22.07.2012
Achttausender-Basislager in Pakistan
Zum Gipfel, Inshallah!
Von Thorsten SchüllerUm uns herum ragen nur noch hohe und eisbedeckte Berge auf. Ein paar Kilometer vor uns erhebt sich die 7665 Meter hohe Chogolisa, der Schicksalsberg des legendären Hermann Buhl, der dort mit einer Wechte in den Tod stürzte. Wir sind im Lager Shagare auf 4650 Metern angekommen, hier stellen wir - sieben Bergsteiger und Dutzende Träger und Helfer - nun unsere Zelte auf dem schuttbedeckten Abruzzigletscher auf. Nach zwei Tagen mit feuchtem und wechselhaftem Wetter ist es nun wieder mild und angenehm.
Seit dem Start unserer Wanderung in Askole begleitet uns ein Kabel, vermutlich ein Kommunikationskabel. Es muss mehr als 100 Kilometer lang sein. Es liegt einfach da auf dem steinigen Boden. Es windet sich über Gletschermoränen und Eistürme, überquert Bäche und spannt sich über kleine und größere Einschnitte. Wahrscheinlich gehört es dem pakistanischen Militär, das im hintersten Karakorum Stützpunkte unterhält, aber er tut seinen Dienst nicht mehr. An mehreren Stellen ist das Kabel gerissen, an anderen nur notdürftig zusammen geflickt. Immerhin würde es Bergsteigern im dichten Nebel den Weg zurück ins Tal weisen.
Am nächsten Morgen treten wir die letzte Etappe unseres langen Marsches ins Basislager des Gasherbrum I und II an. Es sind noch einmal vier Stunden über schuttbedeckten Gletscher, und es geht bis auf 5050 Meter. Bislang haben wir keine Probleme mit der Höhe gehabt, keiner plagt sich mit Kopfschmerzen oder Übelkeit. Doch die sauerstoffarme Luft bremst unsere Schritte, und das Atmen fällt zunehmend schwer.
Vegetarier auf Zeit
Der Marsch ist eine Art Fastenzeit und innere Einkehr. Seit mehr als eineinhalb Wochen haben wir nun schon keinen Alkohol getrunken, keine Zigaretten geraucht, nicht Ferngesehen oder Radio gehört. Unsere Nahrung ist überwiegend vegetarisch: Milchreis, Tschapati, Nudelsuppe, Kartoffeln, grüner Tee oder Instant-Kaffee. Und daran wird sich in den kommenden Wochen auch nichts ändern.
Gleichzeitig haben wir während unserer 107-Kilometer-Wanderung viel Zeit, unseren Gedanken nachzuhängen. Oft sind diese bei den beiden Gasherbrums. Doch dann driften sie ab zu unseren Familien zu Hause, den Kindern, Eltern und Lebensgefährtinnen. Vor unseren Augen tauchen grüne, warme und komfortable Orte auf, die jetzt keine schlechte Alternative zu dieser staubigen, braun-grauen Hochgebirgswelt wären.
Der Marsch bietet außerdem Gelegenheit, über unsere Gruppe nachzudenken. Wir sind sieben Individualisten, aber wir kommen bislang gut miteinander aus. Jeder bringt seine Qualitäten in unser Unternehmen ein: Andi, der Perfektionist. Arthur, der kernige und unterhaltsame Kauz. Helmut und Ulrich, die leistungsstarken Alpinisten. Wasti, der Souveräne und Unkomplizierte. Alf, der bärenstarke Solitär. Und ich, der Organisator.
Das Basislager liegt am Ende einer schuttbedeckten Moräne und ist von wilden, zerfurchten Gletschern umgeben. Unmittelbar vor uns ragt der 8068 Meter hohe Gasherbrum I steil in den Himmel. Hinter uns steht das breite Trapez der Chogolisa. Etwa 200 Meter entfernt befindet sich auf dem eisigen Gletscher ein Stützpunkt des pakistanischen Militärs. Er ist umgeben von leeren Plastiktonnen, weggeworfenen Benzinfässern und Müll. Das Skelett eines abgestürzten Hubschraubers wirkt als Mahnmal für die Gefahren der Natur hier oben.
