Lade Daten...
21.02.2012
Schrift:
-
+

Tyler Brûlés Entwicklungshilfe

Weckruf für Waikiki

Mehr Privatstrände, grüne Dächer und saubere Straßen: Tyler Brûlé hat zahlreiche Verbesserungsvorschläge für Honolulu, das langsam in Sachen Tourismus den Anschluss verliert. Hawaii muss schöner werden - und vor allem freundlicher.

Der Winter hat seinen Scheitelpunkt überschritten - höchste Zeit also für eine ordentliche Portion Pazifiksonne, wie wir sie uns jedes Jahr bei einem Zwischenstopp in Honolulu im Halekulani Beach Resort gönnen. Nach Stippvisiten in Singapur und im eisigen Seoul, einem Ausflug ins japanische Fukuoka sowie einem mehrtägigen Aufenthalt in Tokio waren Honolulus Passatwinde und Temperaturen genau das Richtige für weitere Gedanken und Pläne.

Vor zwei Wochen ging es in dieser Kolumne um die Kunst, Bahnhöfe zu gesellschaftlichen Zentren auszubauen. Anlass waren die Pläne Honolulus, ein neues Schienennetz zu errichten. Die kurz darauf auf der Titelseite einer hawaiianischen Wochenendzeitung veröffentlichte Umfrage unter Anwohnern gab allerdings wenig Grund zur Hoffnung, dass eine breite Mehrheit hinter dem Projekt steht.

Das ist eine alarmierende Nachricht für eine Stadt, die dringend mal andere Schlagzeilen braucht als den superstarken Yen oder die steigende Zahl von Direktflügen nach Asien. Insbesondere, da das Bahnprojekt bereits längst ein zentrales Thema bei der anstehenden Bürgermeisterwahl ist.

Es wäre nicht abwegig gewesen zu erwarten, dass der Apec-Gipfel im vergangenen Jahr seinen Blick gen Westen über den Pazifik hinaus richtet. Stattdessen herrscht immer noch ein himmelschreiendes Unwissen, wenn es um die Ansprüche von Asiaten und Reisenden aus dem Pazifikraum geht. Da das Pentagon Einsparungen vornimmt und Schiffe der Marine, die in Pearl Harbor stationiert sind, stillgelegt werden, ist der Tourismus zunehmend der einzige Trumpf des US-Staates.

Nur Plörre statt Kaffee

Während die Zahl der Reisenden aus den USA kontinuierlich sinkt, kommen immer mehr Besucher aus anderen Ländern der Pazifikregion nach Hawaii. Die boomende obere Mittelklasse Australiens hat einen großen Sprung gemacht. Kanadier, mit ihrem starken Dollar, belegen die Liegestühle. Und in vielen Top-Locations machen Japaner längst mehr als 60 Prozent der Gäste aus. Mit dieser Verschiebung gen Asien geht auch ein radikal anderes Muster an Geschmäckern, Gewohnheiten und Möglichkeiten einher.

Von meinem Hochsitz am Strand kann ich das gut beobachten: Eine reiche philippinische Familie würde mittags gern japanisch essen und fragt sich, ob das Restaurant Nobu schon jetzt seine Küche öffnen könne. Einige Aussies wundern sich darüber, dass es ausgerechnet auf einer Insel, die selbst Kaffee anbaut, nur so eine mittelmäßige Plörre gibt. Einig sind sich alle darin, dass der stark gewerkschaftlich organisierte Service im US-amerikanischen Stil keine bedeutende Rolle in diesem pazifischen Jahrhundert spielt.

Solange nicht das Niveau der hawaiianischen Flughäfen, Immobilien und Dienstleistungen verbessert wird, kann die Obama-Regierung sich noch so sehr anstrengen, den Tourismus zu fördern, es wird nichts bringen.

