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26.12.2012
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Pilgerreise in der Türkei

Zuflucht im Feenkamin

Gerhard Merk

Ob in Tarsus, Antakya oder Kappadokien - in der Türkei wandern christliche Pilger auf den Spuren des Apostels Paulus. Das islamische Land stellt sich zunehmend auf die Touristen aus dem Westen ein. Sogar die Basilika des Apostels wurde instandgesetzt.

Auch ein mausgraues Gewand wäre noch zu auffällig. Deshalb trägt Schwester Cornelia statt des Schleiers Zivil. Das kleine Kreuz an ihrer Kette steckt sie auf der Straße lieber in die Bluse. "Nur nicht provozieren", sagt sie. Die 64-jährige Italienerin lebt in Tarsus im Südosten der Türkei. Eine katholische Ordensfrau in der islamischen Diaspora. Aber dort wurde der Apostel Paulus geboren. Zehn Jahre nach seinem Christus.

Man kann ihn sich vorstellen, wie er über die Hafenstraße ging. Eine kleine Gestalt auf dem Weg zur Toraschule und in die Zeltmacherlehre. Die schwarzen Basaltplatten der alten Straße hat man beim Bau eines Parkplatzes in vier Metern Tiefe freigelegt. Gleich neben dem Paulusbrunnen, wo der erzfromme Jude lebte. Im antiken Tarsus in der Provinz Mersin kreuzten alle irgendwann die alte Seidenstraße: feurige Propheten, Mystiker, Asketen, Zoroastrier, Christen, zuletzt die Schüler Mohammeds.

Immer mehr Christen pilgern neuerdings auf Paulus Spuren - und bringen reichlich Lira unter das Volk. Auch ein Grund, warum die Stadt Tarsus nun wieder den großen Sohn mit dem falschen Kirchenbuch feiert. In der Basilika des Apostels - vor Jahren noch als Armeedepot zweckentfremdet - erklingen wieder Messgesänge. Und an Weihnachten drängen auch Andersgläubige zum Lichterfest.

Unterirdische Städte als Zuflucht

Südöstlich von Tarsus, in Antakya, dem alten Antiochien, zeigen frische Wegweiser zur Katolik Kilisesi, der Kirche. Daran vorbei werden Schafe gezerrt. Die Muslime feiern ihr Opferfest, es riecht nach Hammelbraten. Kapuziner-Pater Domenico predigt bescheiden im Schatten des Minaretts und fühlt sich "nach zweitausend Jahren wieder am Ursprung". Antakya ist stolz auf seine religiöse Toleranz. Eine Straßenplastik vereint Kreuz, Halbmond und Davidstern.

In diesem verwirrenden Wegenetz zur Seligkeit ist auch Schwester Barbara unterwegs. Wenn die 56-jährige Ordensschwester in Fleece-Jacke und Jeans zur Klampfe greift, singen Juden, Muslime, Katholiken und Orthodoxe im Chor. Dann setzen sich alle zum abrahamitischen Mahl mit Pide, Pasten und Pasteten. Pilger bekommen für 15 Euro ein Bett. Insbesondere für sie lässt die Stadt derzeit die Grottenkirche renovieren, in der Petrus den Heiden predigte.

"Hier in Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt", verbürgt die Apostelgeschichte. Der vom Saulus zum Paulus gewendete Christenfresser aus Jerusalem trug das Evangelium weiter - nach Zypern, in die Griechenstädte, bis nach Rom. Paulus, den zuvor Stefans Steinigung kalt gelassen hatte, lehrte nun: "Die Liebe verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles."

Im Heißluftballon über die Feenkamine

Mit Sanftmut durften die Jünger des Apostels im nahen Kappadokien damals aber kaum rechnen. Wenn Feinde nahten, verschwanden sie deshalb spurlos. In rund 50 unterirdischen Städten saßen die neuen Christen die Besatzung durch Römer und Seldschuken aus. Zum Beispiel in Derinkuyu: 80 Meter tief ist dieses Labyrinth im Tuff, ein klimatisierter Röhrenbau mit Wohnräumen, Küchen und Ställen. Weinpressen und Brunnen, Kirchen und Kerker gab es, Verfolger wurden mit Rollsteinen ausgesperrt.

