Lade Daten...
13.11.2012
Schrift:
-
+

Tyler Brûlés Depesche

Lieber Mr. President!

AP

US-Präsident Barack Obama: Tyler Brûlé wäre gerne sein Brieffreund

Ein Herz für Barack Obama: Tyler Brûlé gibt dem neuen alten US-Präsidenten wichtige Ratschläge, wie dieser sein Land zu führen hat. Das richtige Personal hat der Kolumnist schon an der Hand - und auch Michelle spielt eine wichtige Rolle bei der Rettung Amerikas.

Lieber Barack Obama, herzlichen Glückwunsch zur zweiten Amtszeit! Sie sind zwar eigentlich nicht mein Präsident, und ich habe auch nicht vor, daran in nächster Zeit etwas zu ändern - etwa in dem ich mich um die US-amerikanische Staatsbürgerschaft bemühe. Wir sind allerdings Nachbarn. Nein, ich residiere weder an der Pennsylvania Avenue noch in Chicago, sondern ich bin Kanadier. Deshalb gehört es sich meiner Meinung nach einfach, Ihnen mit diesem kleinen Anschreiben von Herzen zu Ihrem Erfolg zu gratulieren.

Während der Wahl war ich in Hongkong, wo ich am Mittwochvormittag immer wieder einen Blick auf mein Blackberry warf, um die neuesten Entwicklungen mitzuverfolgen. Am Ende war ich erleichtert, dass der Verlierer fair seine Niederlage einräumte und kein allzu großes Drama daraus machte.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich glaube, dass Mitt Romneys leichtes Imponiergehabe die Republikaner zu einem völligen Umdenken bei der Auswahl zukünftiger Kandidaten zwingen wird. Auch wenn man seine diversen Fauxpas außer Acht lässt, wirkte er wie das Relikt einer vergangenen Ära. Sicher, er fand großen Zuspruch bei weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung. Trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Tage der superweißen, sonnengebräunten Kandidaten mit kräftigen Kinnpartien und sorgfältig frisierten Haaren gezählt sind.

Land unter Zugzwang

Mir gefiel auch Ihre Antrittsrede - sie deckte ein breites Themenfeld ab und drückte Humanität, Bescheidenheit und Hoffnung aus. Kritisch würde ich höchstens anmerken, dass es ihr an Genauigkeit mangelte. Wahrscheinlich waren Ihre Berater der Meinung, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei, um große programmatische Inhalte zu verkünden. Genau auf die wartet jedoch jeder, denke ich. Leider werden Sie sich mit denselben Hindernissen herumschlagen müssen wie bisher. Vielleicht führt die Schaffung von Jobs und die Rettung der Autoindustrie aber dazu, dass einige Ihrer Gegner einmalig oder sogar dauerhaft auf Ihren Zug aufspringen.

Natürlich wäre (fast) jeder glücklicher, wenn es gleich ein Netz an Hochgeschwindigkeitszügen gäbe, und genau deshalb sollten Sie dieser Initiative neuen Schwung verleihen. Wie müssen Sie diesmal einfach richtig verkaufen.

Zu wenige Ihrer Bürger wissen überhaupt, was ihnen entgeht. Diese kennen die Vorzüge eines Schienennetzes wie in Japan, Deutschland oder Spanien gar nicht. Also müssen Sie die Diskussion geschickt weg vom Umweltschutzaspekt Auto statt Zug führen. Unterdessen sollten Sie sich mit Ihren Freunden in Hollywood unterhalten und versuchen, in einigen Filmen und TV-Serien ansprechende Szenen in Zügen unterzubringen. Dann wird sich das Land fragen: Wieso haben wir so etwas eigentlich nicht?

Und warum nicht gleich die ganze neue Legislaturperiode in ein wahres Zeitalter US-amerikanischen Erfindungsreichtums verwandeln? Die Mitarbeiter bei GE und Boing bekommen momentan für ihre großen Neuerungen und Initiativen mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung in Übersee als im heimischen Markt. Warum das Ganze also nicht einfach mal andersherum aufziehen und ein paar unserer größten Konzern dazu bringen, sich in Projekten zu engagieren, die als Meilensteine in den Alltag unserer Landsleute eingehen werden?

Bloomberg als Botschafter

Vor einigen Wochen fiel mir auf, dass weder Sie noch Romney sich für kommunale Initiativen eingesetzt haben - dabei stehen die Städte Ihres Landes unter hohem Druck und laufen Gefahr, ganz auseinanderzubrechen. Hier muss ein neues Ressort gebildet werden, das sich ausschließlich mit der Umgestaltung der größten wirtschaftlichen Zentren beschäftigt und die zukünftige Entwicklung plant.

Zweifellos sind einige Städte bereits auf dem richtigen Weg. Vielen würde jedoch ein leuchtendes Beispiel bei der Umsetzung helfen, deshalb benötigen Sie einen erfahrenen Berater in Ihrem Planungsstab, der die Initiative führt.