Die Hauptschuld für den verbesserungswürdigen Service wird aus Bequemlichkeit allerdings schnell dem Inselleben in die Schuhe geschoben. Aber auch wenn ein Körnchen Wahrheit darin liegen mag, wird Hawaii keine großartige Zukunft beschieden sein, wenn man sich hier nicht auf ein Mindestmaß an Gastfreundschaft einigen kann. Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn die Angestellten sich nicht in erster Linie um sich selbst, sondern schwerpunktmäßig um ihre Bosse oder Gäste kümmern würden.

Jetzt geht es um die Wurst!

Wenn junge Paare aus Yokohama ihre Flitterwochen genauso gut in Thailands Phuket verbringen und Australier sich auf Fidschi erholen können, dann reicht es einfach nicht aus, auf die Attraktivität hawaiianischer Vorspeisen wie den "Pupu Platters" oder dem typischen "Plate Lunch" zu vertrauen.

Honolulu hat viele Vorzüge (ich fand ein exquisites japanisch geführtes italienisches Restaurant namens Bernini und trank im Morning Glass im Manoa-Viertel einen Kaffee, der es mit dem Besten in Neuseeland aufnehmen kann), aber es geht jetzt um die Wurst.

Hotels können nicht über Nacht renoviert werden, Gastronomen lassen nicht alles in Melbourne fallen, nur um ein Café in Waikiki aufzubauen, und das Wichtigste: Ein kultureller Wandel kann nicht über Nacht herbeigeführt werden.

Anfang dieser Woche besuchte der Bürgermeister Honolulus die Philippinen, um die Handelsbeziehungen zu stärken und das Verkehrssystem zu studieren. Er hätte vielleicht auch einen Besuch in Singapur einplanen sollen, um zu verstehen, wie man einen anhaltend positiven ersten Eindruck hinterlässt. Oder in Kyoto, um ein Gefühl für Größenordnung zu entwickeln (in Honolulu fehlt jede Intimität - eine Folge von zu breiten Straßen und zu niedrigen Gebäuden). Oder in Sydney, um die besten Küchenchefs der Stadt dazu zu ermutigen, Filialen in Honolulu zu eröffnen (man sollte Ladenketten wie die Cheesecake Factory verbannen und mehr kleinere Geschäfte ansiedeln).

Zehn Tipps für die Zukunft

Nach seiner Rückkehr möge der Bürgermeister außerdem folgende Ratschläge in Erwägung ziehen:

1.) Säubern Sie die Straßen. Es fliegt einfach zu viel Müll rum an einem Ort, der versucht eine Tourismus-Industrie zu unterhalten.

2.) Die Obdachlosen rund um Waikiki brauchen einen Platz zum Schlafen und ein wirkungsvolles Hilfsprogramm, das sie von der Straße holt.

3.) Dachbegrünungen: Es gibt jede Menge flache Kaufhausdächer, die dazu genutzt werden könnten, Auberginen, Tomaten und Hibiskus anzubauen - gerade jetzt, wo so viel über die Strecken, die unser Essen in der Luft zurücklegt, diskutiert wird.

4.) Privatisieren Sie ein paar Strände. Das könnte zu Diskussionen mit dem Staat führen, aber Strände brauchen ein wenig liebevolle Zuwendung. Lernt von den Italienern - aber privatisiert nicht gleich alle.

5.) Orientieren Sie sich gen Westen, junger Bürgermeister - Ihre Bezugsorte lauten Wellington, Sydney, Auckland, Melbourne sowie Fukuoka und liegen nicht auf dem US-amerikanischen Festland.

6.) Gehen Sie das Bahnprojekt endlich an. Vielleicht könnte man dann auch noch über ein schöneres Design nachdenken.

7.) Pflanzen Sie mehr Bäume!

8.) Bewahren Sie die modernistische Architektur Honolulus- das schließt die wunderschönen Häuser in und rund um Kahala ein.

9.) Mehr Fahrradwege könnten auch nicht schaden - und Plätze, um Fahrräder abzustellen.

10.) Ändern Sie die Zeitzone! Damit wäre Honolulu der Ort, an dem die Welt ihren Tag beginnt, statt der letzte Winkel, wo etwas passiert.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Zur Person

  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter RSS
alles zum Thema Tyler Brûlé
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten