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15.01.2013
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Familien-Weltreise

Kinderquatsch mit Hobbit

Von Alexandra Frank
Alexandra Frank

Geothermale Felder? Tropfsteinhöhlen? Filmkulissen? Furchtbar langweilig, zumindest für ein vierjähriges Kind. Doch mit der richtigen Umschreibung sehen Neuseelands Reize schon ganz anders aus, dann geht es zu Drachen, Glühwürmchen und Hobbits - und der Nachwuchs ist hoch motiviert.

Wir machen eine Weltreise. Durch England, Italien, die USA. Zu Fuß. Nur ein paar Schritte trennen uns von China.

"Wann sind wir endlich in Neuseeland?", will meine Tochter wissen.

"Das liegt gleich dort, hinter der Hecke", sagt mein Mann.

Wir spazieren durch die internationalen Gärten in Hamilton, durch europäische, asiatische und ozeanische Gartenanlagen. Hamilton in Neuseeland, wo wir nun schon seit fast sechs Wochen sind.

"Eine Weltreise in der Weltreise", erkläre ich meiner Tochter. Sie nickt begeistert.

"Ah", sagt mein Mann wissend, "du übersetzt wieder."

Übersetzen bedeutet in diesem Fall: von Hochdeutsch in Kindersprache. Wer mit Kindern reist, muss so manche Sehenswürdigkeit in klangvolle Worte verpacken. Etwa: "Ein Prinzessinnenschatz" statt "Goldschmiedekunst aus dem 18. Jahrhundert" in einem Museum. Oder eben eine "Weltreise in der Weltreise" statt "Parkanlage" in Hamilton.

Zu Gast bei Freunden

Die Weltreise in der Weltreise haben wir Jörg zu verdanken. Er und seine Frau Kirsten, deutsche Auswanderer, sind unsere Gastgeber in Hamilton. Wir haben bei ihnen geschlafen und gegessen und getrunken. Wir haben uns die Stadt zeigen lassen und die halbe Nacht miteinander geredet. Bezahlt haben wir für all das nicht. Denn wir sind als Couchsurfer zu Gast.

Couchsurfing ist ein Netzwerk von Reisenden für Reisende. Es gibt Reisende, die kostenlos irgendwo übernachten wollen. Und es gibt Gastgeber, die gerne Besuch bekommen und Urlaubern ein Zimmer oder halt nur eine Couch zur Verfügung stellen. Wenn sie selber unterwegs sind, kommen sie bei anderen Couchsurfern unter.

"Wir übernachten bei netten Leuten, ohne zu bezahlen", übersetze ich meiner Tochter. "Wie bei Freunden."

Eine Weltreise - nicht die in Hamilton, denn die Parkanlage kann gratis besucht werden, sondern eine richtige - kostet Geld. Größter Kostenpunkt neben den Flügen: die Übernachtungen.

Vor der Reise haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir diese Kosten im Zaum halten.

"Zelten", hatte mein Mann vorgeschlagen.

"Au ja", rief das Kind.

"Ne", sagte ich. Nicht monatelang. Mit Kind und Baby. Bei Regen und praller Hitze. Mit Schlafsäcken und Isomatten, die wir um den Erdball schleppen müssen.

Von Luxus bis gratis

Also haben wir uns auf eine Mischung geeinigt. Einer Mischung aus Hotel (selten), Jugendherberge (ab und zu), Bed and Breakfast (in Südamerika oft, in Neuseeland bislang nie), Campingplatz (mit einem Wohnmobil, das wir uns ausgeliehen hatten) und Couchsurfen (immer häufiger).

Jede Unterkunft hat etwas für sich. Sie ist luxuriös (Hotel mit Swimmingpool), preiswert (Jugendherberge), gut gelegen (Campingplatz). Beim Couchsurfen hat man mit etwas Glück ein bisschen von allem. Und dazu noch Tipps, was man in der Umgebung so machen kann.

"Hamilton ist eher eine Durchreisestadt", erklärt uns Jörg. "Von hier aus fahren die Leute weiter nach Rotorua, Matamata, Waitomo."

Meine Tochter blickt gelangweilt drein.

Also übersetze ich: zu Vulkanen, zu Hobbits, zu Glühwürmchen.

Ihr Gesicht strahlt.

"Vielleicht hätte ich statt Journalistin Übersetzerin werden sollen", sage ich zu meinem Mann.

List in Translation

Wir sind nun schon mehr als drei Monate unterwegs. Rund um die Uhr bin ich mit meinen Kindern zusammen. Das schult - auch in puncto Kindersprache. Manchmal genügt ein Wort, um etwas ins Kinderdeutsche zu übersetzen, manchmal sind ganze Geschichten fällig. Manchmal muss man Dinge erfinden, manchmal einfach weglassen.

Etwa in Rotorua, einem Kurort im Zentrum eines sehr aktiven Thermalgebiets. Eigentlich der perfekte Ort für Kinder. Es gibt Geysire, die meterhoch in den Himmel schießen. Vulkankrater schwarz wie die Nacht. Blubbernde Schlammlöcher, quietschgelbe, stinkende Schwefelquellen. Aber: Das meiste kann man nur während eines ein- bis zweistündigen Spaziergangs entdecken. Da kann es noch so viel brodeln und zischen, auf kurz oder lang wird es den Kindern langweilig.

Das Baby schläft umgehend im Tragetuch ein. Das Kind fragt, wie lange der Spaziergang noch dauert.

Mein Mann, der Ingenieur, dessen Kinderdeutsch-Übersetzungen noch verbesserungswürdig sind, versucht es wissenschaftlich. Er redet von Vulkanausbrüchen und Erdspalten, erwähnt Mineralien, die das Wasser färben. Ich unterbreche ihn.

Drachen und Hobbits

"In so einer Gegend", erzähle ich meiner Tochter, "fühlen sich Drachen sehr wohl." Drachen sind hoch im Kurs bei ihr, seit wir ihr auf dem E-Book-Reader die Geschichte von "Jim Knopf" vorgelesen haben, der in eine Drachenstadt vordringt.

Wir wandern an Kratern und dampfenden Erdspalten vorbei, an brodelnden Bächen und blubbernden Seen. Ich erzähle von schüchternen Drachenkindern, die sich nicht trauen, Feuer zu spucken, von Drachenschulen, Drachenhäusern.

Am Ende des Spaziergangs ist meine Tochter ganz enttäuscht, dass wir schon wieder weiterfahren.

Als erfahrene Kinderdeutsch-Übersetzerin weiß ich auch, wann es besser ist, Dinge zu verschweigen. Etwa in Matamata, einem Örtchen, das wahrscheinlich kaum ein Tourist besuchen würde, wäre dort nicht eine der bekanntesten Filmreihen der letzten Jahre gedreht worden: "Der Herr der Ringe" und jüngst "Der Hobbit".

Die Filmreihe ist abgedreht, geblieben sind die Kulissen: Hobbingen. 44 kleine Hobbithäuschen, die sich in sanfte grüne Hügel schmiegen, dazu Gärtchen, eine Wassermühle und der "Grüne Drache", eine Kneipe, in die im Film Hobbits und im wahren Leben Touristen einkehren können.

Meine Tochter ist vier. Sie glaubt noch an den Weihnachtsmann, an den Osterhasen, an die Schnullerfee. Nun glaubt sie auch an Hobbits.

Der Reiz seltener, scheuer Geschöpfe

Wir verschweigen ihr, dass es sich um ein Filmset handelt. Für sie sind Hobbits nun so etwas wie Kiwis. Seltene, scheue Geschöpfe, die man tagsüber eigentlich nicht antrifft. Oder wie Glühwürmchen, die man nur nachts zu Gesicht bekommt. Wenn man nicht gerade eine Glowworm-Höhle besucht. Wie wir, ein paar Tage später, in Waitomo, eine Autostunde von Hobbingen entfernt.

Wir laufen hinter einer Reiseführerin durch eine Tropfsteinhöhle, bewundern Stalagmiten und Stalaktiten, steile Felswände, enge Tunnel. Dann setzen wir uns in ein Boot und gleiten auf einem unterirdischen Fluss ins Dunkle hinein. Hoch über unseren Köpfen funkeln die Glowworms wie die Sterne am Nachthimmel.

Ich übersetze wieder. Diesmal vom Englischen ins Deutsche, das, was die Reiseführerin uns erklärt.

Glowworms sind keine Glühwürmchen, zitiere ich sie. Glowworms sind Pilzmückenlarven, Glühwürmchen sind Käfer. Beide glühen zwar im Dunkeln, sind sonst aber nicht weiter miteinander verwandt. Und: Beide sind keine Würmer.

"Warum heißen sie dann Würmer?", will mein Kind wissen.

Ich muss nachdenken. Pilzmückenlarven-Höhlen würde wahrscheinlich kein Mensch besichtigen.

"Weil Erwachsene manchmal etwas übersetzen", sage ich ihr, "was vielleicht netter klingt."

Meine Tochter blickt irritiert drein. "Warum?", fragt sie.

"Tja", sage ich, "das macht das Leben einfacher."

Bevor ich weitersprechen kann, unterbricht uns das Baby. "Mamama", brabbelt es, "Papap".

"Das", übersetzt mir meine Tochter, "heißt Eltern".

Bis März 2013 wird Alexandra Frank regelmäßig von ihren Erlebnissen als Familie auf Weltreise bei SPIEGEL ONLINE berichten.

Forum

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insgesamt 6 Beiträge
1. Tja, der Deutsche liebt....
KuGen 15.01.2013
...den Kinderquatsch in jedweder Form.
...den Kinderquatsch in jedweder Form.
2.
billger 15.01.2013
Oh nein! Sicher, dass die junge Dame nach ihrer Rückkehr nach D wieder normal leben kann? Also "Pilzmückenlarve" hätte ich wohl nicht übersetzen können ... Das gibt's noch nicht mal bei Leo. BTW: Bin immer [...]
Zitat von sysopWir verschweigen ihr, dass es sich um ein Filmset handelt.
Oh nein! Sicher, dass die junge Dame nach ihrer Rückkehr nach D wieder normal leben kann? Also "Pilzmückenlarve" hätte ich wohl nicht übersetzen können ... Das gibt's noch nicht mal bei Leo. BTW: Bin immer noch von der Serie begeistert. :-)
3. die Höhlenpilzmücke...
speleo 15.01.2013
... hat dieses Jahr auch in Deutschland ihren großen Auftritt: sie wurde vom Verband Deutscher Höhlen-und Karstforscher nämlich zum Höhlentier des Jahres auserkoren!
... hat dieses Jahr auch in Deutschland ihren großen Auftritt: sie wurde vom Verband Deutscher Höhlen-und Karstforscher nämlich zum Höhlentier des Jahres auserkoren!
4.
agua 15.01.2013
Ich freue mich nach wie vor,ueber die Berichte Eurer Reise.Kinder lassen eben den Erwachsenen ebenfalls die Welt mit anderen Augen sehen:)Weiterhin eine schoene Reise.
Ich freue mich nach wie vor,ueber die Berichte Eurer Reise.Kinder lassen eben den Erwachsenen ebenfalls die Welt mit anderen Augen sehen:)Weiterhin eine schoene Reise.
5. mehr
Martinaalanya 15.01.2013
mehr,mehr! Ich kann kaum die nächste Folge erwarten....
mehr,mehr! Ich kann kaum die nächste Folge erwarten....

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