Sicherlich ist Ihnen Amanda Burden ein Begriff - die hochintelligente Stadtplanerin, die New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg eingesetzt hat. Sie wäre genau die Richtige für den Posten. Bloomberg hat Sie aufgrund Ihres Engagements für die Umwelt im Wahlkampf unterstützt. Wenn Sie also nett fragen, ist er vielleicht bereit, Amanda Burden nach Washington ziehen zu lassen, bevor seine Amtszeit im nächsten Jahr zu Ende geht.

Und wenn Sie mit Bloomberg sprechen, sollten Sie ihm am besten gleich ein unwiderstehliches Angebot unterbreiten. Eine staatsmännische Rolle würde dem New Yorker Bürgermeister gut stehen, etwa als Sonderbotschafter in Ihrem Namen oder als Minister für nationale Abrüstung - um endlich die ganzen Waffen in den USA zu entsorgen.

Kurskorrektur Amerikas

Ich will nicht neugierig sein, aber ich frage mich doch, welche Rolle die First Lady in dieser zweiten Amtsperiode spielen wird. Während Ihrer Ansprache nach dem Wahlsieg hatte ich den Eindruck, dass Sie einige größere Projekte andeuteten. Es würde großen Ärger verursachen, ihr ein Ministerium zu übergeben, das ist mir klar. Aber wie wäre es, sie mit der Aufgabe zu betrauen, sich für ein komplettes Umdenken der US-amerikanischen Lebensweise einzusetzen?

Ich bezweifle, dass Sie diese Kolumne jede Woche verfolgen, aber vor einiger Zeit hatte ich mich dort für die Errichtung eines Ministeriums des richtigen Maßstabs ausgesprochen. Mir fehlt der Platz, um noch mal auf alle Details einzugehen, aber die Essenz lautete, dass die USA lernen muss, maßvoller zu leben - in vernünftig dimensionierten Häusern, mit kleineren Autos, reduzierten Essensportionen und weniger Ausgaben auf Kredit. Denken Sie nicht, das wäre genau das Richtige für Michelle? Die Gesundheit der Bürger würde gefördert, die Bebauungsdichte in den Städten gesteigert und der Treibstoffverbrauch verringert. Dieser beispielhaften Kurskorrektur Amerikas würden dann sicherlich auch andere Länder folgen.

Ich hoffe, Sie genießen Ihren Urlaub auf Hawaii. Wenn Sie dort sind, sollten Sie unbedingt in dem exzellenten japanischen Restaurant Miyabi vorbeischauen.

Noch mal Glückwunsch und herzliche Grüße! Ihr Tyler Brûlé.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
1. Gute Ideen
XYZittau 13.11.2012
Ich kann nur sagen, gute Ideen
Ich kann nur sagen, gute Ideen
2. Wie bitte?
Stefnix 14.11.2012
"Maßvoller Leben"? Diesen Ratschlag gibt ausgerechnet Tyler Brulee, der unentwegt Business oder sogar First Class um die Welt fliegt und in 4- bis 5-Sterne-Hotels logiert? Der Herr hinterläßt einen ökologischen [...]
"Maßvoller Leben"? Diesen Ratschlag gibt ausgerechnet Tyler Brulee, der unentwegt Business oder sogar First Class um die Welt fliegt und in 4- bis 5-Sterne-Hotels logiert? Der Herr hinterläßt einen ökologischen Fußabdruck, der für sämtliche Einwohner einer amerikanischen Kleinstadt ausreicht!
3.
dr.ponnonner 14.11.2012
Aber er weiss nun mal alles. Nicht nur wo man sich auf Flughaefen rumdrueckt und welches Hotel die wenigsten Bettwanzen hat. Er weiss auch wie man die USA regiert. Er sollte dringend eine Depesche (in Deutsch oder Russisch) [...]
Zitat von Stefnix"Maßvoller Leben"? Diesen Ratschlag gibt ausgerechnet Tyler Brulee, der unentwegt Business oder sogar First Class um die Welt fliegt und in 4- bis 5-Sterne-Hotels logiert? Der Herr hinterläßt einen ökologischen Fußabdruck, der für sämtliche Einwohner einer amerikanischen Kleinstadt ausreicht!
Aber er weiss nun mal alles. Nicht nur wo man sich auf Flughaefen rumdrueckt und welches Hotel die wenigsten Bettwanzen hat. Er weiss auch wie man die USA regiert. Er sollte dringend eine Depesche (in Deutsch oder Russisch) an Merkel schreiben.
4.
dr.ponnonner 14.11.2012
Ich empfehle Tyler Brulee immer, dass er sich als Kanadier endlich eine Bombardier Global zulegen soll.
Zitat von sysopEin Herz für Barack Obama: Tyler Brûlé gibt dem neuen alten US-Präsidenten wichtige Ratschläge, wie dieser sein Land zu führen hat. Das richtige Personal hat der Kolumnist schon an der Hand - und auch Michelle spielt eine wichtige Rolle bei der Rettung Amerikas. Tyler Brûlés Brief an US-Präsident Barack Obama - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tyler-brules-brief-an-us-praesident-barack-obama-a-866997.html)
Ich empfehle Tyler Brulee immer, dass er sich als Kanadier endlich eine Bombardier Global zulegen soll.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Zur Person

  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".

Fotostrecke

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter RSS
alles zum Thema Tyler Brûlé
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten