10.01.2012
Liebesbrief von Tyler Brûlé
Australien und Neuseeland, vereinigt Euch!
Liebes Neuseeland, liebes Australien, ganz herzliche Grüße aus dem Mandarin Oriental in Bangkok! Ich habe beschlossen, die Reise nach London zu unterbrechen und gleite nun am Rande eines Hotelpools ganz langsam vom Urlaubs- zurück in den Arbeitsmodus. Euch schulde ich jedoch noch ein ganz großes Dankeschön für einen herrlichen achttägigen Urlaub. Statt separate Briefchen zu verfassen, freut Ihr Euch ja vielleicht, wenn ich meine Eindrücke von Euren schönen Länder zusammenfasse und Ihr sie so beide lesen könnt.
Neuseeland, ich bin mir nicht ganz sicher, warum ich 43 Jahre brauchte, um Deine Ufer zu erreichen, aber ich verspreche Dir, ganz schnell wiederzukommen. Mir ist klar, dass ich nur einen Bruchteil von Dir gesehen habe, aber die Great-Barrier-Insel war schon unglaublich und die Unesco sollte dringend prüfen, ob es das neuseeländische bach life (das Strandleben in der selbstgezimmerten Holzhütte) nicht wert wäre, ins Weltkulturerbe aufgenommen zu werden. Die Projekte des Architekturbüros Herbst in Auckland sind makellos, George FM Radio ist ein wunderbarer Sender und es ist toll, dass neuseeländische Zeitungen immer noch Übergröße haben. Außerdem habe ich viele interessante kleine Unternehmen entdeckt, deren selbst entworfene und gefertigte Produkte eine viel größere Bühne verdient hätten.
Gratulation zum eigenen Weg!
Das Essen war eigentlich keine große Überraschung. Ich wusste, dass es gut sein würde. Das "Depot Restaurant" in Auckland übertraf jedoch alle Erwartungen - einfach sensationell. Auch die Qualität des neuseeländischen Kaffees war regelmäßig außergewöhnlich. Nur eine Anregung würde ich gerne geben, wenn ich darf: Meiner Meinung nach benötigt Auckland dringend ein Hotel, das den hohen Standard der Stadt in Sachen Design, Architektur und Gastronomie widerspiegelt. Es muss nicht extravagant sein, sollte aber im neuseeländischen Baustil gehalten sein und hochwertige Merino-Wolldecken, regional produzierte Toilettenartikel, einen guten Pool-Bereich und ein ganztägig geöffnetes Café im Angebot haben.
Du warst ein perfekter Gastgeber - und das sollten viel mehr Menschen wissen: Schon der Flughafen von Auckland mit seinen reizenden älteren Herrschaften, die überall bereit standen, um einem den Weg zu weisen, dem gut sortierten Einzelhandel und der höflichsten Sicherheitskontrolle, die ich je passiert habe, war eine echte Überraschung. Deine nationale Fluggesellschaft sollte einfach mehr Langstreckenflüge anbieten und seinen Boeing-777 eine erste Klasse gönnen - nur vier Sitze aus hochwertigster Wolle mit Pelzdecken aus Opossum und Frühstücks-Sandwiches von Dizengoff aus Aucklands Stadtviertel Ponsonby würden genügen.
Gratuliere, dass Du Deinen eigenen Weg gegangen bist, statt einfach dem Massengeschmack zu folgen. Ich träume schon davon, ein bach auf Waiheke Island zu bauen.
Wieso gibt es keine australische Hotel-Premiummarke?
Australien, Silvester markierte den 24. Jahrestag unserer Freundschaft. Ich habe Dich zwar sicherlich nicht so häufig besucht, wie Du es verdient hättest, aber ich hoffe sehr, dass meine drei Trips des vergangenen Jahres dazu geführt haben, dass Du die alte Zuneigung wieder gespürt hast. Während ich über die Tasmansee flog, dachte ich: Du und Neuseeland, Ihr solltet Euch zusammentun.
Kiwis und Aussies sind gut bei allem, was mit bewirten, verkaufen, bedienen und plaudern zu tun hat. Du könntest problemlos zwei Hochschulen entwickeln, die sich ganz dem Ideal der Gastfreundschaft widmen und Lausanne oder Cornell in den Schatten stellen. Es wundert mich immer wieder, wie viele junge Leute in Australien darum wetteifern, wer die besten Pizzen, die neusten Thai-Küchen-Experimente oder einfallsreichsten Burger- und Bananenbrot-Variationen kreiert.
Aber bevor Du eine Fachschule eröffnest, müsste sich Deine Hotelsituation verbessern. Wie kommt es, dass eine Stadt wie Sydney mit seiner umwerfenden Sonne und dem vielen Wasser kein eigenes von aufmerksamen, attraktiven Menschen betriebenes Hotel besitzt? Ich weiß, das Park Hyatt soll im Februar wiedereröffnet werden, aber es sollte nicht der einzige Platzhirsch sein.
Wie bei Deinen Freunden in Neuseeland gibt es auch hier genügend talentierte einheimische Architekten, um ein eigenes Konzept zu entwickeln. Hast Du mal daran gedacht, eine australische Hotel-Premiummarke zu gründen? Wenn die Kanadier es schaffen, sich das Vier Jahreszeiten auszudenken, kannst Du da doch sicherlich noch eins draufsetzen, wenn es Dir gelingt, Ideen und Geld zusammenzubringen.
Eine anständige Luftwaffe für Neuseeland
Und wo wir schon beim Thema australian spirit sind: Wirst Du es tatsächlich zulassen, dass Qantas immer mehr zurückbleibt und zuschaut, wie Luftfahrtgesellschaften aus dem Nahen Osten und Asien vorbeiziehen? Wirklich? Immerhin besitzt Du auf dem Boden ein exzellentes Produkt und in der Luft immerhin noch ein mittelmäßiges. Du solltest jedoch endlich anfangen, mehr Ziele anzufliegen (Peking? Taipei? Sao Paulo? Zürich?) und den Menschen dabei ein bisschen authentisches Australien vermitteln - mit richtigen Australiern am Flughafen und in der Kabine .
Melbourne und Sydney haben im Übrigen allein an der kulinarischen Front so viel zu bieten, dass es sich lohnen würde, dafür mal mit engagierten Kampagnen zu werben, statt sich stur auf den "Rote Erde, Rettungsschwimmer, Kängurus"-Ansatz zu konzentrieren.
Nachdem ich die Möglichkeit hatte, etwas mehr Zeit als sonst auf Deinen Straßen und in Deinen Cafés zu verbringen, bin ich davon überzeugt, dass Ihr beide - Du und Neuseeland - eine größere Rolle daheim wie auf der Weltbühne spielen solltet.
Neuseeland, bräuchtest Du nicht mal wieder eine anständige Luftwaffe? Wie willst Du all den Piloten der neuen Flugzeuge von Air New Zealand sonst eine gute Ausbildung garantieren?
Australien, es ist löblich, dass Du mehr U-Boote kaufst als Mannschaften dafür zur Verfügung stehen, aber solltest Du Deinen Fokus - wenn es um "weiche" Instrumente der Einflussnahme geht - nicht lieber auf den Sport und das Essen richten?
Vielleicht ist es aber auch einfach nötig, dass mehr Menschen Euch persönlich kennenlernen und dann merken, dass es in der englischsprachigen Welt einen dritten Weg gibt, Dinge anzupacken. Ein Weg, der kaum etwas mit dem in den USA oder in Großbritannien zu tun hat.

