfeife an Geschichte und Klischees erinnern, besucht stattdessen eines der vielen farbenprächtigen Pow-Wow-Feste.

Gallup in New Mexico hat eine kleine Altstadt, indianische Wandmalereien sowie viele Restaurants, Hotels und Shops mit Kunsthandwerk der Ureinwohner zu bieten. Das Kasino ist ein Schmelztiegel: Man sieht Indianer, Weiße, Schwarze, Latinos und ausländische Touristen. Eine besondere Attraktion: Jeden Sommerabend tanzen Indianer verschiedener Stämme gemeinsam auf dem Courthouse Square für Touristen.

"Hier sind heute Navajo, Zuni und Acoma", erklärt Britanny Garcia, eine Acoma. "Wir sind ein kleiner Stamm in New Mexico, keine zwei Autostunden von Gallup entfernt." Die Acoma bieten volles Kontrastprogramm: ein Kasino an der Autobahn und ein paar Kilometer entfernt ein traditionelles Pueblo-Dorf mit Museum und Kunstwerkstätten. Zugang gegen Eintritt (23 Dollar) und nur mit Führer.

Das kleine Reservat der Zuni, ein Volk der Schmuckmacher, Flechter und Maler, liegt eine Autostunde südlich von Gallup. Im Ort Zuni Pueblo zeugen große Gemälde in kräftigen Farben auf Wänden und Mauern von Göttern, Helden, Tieren und Riten.

Die Tour durch die Stammesgebiete endet nach rund 1500 Kilometern Wegstrecke am Rand des Canyon de Chelly zwischen Gallup im Süden und Monument Valley. Dunkelrote Felsen erheben sich als mächtige Quader und fantasievolle Gebilde aus dem sattgrünen Talboden. Einer der Stars ist Spider Rock, zwei bis zu 240 Meter hohe Felsnadeln.

Seit etwa 5000 Jahren sollen die Schlucht und ihre Ausläufer besiedelt sein. Heute noch leben dort Navajo teils in Felswohnungen und alten Farmhäuschen und bestellen ihre Felder wie vor 100 Jahren. Es sind Einblicke, die derjenige, der nur auf die spektakulären Landschaften am Grand Canyon schaut, leicht übersieht.

Bernd Kubisch, dpa/pat

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