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26.11.2012
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Seattle

Winzer zwischen Wolkenkratzern

Von Helge Sobik
DPA

Mitten in Seattle wird gekeltert, verkostet und in immer mehr urigen Weinlokalen ausgeschenkt: In Nordamerikas Metropole boomt eine lässige Weinkultur. Die Stadtgüter sind klein, ambitioniert - und aus Begeisterung geboren.

Bei Bill Owen riecht es nach Eiche, nach frischen Trauben, nach tiefem Keller und Rotwein - irgendwie nach Burgund und Bordeaux zusammen. Dabei ist es nicht weit zum Pazifik, zur Wolkenkratzer-Skyline von Seattle, zu den Olympic Mountains.

Owen hat Burgund nachgebaut: Zu ebener Erde in einer Halle am Stadtrand der US-Westküstenmetropole keltert er seine Weine, lagert sie in einem spärlich beleuchteten großen Raum mit abgehängter Decke, schafft Weinkelleratmosphäre. "Die Trauben wollen es so", sagt er und lacht dabei.

Er schwärmt, probiert, klettert in einem Wahnsinnstempo zwischen den eng aufgestapelten Fässerreihen hindurch, fährt sich mit der Hand durch die weißen Haare und kann gar nicht mehr aufhören, von seinen Weinen zu erzählen. Vom schweren Cabernet mit diesem Nachhall am Gaumen. Und vom Riesling.

Er liebt sie fast so wie die Gegend, in der er zu Hause ist, fast so wie das Rennrad, auf dem er jeden Morgen 20 Meilen weit quer durch Seattle zur Arbeit rast. Owen, um die 60, mag es schnell, gerade heraus, kann keine Sekunde stillstehen. Spazierengehen ist nichts für ihn - zu langsam.

In Jahrzehnten ein Weingut aufbauen? Nicht sein Tempo. Bei Owen muss es schneller gehen - ohne schlechter zu werden. Er kauft die Trauben anderer Weinbauern aus der Umgebung auf: "Meine Kunst beginnt erst danach. Ich mache daraus hier in Seattle große Weine, wo das bis vor kurzem niemand erwartet hat."

Sein Erfolgsgeheimnis? Er lacht wieder. "Alte Winzerweisheit", meint er selbstironisch: "Du musst ziemlich viel Bier während der Arbeit trinken, um einen guten Wein hinzukriegen." Ab und zu fliegt er nach Frankreich: "Wegen der Inspiration."

Nicht bekannt, aber erstaunlich gut

Owen ist mit schuld daran, dass sich in Seattle rasant eine Weinkultur entwickelt - mit Kellern, die besichtigt werden können, mit Weinproben, Direktverkauf, Weinlokalen. Mit allem, was dazu gehört.

Er freut sich am "Ah" und "Oh" und "Hm" der Besucher, darunter immer mehr Urlauber, die zur Weinprobe vorbeischauen. Und daran, dass anschließend die Kasse klingelt. Ebenso erfreut dies seine gut zwei Dutzend Winzerkollegen, deren Weingüter sich auf dem Stadtgebiet von Seattle im US-Bundesstaat Washington befinden.

Neben Vancouver im angrenzenden Kanada wird die Metropole am Puget Sound immer wieder zu einer der lebenswertesten Städte der Welt gewählt: wegen der Lage zwischen Gebirge und Ozean, wegen des Klimas, des Wohlstands, der Vielzahl an Sport- und Ausgehmöglichkeiten. Und neuerdings auch wegen des Weines.

Fast ausnahmslos sind die Stadtgüter klein und ambitioniert, oft Familienunternehmen und aus der Begeisterung geboren. Kaum einer produziert mehr als ein paar tausend Flaschen, und manchmal sind es Leute wie Sommelier Roman La Rose, die für ein Spitzenlokal - oder in seinem Fall für zwei Hotels mit ihren Restaurants - fast die gesamte Produktion aufkaufen.

"Die hiesigen Weine sind noch nicht sonderlich bekannt - aber erstaunlich gut", sagt La Rose. "Gäste aus der Gegend fragen inzwischen danach, andere kommen sogar allein deswegen von weiter her. Ich habe 80 Weine auf der Karte - über 70 davon sind inzwischen aus unserem Bundesstaat."

Immer mehr Weinlokale gibt es in der Stadt - urig gestaltet, zu ebener Erde und dennoch im Weinkeller-Look. Oder ultramodern. Im Ausschank: die edlen Tropfen aus Seattle. "Das Klima hier ist milde, aber regenreich. Wein gedeiht vor allem auf den vorgelagerten Inseln und im ziemlich trockenen Hinterland, gut 300 Kilometer von der Stadt entfernt", erzählt Winzer Paul Beveridge, der Seattles ältestes Weinlokal The Tasting Room betreibt: "Dort draußen wachsen die Trauben, die später hier gekeltert werden und in der Stadt zu edlen Weinen heranreifen."

