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22.11.2012
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Mit Kindern auf Weltreise

Im Maul einer Bestie

Fotos
Alexandra Frank

Eine Weltreise mit Familie eröffnet ganz neue Perspektiven, auch für die berufliche Zukunft des Nachwuchses. In Argentinien sieht sich Bloggerin Alexandra Frank mit Wünschen wie "Gaucherin" oder "Pala..äh" konfrontiert - und verkneift sich lieber einen Kommentar.

Die Berufswahl unserer vierjährigen Tochter ist noch nicht ganz festgelegt.
"Fotografin", sagt sie, wenn sie die Kamera in die Finger bekommt.
"Tierärztin", heißt es, wenn der Kater meiner Eltern krank ist.
"Prinzessin", steht auch sehr hoch im Kurs.

Seit wir Buenos Aires, das erste Ziel unserer Weltreise verlassen haben, sind zahlreiche Berufswünsche hinzugekommen. Etwa in San Antonio de Areco, einer Kleinstadt zwei Stunden nordwestlich von Buenos Aires, laut Reiseführer der "hübscheste Ort in der Pampa".

Schon kurz nach Ankunft ist sie sich ganz sicher: "Ich werde Gaucherin!" Damit meint sie die weibliche Form von Gaucho, die bestimmt nicht Gaucherin heißt. Die erste Begegnung mit einem Gaucho hatte sie zu Hause in Hamburg, auf dem Sofa sitzend.

"Wer ist das denn, Mama?", fragte sie mich und tippte aufgeregt mit dem Finger auf ein Foto im Reiseführer. "Das ist ein Gaucho", erklärte ich, "so etwas wie ein Cowboy." Cowboys interessieren unsere Tochter nicht die Bohne. Gauchos seltsamerweise schon. Wann immer mein Mann und ich seither über mögliche Stationen unserer Reise reden, insistiert sie in einem Tonfall, mit dem sie sonst nur Eis fordert: "Gauchos!"

San Antonio de Areco ist so etwas wie die Wiege der Gauchokultur. Jedes Jahr im November findet in dem Ort ein traditionelles Gauchofest statt. Der Grund für unseren Besuch. Wir marschieren durch die Straßen, die von kolonialen Gebäuden gesäumt sind, laufen über die zentrale Plaza, schlendern am Ufer des Flusses Areco entlang, stets auf der Suche nach Gauchos - und werden fündig.

Tote Ferkel, geschlachtete Rinder - und die Kinder

Wir sehen tanzende Gauchos, Zigaretten paffende Gauchos, Gauchos am Grill, Gauchos im Gartenstuhl. Nur keine Gauchos auf dem Pferderücken. Das Kind ist mittelzufrieden.

Also fahren wir mit ihr hinaus auf eine Estancia, eine Art Bauernhof könnte man sagen, allerdings mit, nun ja, etwas anderen Gegebenheiten. Auf der Koppel liegen blanke Rinderschädel. Neben den Ställen liegt ein totes Ferkel. Und mitten auf dem Hof stehen drei Männer und nehmen ein Rind auseinander. Ich mache mir Sorgen, dass so viel raue Wirklichkeit das Kind verschrecken könnte.

Doch unsere Tochter bemerkt nichts. Denn sie hat ein gesatteltes Pferd entdeckt. Und einen Gaucho. Er springt ohne Steigbügel auf das Pferd. Hebt das Kind hoch und reitet mit ihm eine Runde. Als es wissen will, ob er wirklich ein echter, echter Gaucho sei, flitzt er ins Haus und kommt ein paar Minuten später in Gauchotracht wieder raus - mit Mütze, Halstuch, Lederstiefeln und einem Messer.

"Ohne Messer ist ein Gaucho kein Gaucho", sagt er.

Das Kind hat rote Backen vor Aufregung. Das Baby reißt die Augen auf. Mein Mann fürchtet, die Rolle des zentralen Helden im Leben seiner Tochter einzubüßen.

Später, als die Kinder im Bett liegen, schaue ich im Internet nach, was der richtige Begriff für Gaucherin ist. Er lautet ganz desillusionierend: Bäuerin.

"Gäh" für Pinguin

Den nächsten Berufswunsch präsentiert uns unsere Tochter eine Woche später weiter südlich. Wir besuchen die Halbinsel Valdés, die für ihren Tierreichtum bekannt ist. Vor der Küste schwimmen Wale und Delfine, am Strand sonnen sich Seelöwen und See-Elefanten. Es gibt auch Nandus, Guanakos, Graufüchse und Pampahasen. Tiere, von deren Existenz das Kind bislang nichts wusste. Das Baby auch nicht. Aber das gilt in seinem Fall auch für Pferde oder Kühe.

