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04.12.2012
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Kreuzfahrt nach Alaska

Kurs Richtung Wildnis

Von Helge Sobik
AP

Riesige Buckelwale, gigantische Gletscher, staunende Passagiere am Panoramafenster: Bei einer Kreuzfahrt von Vancouver nach Alaska verblasst der Luxus an Bord angesichts der spektakulären Küstenlandschaft - die Passagiere fühlen sich wie im Spielzeugboot.

Vor der Kulisse der Küstenberge wirkt selbst ein Kreuzfahrtschiff wie ein Gulliver-Kutter, der sich in eine Welt der Riesen verirrt hat: unterwegs aus Vancouver nach Alaska - auf Tour durch die Inside-Passage Richtung Norden, immer tiefer hinein in die dünn besiedelten Regionen am Rande des Kontinents. Dorthin, wo mehr Bären als Menschen zu Hause sind. Dorthin, wo der Westen noch immer wild ist.

Links und rechts des Schiffs türmen sich in nächster Nähe dicht bewaldete Berge auf, wechseln Inseln mit Festland, kleine Strände mit den schroffen Felsküsten tiefer Fjordlandschaften. Wege führen keine hinein in diese Wildnis. Ab und zu nur steht eine Blockhütte am Ufer, ab und zu nur tuckert ein Fischtrawler mit Netzauslegern vor der Küstenlinie entlang. Beizeiten zieht ein Wasserflugzeug in der Ferne seine Bahnen am Himmel, öfter aber sind es Weißkopfseeadler. So als würden sie Grüße aus der Wildnis überbringen, aus dem Land hinter dem Horizont.

Vorhang auf für Mutter Natur: Auf Kommando öffnen sämtliche Kellner zeitgleich alle Gardinen der Panoramafenster im eben noch abgedunkelten Bordrestaurant des Kreuzfahrtschiffs - so als würde draußen vor den Fenstern jeden Moment eine Broadway-Show beginnen. Spektakuläre Küste ist ins Blickfeld gerückt. Grandiose Gebirgszüge türmen sich als Schattenrisse am Horizont in der Dämmerung auf.

Es ist halb zehn Uhr abends - Sommer im Nordwesten, lange Tage und kurze Nächte so hoch oben auf der Erdkugel. Einzelne Nebelschleier kleben am Horizont zwischen den Gebirgszügen und senken sich auf die Kämme herab. Dahinter glüht der Abendhimmel. Und im Vordergrund schnellt wie aufs Stichwort ein tonnenschwerer Buckelwal aus dem nur ein paar Grad kalten Wasser des Nordpazifiks und geht mit Bauchplatscher wieder baden: "Ahs" und "Ohs" im Speisesaal, spontaner Applaus an jenen festlich gedeckten Tischen, von wo aus man den Wal sehen konnte.

Niemand hält es mehr auf den Plätzen, keiner konzentriert sich mehr auf den Hummersalat mit Wasserkresse vor der Nase, auf das T-Bone-Steak mit Trüffelsahne und Kroketten oder den kühlen australischen Chardonnay im Glas.

Hauptdarsteller ist die Natur

Alle Augen richten sich aufs Meer: Freudenschreie, wenn wieder jemand gerade einen Wal hat springen oder eine Flosse aus dem Wasser ragen sehen! Gänsehaut-Gefühl stellt sich ein, wenn einer der weltweit letzten Buckelwale nur ein paar Dutzend Meter entfernt an Steuerbord tanzt und sein muschelbedeckter Riesenleib zurück ins Meer kracht.

Hauptdarsteller und größte Attraktion zugleich ist die Natur. In dieser Gegend ist das so. Zu Wasser. Zu Land. In der Luft. In der Inside-Passage ist diese Loge mit bestem Blick ein Kreuzfahrtschiff auf dem Weg vom kanadischen Basishafen Vancouver aus hinauf nach Seward bei Anchorage in Alaska - oder in Gegenrichtung.

Vor Jahren haben die großen Kreuzfahrt-Reedereien Westkanada und Alaska als Fahrtgebiet für die Monate von Mai bis September entdeckt. Seither nehmen ihre Luxusschiffe mit Platz für manchmal über 2000 Passagiere vom futuristischen Canada Place Pier in Vancouver aus Kurs auf Goldgräber-Westernstädte wie Skagway in Alaska, auf Orte im Nirgendwo wie Sitka und Ketchikan, auf unberührte Gletscher und geheimnisvolle Fjorde.

Viele der wenigen Siedlungen dieses nördlichsten und zugleich westlichsten aller US-Bundesstaaten sind noch heute nur aus der Luft oder von See aus erreichbar. Hat man nicht gerade ein Wasserflugzeug zur Verfügung, dann ist eine Kreuzfahrt die einzige Möglichkeit, diese Gegend zu erkunden. Und während in den Alpen jeder Wanderweg einen eigenen Namen hat, ist entlang der Inside-Passage längst nicht jeder Berg und jeder Hügel benannt.

In jedem Putin steckt ein Jelzin

Einst grenzte das Reich des Zaren an Kanada. Bis 1867 wurde Alaska noch von St. Petersburg aus regiert. Die Spuren der russischen Architektur sind vielerorts bis heute nicht zu übersehen. Selbst in den Souvenirshops in Juneau und Ketchikan werden ineinander geschachtelte Matrjoschka-Puppen wie in Russland verkauft, deren äußerste Figur die Gesichtszüge Wladimir Putins trägt. Wer sie aufschraubt, findet darin einen kleineren Holz-Jelzin, in dessen Innerem wiederum einen Mini-Gorbatschow. Wem das nicht genügt, der bekommt alternativ für ein paar Dollar Pudelmützen mit Plüsch-Elchschaufeln daran.

Weiter nördlich liegt das Schiff mittlerweile in der Glacier Bay, die bereits zu Alaska gehört, während Kanada nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt im Hinterland beginnt. Es ist ein kühler Nachmittag. Doch als ob die Passagiere zum Zählappell antreten wollten, steht jeder an Deck, um nichts zu verpassen. Wie auf Bestellung durchbrechen Sonnenstrahlen die Wolkendecke über dem Hubbard-Gletscher.

Der Kapitän hat sein riesiges Schiff bis auf weniger als 300 Meter an die gewaltigen Eismassen heranmanövriert, die sich langsam und gleichzeitig mit gewaltiger Kraft dem Fjord entgegenschleppen. Unter lautem Getöse kalbt der Gletscher, lässt Brocken von der Größe eines Einfamilienhauses herunterbrechen und schickt sie als türkisblau schillernde Eisblöcke aufs offene Meer hinaus.

Jeder davon wird ein paar hundert Mal fotografiert, wenn er langsam am Rumpf des schwimmenden Stahlkolosses vorbeizieht. Wieder gibt es diese "Ahs" und "Ohs", die bisher den Walen vorbehalten waren. Zwischendrin wird per Strohhalm heißer Kaffee aus einem Thermobecher gesogen - herbeigeschleppt von Kellnern mit Weste, Fliege und vollendeten Manieren. Sie spielen Großstadt am Rande der Wildnis, bieten Luxus, den in dieser Gegend nur ein schwimmendes Hotel bieten kann.

Alaska-Angebote der Reedereien

Während der Zeit von Ende Mai bis Mitte September sind die großen amerikanischen Reedereien ähnlich wie in der Karibik im Wochenturnus auf derselben Route und mit identischen Anlaufhäfen entlang der Küste Alaskas und British Columbias bzw. in der Inside-Passage unterwegs. Einschiffungshäfen sind - je nach Reederei - entweder Seward bei Anchorage oder Vancouver bzw. Seattle, wenn die Reise aus Richtung Süden beginnt.

Z.B. ist Celebrity Cruises im Sommer 2013 mit drei Schiffen auf im Detail unterschiedlichen wiederkehrenden Routen dort unterwegs (7 Nächte ab 799 Euro plus Flug), Royal Caribbean setzt zwei Schiffe ein (7 Nächte ab 729 Euro plus Flug), Norwegian Cruise Line ist mit drei Schiffen in dem Fahrtgebiet unterwegs (7 Nächte ab 709 Euro plus Flug), während Carnival Cruises ein Schiff einsetzt (7 Nächte ab 765 Euro).