Kann man Begeisterung schmecken?

Für Merlot-Anbau biete die Region die besten Bedingungen außerhalb Frankreichs, für Riesling die besten außerhalb Deutschlands. "Und wir sind hier so weit nördlich, dass die Weinstöcke in der Wachstumszeit im Frühsommer zwei Sonnenscheinstunden mehr pro Tag haben als unten in Kalifornien."

Während er erzählt, holen Gäste am Nebentisch ein Schachbrett heraus und richten sich offensichtlich darauf ein, länger zu bleiben. Ein paar Tische weiter spielen junge Leute Karten, während sie an ihrem Cabernet nippen. Und am Tresen probieren zwei Paare verschiedene Weine, beraten sich gegenseitig und erstehen eine Kiste Syrah, einen Riesling. Diese Art, mit Wein umzugehen, passt zur Lebensart in Seattle: alles locker, easy-going, nichts ist steif oder betont stilvoll.

"Du kannst hier den Geschmack des pazifischen Nordwestens auf der Zunge haben, das Wetter eines ganzes Jahres schmecken und brauchst dafür doch nur ein Glas Rotwein zu trinken", sagt Benjamin Smith vom Weingut Cadence. Der zurückhaltende Typ hat bis vor zehn Jahren als Ingenieur bei Boeing gearbeitet und gerät inzwischen ganz aus dem Häuschen, wenn es um Weine geht. Er hatte gekündigt, um Winzer zu werden, und bringt es inzwischen auf 24.000 Flaschen pro Jahr - und ein paar Auszeichnungen.

Seine Firma am Lake Washington Boulevard ist ein reiner Familienbetrieb geblieben: er, seine Frau und eines Tages Tochter Cara, die jetzt noch lieber mit Barbie spielt oder aus Korken Burgen baut. "Ich habe als Hobbywinzer angefangen, aus Begeisterung den Beruf gewechselt." Was Seattle mit seinen Rotweinen zu tun hat? "Sie reifen hier. Ich lebe hier. Und ich trinke sie hier." Er legt den Arm auf eines der Fässer, als wollte er es umarmen.

Ob man Begeisterung schmecken kann? Kann man. Bei Bill, Paul und Benjamin. Und bei gut zwei Dutzend Zunftkollegen in einer Stadt, in der es niemand erwartet hätte.

Infos
Anreise
Flug mit Lufthansa von Hamburg via Frankfurt nach Seattle ab rd. 730 Euro.
Übernachtung
Hotel "Hyatt at Olive Eight" ab rd. 200 Euro/Doppelzimmer.
Beliebte Weinlokale
Websites der Weingüter
Bill Owen/O&S Winery: www.oswinery.com
Ben Smith/Cadence Winery: www.cadencewinery.com
Weitere Infos
Seattle Convention and Visitors Bureau: www.visitseattle.org

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
1.
ddddd_k 26.11.2012
...dazu passt 20something (http://thenewvintage.org/). Schade, dass man Washington State Weine in Deutschland nur schwer bzw. überteuert bekommt.
...dazu passt 20something (http://thenewvintage.org/). Schade, dass man Washington State Weine in Deutschland nur schwer bzw. überteuert bekommt.
2.
texas_star 26.11.2012
na ja, in Seattle und den vorgelagerten Inseln waechst KEIN WEIN. der wein waechst wie gesagt ein paar stunden HINTER in den bergen (cascades) im innenland wo es sehr, sehr trocken und sonnig ist. Seattle hat wie gesagt zu [...]
Zitat von ddddd_k...dazu passt 20something (http://thenewvintage.org/). Schade, dass man Washington State Weine in Deutschland nur schwer bzw. überteuert bekommt.
na ja, in Seattle und den vorgelagerten Inseln waechst KEIN WEIN. der wein waechst wie gesagt ein paar stunden HINTER in den bergen (cascades) im innenland wo es sehr, sehr trocken und sonnig ist. Seattle hat wie gesagt zu wenig sonnenschein, zu kuehl und es regnet zu viel....
3.
barti2000 26.11.2012
Auch ohne Wein eine der schönsten Städte :)
Auch ohne Wein eine der schönsten Städte :)
4.
ddddd_k 27.11.2012
...und das ist dann warum genau nicht mehr Washington State...?
...und das ist dann warum genau nicht mehr Washington State...?

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