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25.02.2012
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Quito in Ecuador

Madonna auf der Semmel

TMN

Lange Schlangen vor den Beichtstühlen, Geldgeschenke für tote Tauben und Stoßgebete im Landeanflug: Ecuadors Hauptstadt Quito ist erzkatholisch, reichlich skurril - und hat sich eine Schönheitskur verpasst.

Die Ankunft ist das Schwierigste an Quito. Der Flughafen der Hauptstadt Ecuadors ist mitten in ein von hohen Bergen umgebenes Wohngebiet gebaut. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet, herrscht oft dichter Nebel in dem Andental - und bei beiden Wetterlagen muss der Aeropuerto Internacional Mariscal Sucre geschlossen werden. Zudem gilt die abschüssige Landebahn unter Piloten als eine der gefährlichsten der Welt.

Klart der Himmel über der ecuadorianischen Hauptstadt aber kurz auf, landen Flugzeuge im Minutentakt. Neben Touristen haben sie auch tausende Ecuadorianer an Bord, die im Ausland leben und arbeiten, und bei Heimatbesuchen Verwandte und Freunde mit taschenweise Spielzeug und Essen beglücken. Zehn große Plastiktaschen pro Reisendem sind keine Seltenheit und dass Gepäck verloren geht, auch nicht. Im Flughafengebäude verkauft eine Frau bunte Luftballons an die Ankommenden. "Bienvenido" hat sie mit schwarzem Filzstift darauf geschrieben: "Willkommen."

Rund 1,5 Millionen Menschen leben in Quito, verteilt über mehrere Andentäler. Die Stadt erstreckt sich auf 400.000 Hektar, etwa viermal so groß wie Berlin, zwischen dem Vulkan Pichincha im Norden und dem Fluss Guayllabamba im Westen. 50 Kilometer lang ist das Stadtgebiet, aber nur fünf Kilometer breit. Die höchste Stelle liegt fast vier Kilometer oberhalb der tiefsten.

Alles ist geprägt vom "Stil der Stillosigkeit", den der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa an Südamerika so beklagt: bunt durcheinandergewürfelt, ohne Rücksicht auf Form oder Farbe. Aber mitten in dieser Achterbahn aus Beton liegt das koloniale Stadtzentrum: Rund 300 Häuserblocks, auch als "Perle des Kontinents" bezeichnet, die seit 1978 zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

Schönheitskur für die Stadt

Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren eine Schönheitskur verpasst. "Früher saßen hier im kolonialen Zentrum überall Verkäufer mit großen Plastikplanen auf den Straßen, es war sehr eng", erzählt Fernando Lamiño, der in Quito aufwuchs und jetzt als Reiseführer arbeitet. "Vor ein paar Jahren hat die Regierung ihnen Räume in den umliegenden Häusern angeboten - dort kann man jetzt in Ruhe shoppen und entlangfahren."

Nur am Wochenende nicht, dann ist das Stadtzentrum Fußgängerzone. "Früher wäre das unvorstellbar gewesen - wir Ecuadorianer lieben unsere Autos", sagt Lamiño. "Aber inzwischen haben wir uns daran gewöhnt und genießen es, hier zu flanieren." Auf den Plätzen spielen die Kinder mit Seifenblasen, ältere Menschen - in Ecuador grausam-liebevoll "tote Tauben" genannt - sitzen zusammen und plaudern oder spielen Schach.

Aus den vielen barocken Kirchen strömen die Menschen auf den zentralen Platz der Unabhängigkeit, wo auch Präsident Rafael Correa seinen Sitz hat. Im streng katholischen Ecuador finden Messen vielerorts im Stundentakt statt, vor den Beichtstühlen bilden sich immer wieder lange Schlangen.

Die Jungfrau des Brötchens

Die bunten Häuser des Stadtzentrums sind renoviert, das kreuz und quer herabhängende Kabel-Wirrwarr gebändigt, die Straßenbeleuchtung modernisiert. "Richtig schön ist es gew;aorden. Viele reiche Leute sind früher umgezogen in modernere Stadtteile. Aber jetzt kommen sie alle wieder", sagt Lamiño, der sich inzwischen in ein Saft-Geschäft in einer Seitengasse gesetzt hat. Aus Baumtomaten, Ochsenherzäpfeln, orangefarbenen Lulo-Früchten und Bananen-Passionsfrüchten werden hier Säfte zusammengemischt, dazu gibt es die typischen Empanadas, Teigtaschen mit Fleisch- oder Käsefüllung.

Vier junge Frauen bedienen die altertümlichen Saftpressen, der Eigentümer steht vor seinem Laden und steckt hin und wieder den vorbeilaufenden Alten ein paar Cent zu. "Damit die nächste Woche gut wird", sagt Lamiño. "Das ist hier so Brauch."

Über die ganze Stadt wacht auf einem Hügel die "virgen del panecillo", die Jungfrau des Brötchens. "Mag sein, dass der Name komisch klingt - aber der Hügel sieht nun einmal aus wie ein Brötchen, also heißt sie auch so", sagt Lamiño. "Wir Ecuadorianer sind zwar sehr katholisch, aber wir nehmen das alles auch gerne mal nicht so ernst."

Bei gutem Wetter ist vom Fuß der 45 Meter hohen Madonnenstatue der fast 6000 Meter hohe und stets schneebedeckte Vulkan Cotopaxi zu sehen und ganz Quito sowieso - auch die Baustelle des neuen Flughafens, der den alten bald ersetzen soll. Aber auch an der neuen Stelle sei doch immer Nebel, sagt Lamiño. Zudem werde der Bau immer teurer, keiner wisse, wann das Ganze fertig werde. "So ist das eben in Ecuador. Das Unmögliche ist hier manchmal möglich. Aber das ganz Einfache, das ist unmöglich."

Christina Horsten, dpa

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