Lade Daten...
19.02.2008
Schrift:
-
+

Berg-Karabach

Auferstehung aus Ruinen

Aus Schuschi berichtet Stephan Orth

2. Teil: Stalinorgeln und Kriegshelden

Hinter einer langen Militärkolonne aus großen Lastern in Tarnfarben, die schwere Artilleriegeschütze und Stalinorgeln transportieren, führt die Route aus Stepanakert heraus weiter zum Fort von Tigranakert, dann in Askeran zum Fort und zu einem Panzer, einem der ersten Tanks, die aus der Schlacht gegen die Aserbaidschaner zurückkehrten. Heute steht er auf einem Betonsockel und ist mit frischen Blumengestecken geschmückt.

Außer Kloster Gandzasar haben die meisten Sehenswürdigkeiten etwas mit den Kriegen der Vergangenheit zu tun. "Franzosen laufen weg vor Konflikten mit anderen, Armenier tragen sie aus", sagt Armen. Während viele Armenier von einem besseren Leben im Westen träumen, hat er hier, zwischen den Ruinen von Schuschi, eine neue Heimat gefunden.

Etwas widerwillig hält der armenische Taxifahrer an einem aserbaidschanischen Friedhof. Er steht nicht in Armens Reiseführer, ein Berg rostiger leerer Konservendosen liegt am Eingang. Kreuz und quer stehen hier Hunderte Grabsteine mit arabischen und aserbaidschanischen Schriftzeichen zwischen zwei Mausoleen. Ungepflegter Rasen wuchert um die Gräber, die ältesten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der Friedhof mit seinen fremdartig wirkenden Reliefs ist ein bewegender Ort der Ruhe. In Sichtweite lässt sich im Osten die fragile Grenzlinie erahnen.

Direkt neben dem Friedhof führt die sauber geteerte Hauptstraße vorbei. Sie ist in besserem Zustand als die meisten armenischen Straßen. Auch die Boulevards und die zentralen Wohnungen und Regierungsgebäude der Hauptstadt Stepanakert erstrahlen in frisch renoviertem Glanz. Das verdanken die Menschen hier den reichen Diaspora-Armeniern im Ausland. Gäbe es nicht Millionenspenden aus den USA, Russland und Frankreich, würde die Region vermutlich immer noch in Schutt und Asche liegen.

Ein Dörfchen als Millionärs-Denkmal

Der Diaspora-Millionär Levon Hayrapetyan hat sich im Dörfchen Vank ein Denkmal gesetzt: Das Zentrum des aus nur etwa 20 Häusern bestehenden Ortes dominiert eine Art Veranstaltungszentrum in Form eines Schiffes, dessen Wand mit bunten Mosaiksteinen wie in einem Hundertwasser-Gemälde bestückt ist. Kein Besucher ist in dem Café. Eine Hängebrücke aus Holz führt über einen Fluss zur verwaisten Open-Air-Bühne neben Wasserspielen. Auch eine neue Schule wird hier gerade gebaut. Ein "Don't Litter"-Schild soll die Einwohner davon abhalten, nach alter Gewohnheit ihren Müll direkt am Straßenrand zu entsorgen.

Auch Armen kümmert sich um die Infrastruktur von Berg-Karabach: Er hilft nicht nur Investoren bei der Objektsuche, er will sich ein Haus am Stadtrand von Schuschi bauen. "Wenn ich gute Materialien und gut bezahlte Arbeiter verwende, kostet das 80.000 Euro", erzählt er bei Pfannkuchen mit zwölf Kräutern und süßlichem Rotwein im örtlichen Restaurant. Aus Geldmangel plant er bis zu 20 Jahre ein, bis die neue Heimstätte für seine Regale voller Fotoalben, Bildbände und Bücher über Berg-Karabach fertig ist. Das Bauprojekt zeigt den Optimismus, mit dem er beim Wiederaufbau einer Stadt hilft, die die Armenier im Krieg selbst zerstört haben. Denn in 20 Jahren könnte viel passieren an der fragilen Ostgrenze zwischen Berg-Karabach und den aserbaidschanischen Truppen.

Doch solange es nicht zu erneuten Kriegshandlungen kommt, solange Großmächte wie Russland, Frankreich oder die USA keine Partei in dem Konflikt ergreifen, kann der armenische Wiederaufbau in der offiziell aserbaidschanischen Provinz weitergehen. Vielleicht kommen bald auch die ersten Touristenbusse und damit potentielle Käufer für Armens Reisebüchlein. Sie werden von Gandzasar, Askeran und Tatik Papik lesen, aber nichts von einem aserbaidschanischen Friedhof: Auch Reiseführer können politisch sein.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter RSS
alles zum Thema Zentralasien-Reisen
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten