12.07.2012
Extrembergsteiger Christian Stangl
Der Gipfel-Saulus
Aus Skardu berichtet Hasnain KazimDer K2 ist Christian Stangls Schicksalsberg. Seit Jahren schon. 8611 Meter, die er noch nie geschafft hat. Stangl, 46, sitzt im Hotel "Mashabrum" in der nordpakistanischen Stadt Skardu. Er will es wieder wagen: von Skardu ins Dorf Askoli, sechs Stunden mit dem Auto, dann eine gute Woche Trek am Baltoro-Gletscher entlang ins K2-Basislager. Von dort der Aufstieg.
Der Österreicher Stangl versucht das nun den fünften Sommer in Folge. Sein Projekt heißt "Triple Seven Summits": Er will der erste Mensch sein, der die drei höchsten Gipfel aller sieben Kontinente erklommen hat. 19 hat er schon geschafft, zwei fehlen noch: der Shkhara, ein Berg im Kaukasus und mit 5193 Metern die Nummer drei in Europa - und eben der K2, nicht nur Nummer zwei in Asien, sondern zweithöchster Berg der Welt und nach Meinung vieler Bergsteiger der schwierigste Achttausender überhaupt.
Am Shkhara machten ihm im Juni heftiger Schneefall, Lawinen und Wind einen Strich durch die Rechnung. Darum will er sich später wieder kümmern. Jetzt erst einmal der K2, der größte Brocken, der auf der Grenze zwischen Pakistan und China schneeweiß in den blauen Himmel ragt.
Umkehren kurz vor dem Ziel
Als Stangl vor vier Jahren hier war, löste sich eine Eislawine, elf Bergsteiger starben. Der Österreicher kehrte geschockt um. Ein Jahr später ein neuer Versuch: Mit einem Dutzend weiterer Bergsteiger quälte er sich durch hüfthohen Schnee. 300 Meter unterhalb des Gipfels mussten sie umkehren, das Wetter war zu schlecht. Ein weiterer Aufstieg wäre der sichere Tod gewesen. Noch ein Jahr später, im Sommer 2010, startete Stangl mehrere Aufstiege, die wieder am Wetter scheiterten. 2011 verhüllten Wolken den Gipfel, als Stangl schon auf der Schulter des Berges war. Ein weiterer Aufstieg machte so keinen Sinn.
Für Stangl geht es nicht nur um das Erreichen des Gipfels. Es geht um die Wiederherstellung seiner Ehre. Denn 2010 verkündete er, er habe am 12. August den Gipfel erreicht. Ein Foto zeigte ihn am vermeintlichen Ziel. Seit zwei Jahren hatte kein Mensch mehr diesen Punkt erreicht. Nur wenige Tage zuvor hatte die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner den Rückzug angetreten, nachdem ihr schwedischer Begleiter auf der letzten Etappe nach oben in den Tod gestürzt war.
Sollte es Stangl wirklich gelungen sein? Andere Bergsteiger, die gleichzeitig mit ihm unterwegs waren, meldeten Zweifel an. Es gab mehrere Ungereimtheiten, die Berge im Hintergrund des angeblichen Gipfelfotos stimmten nicht mit der Aussicht vom höchsten Punkt überein. Der pakistanische Bergverein verwehrte ihm die offizielle Anerkennung der Besteigung.
"In einem tranceartigen Zustand"
Anfang September musste Stangl einräumen, das Ziel nicht erreicht zu haben. Zunächst versuchte er noch, sich mit hanebüchenen Argumenten zu rechtfertigen: "Ich war in einem tranceartigen Zustand und dachte, ich sei am höchsten Punkt des Berges." Auf seiner Webseite schrieb er später: "Eines wollte ich nie wahrhaben, dass man trotz aller Fitness einen solchen Berg nicht besteigen kann. Wenn du das notwendige Glück nicht dazu hast - vergiss es!"
Stangl wirkt ein wenig niedergeschlagen. "Schaue ich mir das Bild heute an, weiß ich, wie blöd das war", sagte er in einem Interview mit dem Schweizer "Tagesanzeiger". "Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die Sache bleibt an mir haften." Der Druck, sich und der Welt zu beweisen, dass er es doch kann, ist gewaltig. Auch, weil Kritiker auch andere Erfolge von ihm seither in Zweifel ziehen. Stangl, gelernter Elektrotechniker und seit Jahren Bergführer von Beruf, perfektionierte die schnelle Besteigung von Bergen und ist deshalb als "Skyrunner" bekannt. Einige der sieben höchsten Kontinentgipfel hat er im Laufschritt genommen.
Er weiß, dass es beim Extrembergsteigen auch auf Superlative und auf die Vermarktung ankommt. Die Sponsoren verlangen das, und ohne Sponsoren können Berufsbergsteiger nicht leben. Stangl trägt jetzt ein rotes T-Shirt mit dem Symbol der Firma, die ihn finanziell unterstützt. Auf irgendeine Art und Weise muss man immer der Erste sein: der Erste seiner Nationalität, der einen Berg erklimmt. Der Erste, der es im Alpinstil schafft, also - im Gegensatz zum Expeditionsstil - ohne fremde Hilfe, ohne Träger, ohne Atemgeräte, ohne Fixseile. Oder der Erste eben, der die jeweils drei höchsten Berge aller Kontinente packt.
Die Mitbewerber sind weit abgeschlagen
Reinhold Messner ist das Vorbild, den die Grenzgänger von heute bewundern, der sie aber auch frustriert, weil er die Messlatte unerreichbar hoch gehängt hat. Messner schaffte als Erster den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, ohne Flaschensauerstoff und erreichte als Erster die Gipfel aller 14 Achttausender. Stangl lacht. "Ja, der Reinhold ist ein extrem guter Bergsteiger. Aber er hat auch ein goldenes Händchen dafür, sich zu vermarkten."
Zu den bergsteigerischen Erfolgen kamen Episoden wie die Sichtung des Yeti (den Messner in Wahrheit für den Tibetischen Braunbären hält) oder der bis heute nicht aufgeklärte Tod seines Bruders Günther im Jahr 1970 bei einer gemeinsamen Besteigung des Nanga Parbat in Pakistan. Geschichten, die Messner zur Legende gemacht haben.
Stangl ist hoffnungsvoll, dass er bald den Titel "Triple Seven Summits" tragen wird. Seine beiden Mitbewerber, der US-Amerikaner Jake Norton und der Brite Ricky Munday, sind zwar beide rund ein Jahrzehnt jünger als er, aber Norton fehlen noch 14 Berge, Munday noch mehr. Und da bei einigen Bergen umstritten ist, welche die zweit- und dritthöchsten eines Kontinents sind, hat Stangl gleich alle in Frage kommenden bestiegen und selbst per GPS-Gerät vermessen. "Es sind also nicht 21, sondern 27 Berge", sagt er und lacht. "Eigentlich ein Irrsinn, das alles bringt die Menschheit kein Stück weiter."

