13.07.2012
Expeditions-Blog Gasherbrum II
Aufbruch zum Achttausender
Seit Wochen, Monaten geistert der Berg durch meinen Kopf. Anfangs war er noch weit weg und ganz klein. Doch nachdem wir vor etwa einem Jahr beschlossen hatten, ihn besteigen zu wollen, wurde er größer. Mit jeder Woche ein bisschen mehr. Nun steht er über allem, was ich denke und tue: 8035 Meter ist der Gasherbrum II hoch - mit steilen Flanken, an denen Kälte, Stürme und Hitze drohen. Und da wollen wir hin, ins Karakorum-Gebirge in Pakistan.
Erst geht es mit dem Flugzeug nach Islamabad, in die Hauptstadt Pakistans, wo die Tagestemperaturen derzeit täglich auf 40 Grad Celsius steigen. Dann ein paar hundert Kilometer weiter nach Skardu. Wenn wir Glück haben, können wir hinfliegen. Doch oft hindern Wolken die Piloten an der Landung. Dann bleibt nur die zweitägige Fahrt über den Karakorum-Highway, eine "Autobahn", die sich entlang steiler Berghänge windet und auf der es oft nur im ersten Gang vorangeht. Von Skardu ist es dann noch mal ein Tag Autofahrt nach Askole, ehe es zu Fuß weitergeht: sieben Tage über den 60 Kilometer langen Baltorogletscher bis zum Basislager des GII, 5000 Meter hoch.
Wir sind zu siebt: Andi, Helmut, Ulrich, Arthur, Wasti, Alf und ich. Bergsteiger aus Deutschland und Österreich. Wir sind keine alpinen Überflieger, aber Freizeitalpinisten mit Ambitionen. Jeder von uns hat schon viele steile, lange und schwere Herausforderungen in den Bergen gemeistert: die Nose am El Capitan im Yosemite. Die Mayerlrampe am Großglockner. Die Ortler-Nordwestwand. Die Ama Dablam im Himalaja. Auch ganz hohe Berge waren darunter: der Mustagh Ata, 7509 Meter. Der Pik Kommunismus, ebenfalls fast 7500 Meter. Und vor drei Jahren der Cho Oyu, 8201 Meter.
Nun wollen wir uns also an einem 8035-Meter-Riesen versuchen. Auf Hochträger und Flaschensauerstoff werden wir verzichten. Mit dieser Art des Dopings kann man sich auf viele Berge hochbeamen. Wenn wir anschließend noch Kraft, Zeit und Wetterglück haben, wollen wir außerdem den Gasherbrum I angehen, einen weiteren Giganten von 8068 Meter Höhe.
Riesen aus Fels und Eis
In dieser schwer zugänglichen Region stehen außer den beiden Gasherbrums noch einige weitere der höchsten und imposantesten Berge der Welt: der Broad Peak, 8047 Meter. Der K2, dieses berühmt-berüchtigte himmelstürmende Riff, 8611 Meter. Etwas weiter entfernt der Nanga Parbat, 8125 Meter. Dann die Trango-Türme, "nur" Sechstausender, aber dank ihrer extrem steilen Flanken Traumziel geübter Kletterer. Oder die Chogolisa, ein 7665 Meter hoher Eisdom, an dem die Bergsteiger-Legende Hermann Buhl einst mit einer Wechte in die Tiefe rauschte und ums Leben kam.
Wir haben uns vorbereitet. In den vergangenen Monaten sind wir mehr als sonst auf kleine und große Berge gerannt: in 15 Stunden von Lienz zu Fuß bis auf den Großglockner, im Eilmarsch auf den Großvenediger, am Abend noch schnell auf den Wendelstein. Vor allem Ulrich hat mächtig Gas gegeben. Er hat sich für den GII eine Speedbegehung vorgenommen, seine Spezialität. Bei seinem Versuch, den Berg möglichst schnell zu besteigen, wird er sämtliche Leistungsreserven mobilisieren müssen.
Diese Trainingseinheiten haben wir neben unserem Alltagsleben als Angestellte mit üblichen Berufen absolviert: Wir sind Lehrer, Fliesenleger, PR-Manager und Techniker. Und wie andere haben wir limitierten Jahresurlaub. Das mit dem Urlaub war die größte Hürde bei der Vorbereitung. Acht Wochen am Stück! In welcher Firma gibt es das schon? Doch es spricht für einen Arbeitgeber, wenn solche Fluchten möglich sind. Am 3. September wollen wir wieder zurück sein.
Hochtour im Militärgebiet
Pakistan entspricht nicht gerade dem Ideal eines Urlaubslandes. Die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes lesen sich beeindruckend: Im ganzen Land drohen demnach politisch-religiös motivierte Gewalttaten. Die Gegend um die Gasherbrums ist militärisches Einflussgebiet. Die Grenze zu Indien ist nah, der erstarrte Kaschmirkonflikt hat zur Folge, dass sich in der Gletscherregion Hunderte von Soldaten gegenüberstehen.
Ali Mohammad ist unser Mann vor Ort. Er organisiert unsere Transporte und hat für uns die mehrere tausend Euro teuren Genehmigungen besorgt, die wir brauchen, um die Berge besteigen zu dürfen. Er kümmert sich darum, dass Dutzende Träger unser Gepäck bis ins Basislager bringen. Von ihm wissen wir, wie viel Trinkgeld wir veranschlagen sollten: für Träger 50 Rupien (etwa 40 Cent) pro Tag, für Küchenmitarbeiter 200 Rupien, für den Koch 400 Rupien.
Wir haben Ali bislang nicht persönlich kennengelernt. Ich habe in den vergangenen Monaten Hunderte E-Mails mit ihm ausgetauscht. Wir haben Fragen geklärt, wann ich wie viel Geld wohin nach Pakistan überweisen soll. Wie wir unser Helikopter-Rettungs-Deposit von 10.000 Dollar wieder zurückbekommen, wenn wir den Hubschrauber nicht in Anspruch nehmen. Ali hat unsere Plastiktonnen mit 280 Kilo Berggepäck in Empfang genommen, die wir vor zwei Wochen per Luftfracht nach Islamabad geschickt haben. Viel Kleinkram, und doch sind solche Details entscheidend für den Verlauf unserer Tour.
Andere Bergsteiger, die sich in Pakistan auskennen, meinen, Ali sei einer der besten. Bisher läuft jedenfalls alles erstaunlich reibungslos. Nicht so wie 2003, als ich mit Freunden in den Kaukasus reiste, um den Elbrus mit Skiern zu besteigen und meine Überweisung nach Moskau spurlos verschwand. Oder wie 2006, als ich zum Pik Kommunismus aufbrach und uns die tadschikische Botschaft unsere Visa erst am Abflugtag zusandte.
Und doch wird dieses Abenteuer bestimmt kein Spaziergang. Warum das alles also? Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Irgendwie schon. Als Bergsteiger entwickelt man sich jahrzehntelang weiter. Manchmal spannt sich diese Entwicklung vom Wallberg zum Mount Everest.
Vielleicht ist es auch der Wunsch, mal wieder etwas anderes zu machen als die täglich komfortable Wiederholung: wochenlang die Natur in ihren Extremen erleben. Auf Gegenstände des Alltags wie Fernseher, Toaster und Pizzaservice verzichten und feststellen, dass es auch so geht. Zeit haben und zur Ruhe kommen. Eine ungewöhnliche Form des Glücks suchen - und vielleicht finden.
Thorsten Schüller wird in den kommenden Wochen regelmäßig auf SPIEGEL ONLINE vom Verlauf der Tour berichten.

