19.02.2008
Berg-Karabach
Auferstehung aus Ruinen
Aus Schuschi berichtet Stephan OrthDie Landmine explodiert etwa 30 Meter von der Kirchenmauer entfernt mit einem dumpfen Knall. Ein paar Besucher und ein Priester in schwarzer Robe ducken sich hinter der Mauer, die das Kloster von Gandzasar umgibt. Die Druckwelle ist trotzdem zu spüren. Als die Männer sich erheben, treibt schon eine leichte Brise den aufgewirbelten Staub von der Kirche weg nach Osten. Dahin, wo in nur wenigen Kilometern Entfernung die Truppen von Berg-Karabach die Grenze zu Aserbaidschan kontrollieren. Soldaten sind auch für die gerade erlebte Explosion verantwortlich, ein Blindgänger musste unschädlich gemacht werden. Absperrungen gibt es keine, die Anwohner wurden vorher informiert - solche Sprengungen sind Routine in den verminten Landstrichen der kriegsgebeutelten Niemandsrepublik Berg-Karabach.
Ein Gemälde des Klosters von Gandzasar hängt über der Wohnzimmertür von Armen im etwa 70 Kilometer entfernten Schuschi. Deutlich zu erkennen sind die typisch armenische Rundkuppel, der mehrgliedrige Eingangsbogen, die kunstvoll modellierten Reliefdarstellungen von Tigern und Löwen. Im Vordergrund sind ein paar Soldaten mit Maschinengewehren zu sehen, es ist ein Motiv aus Kriegszeiten. Armen ist überzeugt: "Gandzasar ist das schönste Kloster Armeniens." Das Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert ist eines der Top-Ziele, die er in seinem jüngst fertig gestellten französischsprachigen Reiseführer für Berg-Karabach empfiehlt.
Der 29-Jährige hat einen armenischen Großvater, wurde aber in Marseille geboren und lebt seit drei Jahren in Schuschi. Er verrät seinen tatsächlichen Nachnamen nicht und nennt sich jetzt Armen de Shoushi - wie ein Adliger oder ein Kriegsheld aus einem Schelmenroman. Auch seinen Lebensunterhalt verdient er unter diesem Namen, als Berg-Karabach-Korrespondent für die in Frankreich erscheinende Monatszeitschrift "Les nouvelles d'Arménie Magazine". Das wirft nicht viel Geld ab, aber für ein Leben in Schuschi reicht es. "Ich habe hier alles, was ich brauche", sagt Armen. Gerade hat er einen 4000-Liter-Wassertank auf dem Dachboden installiert, Luxus in einem Ort, in dem die meisten Familien nur für ein paar Tage im Monat Wasser haben.
Verwüstung durch den Krieg
Berg-Karabach ist mit 4400 Quadratkilometern etwa fünfmal so groß wie Rügen. Seit Jahrzehnten ist das Gebiet ein Zankapfel zwischen Aserbaidschan und Armenien. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte die armenische Bevölkerungsmehrheit 1991 die "Republik Berg-Karabach" für unabhängig von Aserbaidschan, danach herrschte bis 1994 Krieg: Eine Million Aserbaidschaner mussten fliehen, auf beiden Seiten starben Zehntausende.
Auf offiziell aserbaidschanischem Gebiet leben hier heute etwa 140.000 Einwohner mit eigener Regierung und Verfassung, die meisten sind Armenier. Dazu kommen mehr als 20.000 armenische Soldaten, um die Grenzen zu halten. Bezahlt wird mit armenischen Drams, und Besucher ohne armenische Staatsbürgerschaft brauchen ein eigenes Visum, obwohl die Republik international nicht anerkannt ist.
Laut Geschichtsbüchern und Jahreschroniken halten die Armenier das Gebiet besetzt. Der Uno-Sicherheitsrat verurteilte 1993 die Zerstörung, die armenische Soldaten in aserbaidschanischen Dörfern der Region anrichteten. Die Armenier dagegen sagen, sie haben sich einen Teil dessen zurückerkämpft, was ihnen Stalin in den zwanziger Jahren weggenommen habe. Wie so viele Konflikte um Land und Grenzen erscheint auch dieser unlösbar. Denn die Wahrheit hängt allein davon ab, aus welcher Geschichtsepoche die Landkarte stammt, an der man sich orientiert.
Auf der großen Karte, die Armen auf seinem Tisch ausbreitet, ist Berg-Karabach genau wie Armenien grün eingefärbt, darum windet sich lilafarben Aserbaidschan. "Landkarten sind politisch", ist einer seiner Lieblingssätze. Er wird wütend, als er in einem Wanderführer für Armenien blättert, in dem Berg-Karabach nicht eingezeichnet ist. "Eine Schande ist das", sagt er und kündigt an, am nächsten Morgen den Verfasser anzurufen.
Sie nennen ihn den "Franzosen"
Über einem Stuhl leuchtet eine riesige armenische Fahne in Gelb, Blau und Rot im Licht der Abendsonne. Vom Balkon kann man die Bauarbeiter auf dem Dach einer Schulruine beobachten. Die Wohnzimmerregale sind voller dicker Wälzer und Berg-Karabach-Souvenirs. Armen betreibt ein kleines Bed & Breakfast mit zwei Schlafzimmern, seine Gäste schlafen in rostigen Metallbetten auf durchgelegenen Federkern-Matrazen. Zum Frühstück serviert er süßes Brot mit Honig, Akbar-Tee mit Zitronen- oder Himbeergeschmack und weich gekochte Eier. Die Lebensgeschichte des Gastgebers gibt es gratis dazu.
In den vergangenen drei Jahren ist Armen viel herum gekommen in Berg-Karabach. Er arbeitete für die Nichtregierungsorganisation "All Armenian Fund" und unterstützte Umwelt- und Immobilienprojekte. "Ich kenne die Straßen hier besser als die meisten Taxifahrer. Oft sage ich denen, wohin sie fahren müssen", sagt der 29-Jährige, der die Hose stets etwas zu hoch über dem Hemd trägt. Mit seinem neuen Nachnamen haben sich die Nachbarn noch nicht angefreundet, sie nennen ihn schlicht "den Franzosen". Wenn er über die Schönheiten seiner Wahlheimat spricht, offenbart sein bübisches Grinsen eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen.
Und Armen spricht oft und viel von den Schönheiten von Berg-Karabach. Im Lada-Taxi fahren Gäste seine Tipps für eine Tagestour ab. Erster Stopp ist die Hauptstadt Stepanakert mit dem armenischen Nationaldenkmal Tatik Papik. "Wir sind unsere Berge" heißt die Skulptur zweier kantiger Riesenköpfe aus massiven rötlichen Steinquadern - also ob sie sagen wollten: Seht her, dieses Land gehört uns. In Armens Wohnzimmerregal stehen Dutzende Plastikmodelle der Skulptur.