27.12.2011
Kreuzfahrt in der Antarktis
Eis am Kiel
Ich bin fertig mit der Welt. Meine Augen suchen Halt am Horizont, während der Bug gerade mal wieder in einem tiefen Wellental eintaucht und die Gischt bis zur Brücke hochspritzen lässt. Neben mir blickt Andre, der russische Kapitän der "Akademik Ioffe", seelenruhig auf das sturmgepeitschte Südpolarmeer. Ich sehne das Erreichen der Antarktischen Halbinsel geradezu herbei.
24 Stunden zuvor habe ich mit 60 anderen Reisenden Ushuaia in Feuerland verlassen. Noch einmal die gleiche Zeit wird es dauern, bis das russische Forschungsschiff die wegen ihrer Stürme gefürchtete Drake-Passage überquert und die Antarktis erreicht hat. Dabei ist diese Route die bei weitem kürzeste: Von Südafrika aus liegt der Kontinent 4000 Kilometer, von Australien 3000 Kilometer entfernt.
Eine Schiffsreise ist nach wie vor die einzig bezahlbare Möglichkeit, die Antarktis kennenzulernen - und als Lektor eines Fotoworkshops wurde ich vom Veranstalter Polar Kreuzfahrten für die Tour an Bord geholt. Die Kabinen sind in der Vorweihnachtszeit nur zur Hälfte besetzt, die russische Besatzung und die Reiseleiter haben viel Zeit für die Passagiere. Die sind meist jung und unkonventionell, stammen aus 16 verschiedenen Ländern und möchten kein "Traumschiff", sondern eine sichere Möglichkeit, den siebten Kontinent kennenzulernen.
1989 in Finnland als Forschungsschiff gebaut, ist die 117 Meter lange und 18 Meter breite "Akademik Ioffe" bis heute zusammen mit ihrem Schwesterschiff "Akademik Sergey Vavilov" im Süd- und Nordpolarmeer unterwegs, um mit hochempfindlichen Antennen hydroakustische Untersuchungen durchzuführen. Der russische Staat finanziert das Ganze mit den Chartergebühren für Kreuzfahrten wie der unsrigen.
Kontinent der Extreme
Die zweite Nacht in meiner schlichten, aber warmen Kabine ist nicht ruhiger als die erste, dann hat sich das Südpolarmeer beruhigt. Als ich aufs oberste Deck steige, schlägt mir ein eisiger Wind entgegen, auf dem Meer treiben erste Eisberge. Südlich des 60. Breitengrades sind wir bereits offiziell in der Antarktis unterwegs, doch nun taucht Antarctica, wie der Kontinent selbst genannt wird, aus den Wolken auf.
Es ist für mich trotz vieler Reisen weltweit immer noch ein ganz besonderes Gefühl, ein neues Land, in diesem Fall gar einen Kontinent, zum ersten Mal zu besuchen. Ich bin überrascht, wie schroff und hoch die Berge sind, allesamt vergletschert. Auch das Meer ist nun mit einer Eisdecke überzogen, durch die sich das eistaugliche Schiff mühelos einen Weg bahnt. Vorerst. Denn je näher wir der Küste kommen, desto dicker wird das Eis, und bald stehen wir still.
Ich gehe runter auf die Brücke und sehe den Kapitän über den Radarschirm gebeugt. Es scheint Mitte Dezember noch keine Durchfahrt durch den Lemaire-Kanal zu geben. Die "Akademik Ioffe" dreht vor der Petermann-Insel ab und nimmt Kurs nach Norden, um in der sogenannten Gerlache-Straße der Westküste der Antarktischen Halbinsel nach Norden folgen zu können.
Antarctica ist ein Kontinent der Extreme - keiner ist kälter, windiger oder trockener. Die tiefste, jemals gemessene Temperatur betrug minus 89,2 Grad Celsius, Windgeschwindigkeiten von über 300 km/h sind keine Seltenheit. Und da kalte Luft kaum Feuchtigkeit speichern kann, weisen viele Gebiete mit 50 Millimeter pro Jahr Niederschlagswerte auf, die mit denen der Sahara vergleichbar sind.