Risiko Gletscherspalten
In der Tat sind die Bedingungen am Berg schwierig. Weder der Gasherbrum II noch der Gasherbrum I sind in dieser Saison bestiegen worden. Zu viel Schnee und ständig wiederkehrendes Schlechtwetter haben jeden Gipfelversuch bisher vereitelt. Die Schneemengen decken außerdem die Spalten zu. Viele Alpinisten berichten von unerwarteten Stürzen in teilweise haustiefe Löcher, weil die trügerischen Schneebrücken ihrem Gewicht nicht standgehalten haben. Nur das Seil der Kameraden bewahrte sie vor dem Sturz in den Tod.
Auch Louis Rousseau, eine kanadischer Spitzenbergsteiger, und seine Begleiter haben ihren Versuch, den Gasherbrum I zu besteigen, aufgegeben. Im sogenannten Japaner-Coulouir, durch das auch wir aufsteigen wollen, riss sie eine Lawine Hunderte Meter in die Tiefe. Es grenzt an ein Wunder, dass ihnen nichts Ernsthaftes passiert ist.
Angesichts dieser Schilderungen schrumpfen auch unsere Chancen auf eine Gasherbrum-I-Besteigung. Stattdessen konzentrieren sich all unsere Hoffnungen nun auf den Gasherbrum II. Es wäre schön, wenn wir wenigstens an diesem Achttausender in den kommenden Wochen bis zum Gipfel vorstoßen könnten. Inshallah!
Kaputte Reißverschlüsse an Zelt und Klo
Aber erst einmal zahlen wir unseren Trägern ihr Trinkgeld, stellen unsere Zelte auf und richten uns ein. Als würden wir eine neue Wohnung beziehen, versuchen wir, den Inhalt von drei großen Gepäckstücken und Tonnen in unseren Zelten zu verteilen. Der Komfort hält sich in Grenzen: Bei den meisten Zelten schließen die Reißverschlüsse nicht, bei anderen dringt Feuchtigkeit ein, und einem starken Sturm würden diese chinesischen Nachahmerprodukte wohl auch nicht standhalten. Auch die Wärmewirkung lässt nachts bei minus zehn Grad zu wünschen übrig. Arthur, dessen Zelt sich gar nicht schließen lässt, hat seine eigene Art, mit derartigen Schikanen umzugehen: "Ich habe zwei Knoblauchzehen gegessen. Das desinfiziert und vertreibt die bösen Geister."
Alinaki, unser Basislagerkoch, tischt ein üppiges Mahl auf. Dann testen wir die Dusche, ein kleines quadratisches Zelt, in dem wir uns warmes Wasser mit einem Becher über den Körper gießen. Wir benutzen außerdem das schief stehende und bereits ziemlich gefüllte Toilettenzelt am Rande des Gletschers. Der Reißverschluss lässt sich auch hier nicht schließen, womit der Besuch bei Wind und Schneefall eine eisige Angelegenheit wird.
Wir messen mit dem Pulsoxymeter die Sauerstoffsättigung in unserem Blut. Sie liegt bei den meisten um 84 Prozent, was für diese Höhe akzeptabel ist. Am Nachmittag wirft Alinaki den Generator an, wir fahren den Laptop hoch und lesen den Wetterbericht, den wir täglich aus Innsbruck erhalten. Dichte Wolken und Schneefall bestimmen das Wetter im Augenblick. Lawinen rauschen aus den steilen Bergflanken ins Tal.
Doch unser Plan steht: Sobald wir uns an diese Höhe akklimatisiert haben und das Wetter sich bessert, wollen wir durch den bizarren Bruch des Gasherbrum-Gletschers das erste Mal ins Hochlager eins auf rund 5900 Meter Höhe aufsteigen.

