05.03.2012
Unterwegs in China
Rad, Land, Fluss
Von "Geo Special"-Autorin Kirsten BertrandWas uns bevorsteht, ahne ich, als wir das erste Mal nach links abbiegen wollen. Drei Langnasen auf Fahrrädern - mein Freund Jochen, unser Guide Andreas und ich - an einer mehrspurigen Kreuzung in Guilin, eingekeilt in einem Heer motorisierter Chinesen.
Hier herrscht das Recht des Stureren: Wie auf ein geheimes Zeichen hin stürmen alle gleichzeitig die Kreuzung, wir mittendrin, halb mitgerissen, halb geschoben, allen im Weg, nirgends sicher. Linksabbiegen überlebt man so: direkt in den Gegenverkehr steuern (ja, geradewegs rein!), locker im Lenker, niemals das Tempo reduzieren, auch nicht für Menschen auf Zebrastreifen, und mindestens zweimal an Stellen überholen, wo man weder Platz noch Vorfahrt hat. Herzrasen ignorieren, Einbahnstraßenschild auch. Geschafft. In Deutschland wäre ich nach solch einem Manöver wohl meinen Führerschein los. In China kommt man anders nicht voran.
Zwei Wochen wollen wir über Land fahren, eine 660-Kilometer-Runde durch das Autonome Gebiet Guangxi in Südchina. Von der Stadt Guilin aus grob Richtung Westen, über die Berge vor Sanjiang, durch die Täler des Rong- und des Xianu-Flusses und zurück am Li-Fluss. Jenseits der Millionenstädte, in unserem eigenen Tempo, auf dem Fahrrad.
Die wichtigste Lektion unserer Tour haben wir bereits am ersten Tag gelernt: Dieses Volk bremst nicht.
Von Guilin bis Wantian - Im Hinterhof Chinas
Subtropische Hitze überbrüht das Land, ich weiß nicht, ob das Flimmern vor meinen Augen vom Klima oder vom Kreislauf kommt. Ich keuche. Jochen pfeift ein Lied, obwohl er mein schweres Gepäck übernommen hat. Ich bete insgeheim um kühlen Wind. Wenn möglich, bitte von hinten.
Kurz hinter Guilin haben wir die Hektik der 600.000-Einwohner-Stadt abgehängt. Kobaltblau getupfte Schmetterlinge, groß wie Fledermäuse, torkeln um unsere Köpfe, Zikaden geben schrille Einton-Konzerte; Jochen hilft einer neongrünen, dornigen Raupe, dick wie eine Bockwurst, über die Straße. Wir radeln durch Bauernland: Lotus-, Mais- und Chilifelder, Mandarinenhaine, die ersten Reisterrassen. Dazwischen hingewürfelte Dörfer aus zweistöckigen Zementhäusern, seltsam provisorisch. So als warte jedermann darauf, dass bald etwas Großes geschieht. Die Straßen selbst fahren sich wie Startbahnen in ein neues Zeitalter- so perfekt glatt, breit und schlaglochfrei, dass man als Bewohner einer deutschen Großstadt nur neidisch werden kann.
Guangxi, eine Fläche wie Großbritannien und lange Zeit eher ein Hinterhof Chinas, schwebt im Aufwind: Die Zentralregierung investiert hier derzeit rund 1,5 Billionen Yuan, etwa 175 Milliarden Euro. Die gut 49 Millionen Menschen, davon rund 40 Prozent Minderheiten wie die Zhuang, Yao oder Dong, sollen neue Eisenbahnlinien bekommen, Flug- und Seehäfen, Wasser- und Stromnetze. In Vorfreude auf die glänzende Zukunft hat man in einigen Dörfern bereits riesige Parkplätze planiert. Autos fehlen noch. Stattdessen stehen dort dünne Bauern, die Reis und Chilischoten akkurat rechteckig zwischen die Trennlinien der Parkbuchten schaufeln - zum Trocknen. Wo der Fortschritt noch hinterherhinkt, springt das Alte ein.
Von Wantian bis Ping'An - Radeln durch ein Bilderbuch
Wir haben diese Landschaft schon auf so vielen Fotos gesehen, dass wir fast glauben, selbst durch ein Bilderbuch zu radeln. Hunderte Karsthügel erheben sich aus Gemüse- und Reisfeldern, 200, 300 Meter hoch, umhüllt von einem subtropischen Pflanzenmantel aus Schilf, Bambus und Farn. Chinesen erkennen in den Hügelkonturen Kamele, Schnecken, Pinselhalter, Drachen, Bambusschösslinge. Wir sehen eher Zuckerhüte, Zipfelmützen und Zähne. So schön kann Kalk sein.
Man darf wohl behaupten, dass buchstäblich jeder Chinese um diesen Landstrich weiß: aus Gedichten, von Zeichnungen, und wem das zu schöngeistig ist, der kennt die Gegend von der 20-Yuan-Note, die einen Fischer auf dem Li-Fluss zwischen Felsbuckeln zeigt. Für Chinesen der Inbegriff lieblicher Natur. "Lieber ein Guiliner sein als ein Unsterblicher!", schrieb einst ein Politiker. Allerdings musste der nicht bei 32 Grad Dutzende Serpentinen bergauf strampeln. Und er wurde auch nicht von jedem, jedem, jedem Auto-, Lastwagen- und Motorradfahrer markerschütternd laut angehupt.
Abends klingelt mein linkes Ohr. Wir rätseln, ob das Gehupe Gruß oder Einschüchterung sein soll. Jochen vermutet, es könnte auch heißen: Spinnt ihr? Denn als Radfahrer, zumal mit Helm, sind wir Exoten der Landstraße. Kaum einer sonst radelt. Und das in China, dem "Königreich der Fahrräder", mit angeblich 500 Millionen Rädern. Wo noch in den 1990ern jährlich 30 Millionen "Fliegende Tauben" oder "Phönixe" allein für China aus den Fabriken kamen. Wo die Regierung einst verkündete, jeder Haushalt brauche drei Dinge: eine Nähmaschine, eine Armbanduhr und ein Rad. Und wo ein Mann ohne Fahrrad Probleme bekommen konnte, eine Frau zu finden. Heute gilt das wohl eher für einen Mann mit Rad.
Einmal überholt uns doch ein Männlein auf seinem scheppernden Ein-Gang-Rad, auf dem Gepäckträger zwei Brettchen und eine Gurke. "Aus Deutschland kommt ihr? Ihr fliegt den weiten Weg nach China, und dann könnt ihr euch kein Auto leisten?" Grinsend biegt der Bauer in einen Feldweg ab, als müsse er das schleunigst in seinem Dorf erzählen.