"Ich werde Tierforscherin", sagt unsere Tochter.

Unser Baby wohl auch. Interessiert betrachtet es einen Pinguin, der etwa einen Meter vor uns den Weg entlangwatschelt. Die Vögel scheinen es ihm angetan zu haben. Und davon gibt es hier eine Menge. Denn Punta Tombo, ein etwas weiter südlich gelegenes Naturschutzreservat an der Atlantikküste, ist die weltweit größte Brutstätte von Mangellan-Pinguinen. Wie Gartenzwerge stehen die schwarzweißen Vögel in der Landschaft rum. Der Boden ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse - eine Bruthöhle neben der anderen.

"Gäh", schreit das Baby, immer, wenn es einen Pinguin sieht. Wir bekommen an diesem Tag eine Menge "Gäh" zu hören.

Am nächsten Tag begehen wir in der nahe gelegenen Stadt Trelew den nächsten Berufsorientierungstag. Er beginnt mit einem Schrecken. Genauer gesagt, dem Albtraum jeder Mutter. Eine Minute schaut man mal nicht hin - und dann befindet sich das Kind in den Klauen einer Bestie.

Unser Kind!

Jetzt heißt es, einen kühlen Kopf bewahren. Sich nicht von gebleckten Zähnen abschrecken lassen. Handeln! Die Bestie muss gerettet werden - vor dem Kind. Denn sie sieht verdächtig wackelig aus.

"No, no", wiegelt eine Museumswärterin ab. Sie hat das Absperrseil weggehangen, um unserer Tochter den Zutritt zu gewähren. Zutritt zu einem Dinosaurier. Ein Tyrannotitan, zwölf Meter lang, fünf Meter hoch und ein klein wenig älter als mein Kind. Etwa 70 Millionen Jahre.

"Pala...äh" - der nächste Berufswunsch

Nicht die einzige Riesenechse des Paläontologischen Museums der Stadt Trelew. Nebenan lauert ein recht bissig aussehender Carnotaurus. Daneben ein Nest mit Dinoeiern. Und ein etwa schafsgroßer Eoraptor, der schlappe 220 Millionen Jahre auf dem Buckel hat. Das erklärt mir jedenfalls der Direktor des Museums, Rubén Cúneo. Und dass Patagonien ein riesiger Friedhof von Dinosauriern sei.

Während ich mit ihm rede, hält meine Tochter Zwiesprache mit dem Tyrannotitan. Sie spricht gerne mit Tieren. Und mit Dingen. Vor kurzem habe ich sie sogar dabei erwischt, wie sie sich mit einem Wasserhahn unterhielt. Scheinbar spricht sie auch gerne mit Knochen.

Nachdem wir unsere Gespräche beendet haben, tauschen wir uns aus. "Der Dinosaurier frisst uns nicht", sagt meine Tochter. "Weil wir jetzt Freunde sind." "Dann ist ja gut", kommentiert mein Mann. Das Baby beäugt derweil interessiert einen spitzen Zahn des Tyrannotitans. Die Museumsmitarbeiterin wirft ihm Kusshände zu und besteht darauf, uns im Maul der Bestie zu fotografieren. Dann erzähle ich, was der Direktor mir berichtet hat. Nämlich dass ein Dino nach demjenigen benannt wird, der ihn gefunden hat.

Der Carnotaurus im Nebenraum, fahre ich fort, wurde beispielsweise zufällig von einem Gaucho auf einem Acker gefunden. "Einem Gaucho?", fragt meine Tochter begeistert. "Ja", erwidere ich. "Dem Gaucho 'Herrn Sastre'. Deshalb heißt der Dinosaurier jetzt Carnotaurus Sastrei."

"Ich will auch einen Dino finden", jubelt das Kind. "Und Pala…äh werden." Sie meint damit Paläontologin, also Dinoforscherin. Mein Mann und ich blicken uns an. In solchen Situationen sollte man nicht widersprechen, sondern einfach nur nicken.

Wer will sich schon mit einer paläontologischen Gaucherin anlegen?

