01.03.2010
Tauchen vor Indonesien
Tanz der Teufelsrochen
Von Linus GeschkeNach Nusa Penida kommt man nicht, um gemütlich von hier nach dort zu tauchen. Man schaut sich auch nicht in Ruhe farbenprächtige Korallenformationen an. Die 20 Kilometer lange Insel inmitten der Wasserstraße zwischen Bali und Lombok ist ein Gebiet für Taucher, die nur eines wollen: Mantas begucken, bestaunen, bewundern.
Einer, der gern guckt und bewundert, ist Dieter Merz. Das Staunen jedoch hat er sich in den sechs Jahren abgewöhnt, die der Schweizer bereits auf Bali lebt. Zumindest wenn es um Mantarochen geht: "Weltweit gibt es nur eine Handvoll Plätze, an denen man fast eine Garantie auf Mantasichtungen hat. Nusa Penida ist einer davon. Was mich hier zum Staunen bringt, ist eher das Verhalten vieler Taucher."
Der 53-jährige Merz betreibt eine Tauchbasis im balinesischen Pemuteran, mehrere Autostunden von Padang Bai entfernt, dem Ausgangspunkt für Bootsfahrten nach Nusa Penida. Dennoch war er in den ersten Jahren mit seinen Gästen häufig hier, konnte sich nicht satt sehen am Ballet der Teufelsrochen, die immer wieder die gleiche Stelle aufsuchen, um sich dort von Putzerfischen die Kiemen reinigen zu lassen. Teufelsrochen, so nannte man Mantas früher aufgrund ihrer Kopfflossen, die wie Hörner abstehen und dem Mund planktonreiches Wasser zuführen.
Heute betrachtet Dieter Merz, den alle nur "Düde" nennen, das Schauspiel mit gemischten Gefühlen. Zu viele Taucher treffen auf zu wenige Mantas. Es sind ungleiche Begegnungen: Die Taucher fotografieren, und die Mantas werden fotografiert; die Taucher bedrängen, und die Mantas werden bedrängt. Manchmal erscheint es Merz, als würde der Respekt vor der Natur in dem Moment verschwinden, wenn im Fotografen das Jagdfieber erwacht.
Die "Putzerstation" liegt in knapp zehn Meter Wassertiefe oberhalb eines kleinen Plateaus, und würden die Taucher nur ein wenig Abstand halten, könnten beide in friedlicher Koexistenz genießen: die einen ihre Reinigung, die anderen den Anblick. Aber viele Taucher wollen noch dichter ran, ein paar Zentimeter mehr Distanz überwinden, so lange, bis den Rochen als letzter Ausweg nur die Flucht ins große Blau bleibt. Am schlimmsten sind für Merz die Hobbyfotografen: "Ein Profi kann meist gut tarieren und weiß genau, wie dicht er sich den Tieren nähern kann, ohne diese zu verscheuchen. Die meisten Hobbyknipser leider nicht."
Fotografen-Leid
Nusa Penida ist nicht einfach zu erreichen. Hier, wo die Wassermassen des Indischen Ozeans auf die des Pazifiks treffen, sind starke Strömungen und hoher Wellengang an der Tagesordnung. Schon die knapp einstündige Überfahrt von Padang Bai aus ist, je nach Betrachtungsweise, abenteuerlich - oder so romantisch wie Dauerübergeben. Von starken Außenbordmotoren vorwärts gepeitscht, schieben sich die in Gischt gehüllten Tauchboote in den schmalen Durchgang zwischen Nusa Penida und der kleinen Schwesterinsel Nusa Ceningan, bis sie den geschützten Tauchplatz "Manta Point" erreichen. Ein letzter Blick auf die Insel, über deren schroffe Küste eine tropische Vegetation wacht, und mit einem Sprung vorwärts geht es für die Taucher hinab.
Vorne weg flösseln Barbara und Wolfgang Pölzer. Der professionelle Unterwasserfotograf aus Österreich ist mit seiner Frau schon seit fünf Wochen auf Bali, um Fotos für einen Tauchreiseführer zu schießen. Es scheint, als hätten die Mantas nur auf ihn gewartet. Majestätisch ziehen sie ihre Kreise über dem Plateau, während Pölzer tiefer bleibt, damit sich ihre Körper besser von der hellen Wasseroberfläche abheben. Er bringt sich unter ihnen in Position, "Zisch" macht das Blitzgerät, und für Beobachter sieht es fast so aus, als würden Fotograf und Manta miteinander tanzen.
Plötzlich schießt ein asiatischer Taucher an Pölzer vorbei, bewaffnet mit einer Kameraausrüstung, die der eines Profis Konkurrenz machen könnte. Mit hektischen Bewegungen, die an einen ertrinkenden Hund erinnern, stürmt er das Plateau hinauf. Pölzer könnte vor Wut in sein Kameragehäuse beißen: Das war es dann. Manta weg. Gute Bilder weg. Was bleibt, ist ein dicker Hals.
Zurück an Bord des Tauchschiffes, blicken sich Dieter Merz und Wolfgang Pölzer in die Augen. Die Gefühle sind ambivalent: Beiden ist klar, dass sie zu dem Run, der auf die Mantas herrscht, ihren Teil beigetragen haben. Der eine mit seinen Gästen, der andere durch seine Bilder, die in Magazinen die Schönheit und Eleganz der Tiere widerspiegeln. Merz hat daraus bereits Konsequenzen gezogen: "Ich fahre deutlich seltener nach Nusa Penida raus. Und auch nur dann, wenn ich Gäste auf meiner Basis habe, die sich an die Regeln halten. Wenn man etwas liebt, will man es auch erhalten."
Mondfische zwischen den Welten
Zwischen Bali und Lombok verläuft die "Wallace-Line", eine biogeografische Trennlinie zwischen asiatischer und australischer Tier- und Pflanzenwelt. Benannt nach dem britischen Forscher Alfred Russel Wallace, der die Inseln Mitte des 19. Jahrhunderts erkundete, gilt die Region auch unter Wasser als "Hotspot" des Artenreichtums. Neben den ganzjährig anzutreffenden Mantas ist Nusa Penida in Taucherkreisen auch für die Sichtungen von Mondfischen bekannt - insbesondere in den Monaten Juli bis Oktober.
Auf den mit über drei Meter Durchmesser und zwei Tonnen Gewicht schwersten Knochenfisch der Welt hat es der Österreicher Pölzer beim zweiten Tauchgang abgesehen. Bei Crystal Bay, einer Bucht, die inmitten des Kanals zwischen Nusa Penida und Nusa Ceningan liegt, zwängt sich der 40-jährige Fotograf ein weiteres Mal in seinen klammen Tauchanzug aus Neopren. Pölzer weiß, was ihn erwartet: Strömungen, so stark, dass ein Anschwimmen dagegen unmöglich ist. Dazu Wassertemperaturen, die durch das nährstoffreiche Tiefenwasser um über zehn Grad unter den auf Bali sonst üblichen Temperaturen liegen. Wer spektakuläre Bilder schießen will, muss leidensfähig sein.
Kaum im Wasser, wird Pölzer mitgerissen. Die Strömung wirkt auf sein ausladendes Kameragehäuse wie stürmischer Wind auf die Segel eines Schiffes, der Riffhang fliegt im Eiltempo vorbei. Ihm auf den Fersen ist Düde Merz, der eine Oberflächenboje hinter sich her zieht - anders könnte das Tauchboot den beiden nicht folgen. Im Freiwasser stehen Tunfischschwärme, an den Abhängen lassen sich vereinzelt Weißspitzen-Riffhaie sehen, gelegentlich schwebt ein Adlerrochen vorbei. Für erfahrene Taucher ist dies ein Tauchgang par excellence, für den Fotografen Pölzer harte Arbeit. Arbeit, die dazu noch unbelohnt bleibt: kein Mondfisch in Sicht. "Halb so wild", sagt er später. "Das Meer ist halt kein Streichelzoo."
Barbara und Wolfgang Pölzer bleiben noch ein paar Tage in der Region. Solange, bis er die Bilder auf dem Speicherchip hat, die er für seinen Reiseführer braucht. Merz dagegen macht sich auf den Weg zurück nach Pemuteran, wo das Tauchen so ist wie die Insel Bali: sanft und entspannend. Direkt vor seiner Tauchbasis kümmert er sich um eines der ältesten künstlichen Riffprojekte, wo Korallen auf unter leichtem Strom stehenden Drahtgestellen zum Wachstum angeregt werden.
Für Merz liegt die Schönheit beim Tauchen auch im Betrachten der kleinen Dinge - ganz ohne Strömung, Manta und Mondfisch.