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. Kreuzfahrten sind Quatsch
fledermausmann8 04.12.2012
Zumindest in Alaska sind sie das. Viel billiger und besonders viel mehr Spaß hat man da auf den Fähren, siehe http://www.dot.state.ak.us/amhs/. Die fahren auch von Vancouver durch die gesamte Inside Passage, durch [...]
Zumindest in Alaska sind sie das. Viel billiger und besonders viel mehr Spaß hat man da auf den Fähren, siehe http://www.dot.state.ak.us/amhs/. Die fahren auch von Vancouver durch die gesamte Inside Passage, durch Südzentral-Alaska und die Aleuten entlang. Man sieht genau so viel und mehr (an Land und auf dem Wasser), kann jederzeit von Bord, kann sich mit den interessantesten Reisenden unterhalten und auf dem offenen aber überdachten Deck unter den Wärmelampen schlafen.
2. Kreuzfahrt?
mhpur 04.12.2012
Wer Alaska mit dem Kreuzfahrtschiff bereist, um sich die Natur anzuschauen, kann sich stattdessen auch gleich besser mit Reportagen vor dem heimischen Fernseher behelfen. Die Natur dort muss man pur erleben. Ich meine jetzt [...]
Wer Alaska mit dem Kreuzfahrtschiff bereist, um sich die Natur anzuschauen, kann sich stattdessen auch gleich besser mit Reportagen vor dem heimischen Fernseher behelfen. Die Natur dort muss man pur erleben. Ich meine jetzt nicht bei den üblichen Bustouren durch den Denali-Park. diese grandiose Weite der Landschaft ist etwas für Zelt und Rucksack. Eine Nacht im Zelt auf einem Plateau unterhalb eines Gletschers in den Wrangel Moutains, eine Gletschertour, die mich sogar unter einen Gletscher geführt hat, der singende Campingplatzbesitzer in Tok, Skagway mit seiner ursprünglichen Westerngeschichte, die bei blauem Himmel unglaublich schöne Landschaft auf dem Weg nach Dawson, Flüge in Gegenden, die nur mit dem Wasserflugzeug erreichbar sind, das ist es. Abgrenzend, da nicht zu Alaska gehörend, das Yukon-Territory. Dawson mit seiener Authenzität, seiner umgebuddelten Umgebung, die unberührte Natur am Yukon. Ich habe ihn schon selbst von Whitehorse bis Dawson befahren, auch den Big Salmon River. Wenn Du nachts für ein Geschäft aus dem Zelt steigst, erst einmal schauen musst, ob irgendwo ein Bär ist und, da Du Deine Hände zur Abwehr der Mücken brauchst, freihändig pinkeln musst, weisst Du, was wahre Natur ist.
3. Ein absolutes Disaster!
alyeska 04.12.2012
Ich gebe Beitrag 1 und 2 völlig Recht ... Kreuzfahrten sind ein Disaster. Zum einen Ökologisch nicht vertretbar. Wie kann man bis zu 3.000 Menschen auf einmal in diese abgeschiedene Wildnis karren!? Souvenirshops, Hotels und [...]
Ich gebe Beitrag 1 und 2 völlig Recht ... Kreuzfahrten sind ein Disaster. Zum einen Ökologisch nicht vertretbar. Wie kann man bis zu 3.000 Menschen auf einmal in diese abgeschiedene Wildnis karren!? Souvenirshops, Hotels und Busse sind alle in der Hand der Reedereien. Gegessen wird an Bord. Die Menschen vor Ort haben also rein gar nichts davon. Ich bereise dieses Land schon seit über 20 Jahren und weiss wovon ich rede.
4. Das Buch zur Reise
literaturboot.de 04.12.2012
Statt Kreuzfahrt lieber das fantastische Buch "Passage to Juneau" von Jonathan Raban lesen - eine Reise durch genau diese Gewässer, ein bewegendes und sehr lebendig geschriebenes Buch dazu. Gibt es auf [...]
Statt Kreuzfahrt lieber das fantastische Buch "Passage to Juneau" von Jonathan Raban lesen - eine Reise durch genau diese Gewässer, ein bewegendes und sehr lebendig geschriebenes Buch dazu. Gibt es auf www.literaturboot.de; ebenso wie alle andere maritime Literatur.
5.
mats73 04.12.2012
Hier geht es doch eher um AutoFähren, die durch extrem attraktives Gebiet mit zerklüfteten Inselgruppen tagelang fahren - und, weil sie mehrere Tage unterwegs sind auch Kabinen haben müssen. Auch für den gemäßigten [...]
Hier geht es doch eher um AutoFähren, die durch extrem attraktives Gebiet mit zerklüfteten Inselgruppen tagelang fahren - und, weil sie mehrere Tage unterwegs sind auch Kabinen haben müssen. Auch für den gemäßigten Individualreisenden ist z.B. die Inside Passage zum entschleunigten Ankommen hervorragend, wenn dann noch Zeit für den Urlaub am Ziel ist... wer hat schon 5-6 Wochen am Stück, um dann noch mal Alaska selbst zu "erfahren".... Der Begriff Kreuzfahrt ist auch völlig übertrieben....das hat nichts mit AIDA Massentourismus zu tun. ok, relativ gesehen ist die Inside Passage im Sommer überbucht...

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