Bis März 2013 wird Alexandra Frank regelmäßig von ihren Erlebnissen als Familie auf Weltreise bei SPIEGEL ONLINE berichten.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
1. Viel Spass
agua 22.11.2012
Das liest sich so,als haettet ihr viel Spass.Kinder entdecken ihre Welt,heisst es immer.Und je groesser die Welt,umso mehr gibt es zu entdecken...Ich bin gespannt auf eure naechste Reisestation.Liebe Gruesse aus Portugal!
Das liest sich so,als haettet ihr viel Spass.Kinder entdecken ihre Welt,heisst es immer.Und je groesser die Welt,umso mehr gibt es zu entdecken...Ich bin gespannt auf eure naechste Reisestation.Liebe Gruesse aus Portugal!
2. Danke
Martinaalanya 22.11.2012
für den tollen Bericht!!! Ich verschlinge Eure Rückmeldungen aus der großen weiten Welt und kann es gar nicht erwarten, mti Euch weiter auf Weltreise zu gehen!!! Ein Traum - vor allem für die Kinder.
für den tollen Bericht!!! Ich verschlinge Eure Rückmeldungen aus der großen weiten Welt und kann es gar nicht erwarten, mti Euch weiter auf Weltreise zu gehen!!! Ein Traum - vor allem für die Kinder.
3.
piiter 22.11.2012
... kann mal jemand das falsche "n" aus Mangellan rausnehmen, es tut einfach nur weh. [2. Versuch eines Beitrages, nachdem mein erster lobender Bericht aus welchen Gründen auch immer abgelehnt wurde.]
... kann mal jemand das falsche "n" aus Mangellan rausnehmen, es tut einfach nur weh. [2. Versuch eines Beitrages, nachdem mein erster lobender Bericht aus welchen Gründen auch immer abgelehnt wurde.]
4. Och jo
julo64 22.11.2012
Auch der aktuelle Reisebericht ist unter aller Kanone. Stilistisch auf dem Niveau eines Teenagers, inhaltlich noch nicht mal das Kleingedruckte im Reiseführer und der Spannungsfaktor ist "Heizung auf 3 gestellt, hui!" [...]
Auch der aktuelle Reisebericht ist unter aller Kanone. Stilistisch auf dem Niveau eines Teenagers, inhaltlich noch nicht mal das Kleingedruckte im Reiseführer und der Spannungsfaktor ist "Heizung auf 3 gestellt, hui!" Passt supergut zur Besinnlichkeitswelt des Tchibo Weihnachtskataloges, dessen Spießigkeit nur von der Klischeewelt der 60er Jahre eines Sears übertroffen wird. Meine Güte, wofür manche Leute Geld verlangen - und es auch noch bekommen. Nein, das ist nicht 2012. Das ist 1931 auf kolorierter Postkarte. Und da wundert jemanden Zeitungsverdrossenheit?
5. Das Thema
agua 22.11.2012
ist:Mit Kindern auf Weltreise.Und dies ist der hauptsaechliche Inhalt der Reiseberichte.Ich freu mich auf den naechsten,denn schlechte Nachrichten gibt es genug.Und leider scheint es so, als wenn nach dem ersten Bericht,diese [...]
Zitat von julo64Auch der aktuelle Reisebericht ist unter aller Kanone. Stilistisch auf dem Niveau eines Teenagers, inhaltlich noch nicht mal das Kleingedruckte im Reiseführer und der Spannungsfaktor ist "Heizung auf 3 gestellt, hui!" Passt supergut zur Besinnlichkeitswelt des Tchibo Weihnachtskataloges, dessen Spießigkeit nur von der Klischeewelt der 60er Jahre eines Sears übertroffen wird. Meine Güte, wofür manche Leute Geld verlangen - und es auch noch bekommen. Nein, das ist nicht 2012. Das ist 1931 auf kolorierter Postkarte. Und da wundert jemanden Zeitungsverdrossenheit?
ist:Mit Kindern auf Weltreise.Und dies ist der hauptsaechliche Inhalt der Reiseberichte.Ich freu mich auf den naechsten,denn schlechte Nachrichten gibt es genug.Und leider scheint es so, als wenn nach dem ersten Bericht,diese Reise mit Kindern geplant zu haben,was nicht nur,aber doch auf recht viel Kritik im Forum stiess,das Interesse nachlaesst.Laeuft bisher wider erwarten Vieler gut,also kein Grund einen Kommentar in Form einer Kritik zu schreiben.Und wer dann unbedingt den Wunsch hat zu kritisieren, der findet auch einen Kritikpunkt.

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  • Alexandra Frank
    Die Journalistin Alexandra Frank, 36, ist fünf Monate lang mit Mann, 38, Tochter, 4, und Baby auf Weltreise. Die Route führt von Argentinien über Chile, Neuseeland, Australien bis nach Singapur. Anfang März endet der Trip in der Heimatstadt Hamburg. In ihrem Blog "4 um die Welt" berichtet sie von den Abenteuern ihrer Familie.

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