Unverändert wie zu Paulus Zeiten schwebt über dem Agrarland um Kayseri der Eisgipfel des Erciyes Dagi. Mit seinen Ausbrüchen hat der Vulkan das Zauberland um Göreme geschaffen. Eine Welt, wie für die Schlümpfe gebaut: schroffe Falten und spitze Felsnadeln. Viele dieser "Feenkamine" tragen Zipfelkappen und Hüte. Türen, Fenster und Taubenkobel sind in den Stein geschlagen. Ganze Klöster haben Mönche ins poröse Gestein gehöhlt und ausgemalt.

Mit den ersten Sonnenstrahlen steigen Touristen in Dutzenden bunter Heißluftballons über dieser Szenerie auf. Dann schweben sie über der Heimat der Missionare Martyrius, Sisinius und Alexander. Die drei wurden im Trentino in Italien erschlagen und verbrannt. Im Ort Nonstal, aus dem Schwester Cornelia stammt: "Jetzt bringe ich die Botschaft wieder zurück", sagt sie.

Gerhard Merk/srt/dkr

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insgesamt 3 Beiträge
1.
sueddeutschland 26.12.2012
nicht nur touristisch sondern auch geschichtlich und religiös sind die orte für das christentum wichtig. vor allem antakya ist für die syrisch-orthodoxe kirche von antiochien die ursprungsstadt. der sitz des patriarchen ist [...]
nicht nur touristisch sondern auch geschichtlich und religiös sind die orte für das christentum wichtig. vor allem antakya ist für die syrisch-orthodoxe kirche von antiochien die ursprungsstadt. der sitz des patriarchen ist allerdings schon längst nicht mehr dort. er wurde vertrieben und musste nach damaskus fliehen. auch dort kann er nicht mehr bleiben. die türkei sollte sich nun als toleranter staat beweisen und der syrisch-orthodoxen Kirche und deren Patriarchen es anbieten und ermöglichen wieder an den Stammsitz zurückzukehren und Sicherheit sowie Religionsfreiheit zu gewähren.
2.
GoaSkin 26.12.2012
Es gibt doch ein rum-orthodoxes Patriarchat in Istanbul, in dem Patriarch Bartholomäus I. tätig ist. Ist das nicht die selbe orthodoxe Kirche?
Es gibt doch ein rum-orthodoxes Patriarchat in Istanbul, in dem Patriarch Bartholomäus I. tätig ist. Ist das nicht die selbe orthodoxe Kirche?
3.
sueddeutschland 26.12.2012
nein hierbei handelt es sich um die syrisch orthodoxe kirche von antiochien. in der türkei auch als "süryani" benannt. syrisch hat aber nichts mit dem heutigen Syrien zu tun sondern stammt von den alten griechen. diese [...]
nein hierbei handelt es sich um die syrisch orthodoxe kirche von antiochien. in der türkei auch als "süryani" benannt. syrisch hat aber nichts mit dem heutigen Syrien zu tun sondern stammt von den alten griechen. diese hatten die aramäer als.syrer bezeichnet. dieser name ist deshalb zum konfessionsbegriff geworden. nun zurück zu den genannten reisezielen. es gibt viele stätten in der türkei, die von urchristentum zeugen. nun es lohnt sicherlich auch in die provinz mardin und die stadt midyat zu fahren. hier wird sehr deutlich wie alt die christliche religion in der türkei ist.

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Weitere Informationen

Flug
Mit Turkish Airlines von Deutschland über Istanbul nach Antakya ab 235 Euro
Rundreisen
z.B. mit dem Bayerischen Pilgerbüro "Von Kappadokien in die Heimat des Völkerapostels Paulus", 24.05.-01.06.13 oder 06.09-14.09.13, Flug, Bu und Halbpension pro Person im Doppelzimmer 1229 Euro. Man kann auch "Den Aposteln folgen in Kleinasien" oder "Auf Apostelspuren durch Griechenland" ziehen. Info: BP-Pilgerreisen, Dachauer Str. 9, 80335 München, info@pilgerreisen.de, www.pilgerreisen.de .
Geld
1 Euro = 2,30 Türkische Lira. Man tauscht besser im Land, der Inflation wegen.
Hotels
Z. B. in Antakya Grand Bogazici Hotel, www.bogaziciotel.com.tr, DZ ab 75 Euro; in Adana Marvi Sürmeli, www.mavisurmeli.com.tr, DZ ab 112 Euro; in Göreme Tourist Hotel Cappadocia, www.touristhotel.com.tr, DZ ab 60 Euro.
Heißluftballonfahrt
Für die einstündige Tour zahlt man um 150 Euro.

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