Karges Leben in der Antarktis
97 Prozent der Fläche sind von einem Eispanzer überzogen, der eine durchschnittliche Dicke von 2,3 Kilometern aufweist und sich zum Teil bis zu vier Kilometer hochwölbt. Neben dieser 14 Millionen Quadratmeter großen Eisfläche ist die Hälfte der antarktischen Küsten von Eisschelfen umgeben. Im Winter verdoppelt sich die Eisfläche noch einmal, wenn das die Antarktis umgebende Südpolarmeer zufriert.
Wo der Eispanzer Land freigibt, liegt polare Wüste. Entsprechend artenarm sind Fauna und Flora: Das größte Landtier in der Antarktis, die flügellose Zuckmücke Belgica Antarctica, misst gerade mal zwölf Millimeter, und gerade mal zwei Blütenpflanzen können in geschützten Lagen existieren. Das Leben in der Antarktis findet hauptsächlich an den Küsten statt, dort dafür umso intensiver.
Vier Stunden später laufen wir die Dorian-Bucht auf der Westseite der Wiencke-Insel an. Der Kapitän lässt Anker setzen, ein Ladekran hebt sechs Zodiac-Schlauchboote auf das Wasser, und die 60 Passagiere werden damit an Land gebracht. Zum ersten Mal betrete ich in der Antarktis Land, wenn auch erst eine dem Kontinent vorgelagerte Insel.
Der höchste Punkt einer gletscherbedeckten Landzunge heißt Damoy Point und würde eine gute Aussicht bieten, wäre der Himmel nicht wolkenverhangen. Von hier blicke ich auf die benachbarte Bucht von Port Lockroy. Dort steht das historische Bransfield House, in dem die Briten bis 1962 Forschungen betrieben.
Eisige Berge unter Wasser
Wieder am Strand erwarten mich 4000 Eselspinguine, die in einer Kolonie brüten. Die 70 bis 80 Zentimeter großen Tiere zeigen kaum Angst und nähern sich neugierig. Ihren Namen verdanken sie einzigartigen Lauten, die an Eselgeschrei erinnern. Anhand ihrer Größe und ihres schwarzorangen Schnabels kann man sie leicht von ihren nahen Verwandten, den Adélie- und Zügelpinguinen, unterscheiden.
Als Passagiere und Team wieder an Bord sind, verlassen wir den Neumayer-Kanal und steuern im nordöstlich gelegenen Errera-Kanal die Antarktische Halbinsel an. Während die meisten Passagiere bei einer Pinguinkolonie an Land gehen, bin ich gemeinsam mit der Schweizer Fotografin Daisy Gilardini in einem Zodiac-Boot unterwegs, um Eisberge zu fotografieren.
Endlich teilt sich der Himmel, und die Sonne blitzt zum ersten Mal zwischen den Wolken hervor. Sofort leuchten die besonders stark komprimierten Teile der ansonsten weißen Eisberge in den unterschiedlichsten Blautönen. Wenn ich einen Polfilter auf mein Weitwinkelobjektiv schraube, kann ich durch das glasklare Meerwasser weit in die Tiefe blicken.
Schon bevor wir im Zodiac einem Eisberg wirklich nahe kommen, beginnt das Wasser blau oder grün zu schimmern. So lässt sich erahnen, wie weit sich die Eisberge unter der Meeresoberfläche ausdehnen. Aufgrund der unterschiedlichen Dichteverhältnisse von Süß- und Salzwasser befinden sich sechs Siebtel ihrer Masse unter Wasser.
Als wir nach zwei Stunden im Zodiac abends auf die "Akademik Ioffe" zurückklettern, ahne ich, warum Naturliebhaber immer wieder in die Antarktis zurückkehren.

