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25.01.2013
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Fotoreise zum Südpol

Welcome to Antarctica

Von Michael Martin
Michael Martin

Mit der Iljuschin ins Polareis: Eine Reise zum Südpol gehört noch immer zu den exklusivsten Erlebnissen, die man buchen kann. Der Flug ist extrem teuer und ziemlich unbequem - dafür entschädigt am Ziel eine Landschaft mit Euphorie-Garantie.

Kaum ein Reiseziel auf der Erde gilt als entlegener und schwerer erreichbar als 90 Grad Süd - das gilt auch gut hundert Jahre nach dem Wettlauf von Amundsen und Scott zum Südpol. Reisekataloge deutscher Veranstalter helfen nicht weiter, Anfragen bei der amerikanischen National Science Foundation, die die Amundsen-Scott-Station betreibt, gelten als aussichtslos.

Und so landet man automatisch bei dem amerikanischen Unternehmen Antarctic Logistic & Expeditions ALE mit Sitz in Salt Lake City. Die Firma betreibt am 79. Breitengrad auf dem Union Glacier eine sechs Kilometer lange Landebahn samt Camp und fliegt von dort Fracht, Wissenschaftler, Bergsteiger, Skigeher und Reisende zu diversen Zielen im Inneren der Antarktis, unter anderem zum Südpol.

Die Kosten hierfür sind immens. Der Südpol schlägt mit knapp 50.000 US-Dollar zu Buche, ein Absetzen von Skigehern am 89. Breitengrad mit über 55.000 Dollar. ALE begründet die Preise mit dem enormen Aufwand. So habe ein 200-Liter-Fass Kerosin am Südpol aufgrund der hohen Transportkosten einen Wert von 12.000 Dollar.

Für den Abschluss meines Fotoprojektes "Planet Wüste", das am Nordpol seinen Anfang nahm und Fotoziele rund um den Globus umfasst, musste ich sozusagen zum Südpol. So bin ich einer von 40 in Daunenkleidung dick verpackten Männern und Frauen, die sich an einem trüben Sommermorgen auf dem Provinzflughafen von Punta Arenas im äußersten Süden Chiles getroffen haben. Es sind Bergsteiger, Skiläufer, Wissenschaftler und Südpol-Fans, die aus allen Teilen der Erde angereist sind.

Schilder statt Borddurchsagen

Während des antarktischen Sommers hat ALE von der kasachischen Almaty Air eine Iljuschin-Frachtmaschine samt Besatzung gechartert, die einmal pro Woche von Feuerland zum Union Glacier fliegt. Der Komfort an Bord ist bescheiden, zwischen der Fracht schmieren Helfer Brote, Fenster und Bordlautsprecher fehlen. Letztere hätten angesichts des Höllenlärms, den die Triebwerke verursachen, sowieso keinen Sinn. Der russische Lademeister kommuniziert mit den Passagieren über improvisierte Schilder.

Doch das nehmen die Passagiere ohne Murren in Kauf. Jeder weiß um die Leistung der Russen, die als Einzige über kältetaugliche Düsenflugzeuge und das entsprechende Knowhow verfügen, um eine zuverlässige Fluglogistik am Nordpol und Südpol zu gewährleisten. In der amerikanischen Zivilluftfahrt gibt es kein Düsenflugzeug, das den extremen Bedingungen an den Polen gewachsen wäre.

Auch wenn die Iljuschins viele Jahrzehnte alt sind und mit ihrer klobigen Form fast antik wirken, gelten die Frachtflugzeuge auch in hohen Breitengraden und bei Temperaturen von minus 40 Grad Celsius als zuverlässig. Ohne russische Unterstützung könnte das amerikanische Unternehmen ALE in der Antarktis gar nicht operieren.

Ich erschrecke furchtbar, als die Maschine ohne weitere Vorankündigung mit einem schweren Rumpeln aufsetzt. Die Landebahn auf dem bis zu zwölf Kilometer breiten Union Glacier in den Ellsworth Mountains besteht vollständig aus Eis. Der Kapitän kriecht aus seiner exponierten Kanzel und öffnet persönlich die schwere Stahltür. Gleißendes Sonnenlicht dringt in die dunkle Kabine, Nebelschwaden an der Luke zeugen von dem extremen Temperaturunterschied.

Per Monster-Jeep zum Zelt

Sekunden später steht der Engländer Steve Jones in der Kabine und ruft: "Welcome to Antarctica". Über eine improvisierte Gangway klettern die 40 Fluggäste nach draußen. Es dauert Minuten, bis sich die Augen an die strahlende Sonne und das makellose Weiß des Gletschers gewöhnt haben. Mit vorsichtigen Schritten taste ich mich über das rutschige Eis zum Rand der sechs Kilometer langen Landebahn, die Jahr für Jahr neu angelegt wird.

Dort stehen zwei Monster-Jeeps mit gewaltigen Ballonreifen bereit, um die Passagiere ins neun Kilometer entfernte Camp zu bringen. Dort empfangen uns die beiden Briten Carolin und Andy mit einer kurzen Einweisung in das Lager. Es besteht aus vierzig kleinen Zelten und zwei beheizten Esszelten. Hier wird größten Wert auf Umweltschutz gelegt, Toiletten funktionieren ohne Wasser, Abwasser und Abfälle werden komplett wieder ausgeflogen.

Dieses Lager wird bis zum Weiterflug zum Südpol in den nächsten Tagen meine Basis sein. Die Bergsteiger und Skiläufer dagegen halten sich nur kurz im Camp auf. Noch am gleichen Tag werden die Bergsteiger mit den bereit stehenden Twin-Otter-Maschinen zum Basislager des Mount Vinson geflogen, der gerade mal 35 Flugminuten entfernt liegt. Der Ausgangspunkt der Skiläufer liegt dagegen 1000 Kilometer und damit vier Flugstunden weiter südlich am 89. Breitengrad. Von dort werden sie acht Tage lang einen Pulkaschlitten übers Eis zum Südpol ziehen und dabei den Extremtemperaturen und Stürmen des Polarplateaus ausgesetzt sein.

Multikulti-Camp im Eis

Eine derartige "Last Degree"-Tour hatte ich mit dem österreichischen Polarführer Christoph Höbenreich geplant. Wir hatten schnell vier Mitstreiter gefunden, doch im letzten Moment musste ich absagen, da das Risiko wegen einer noch nicht ausgeheilten Knöchelverletzung zu hoch gewesen wäre. Wir sind nun dennoch gemeinsam bis zum Union Glacier gereist, dort trennen sich unsere Wege. Als Christoph und die vier anderen in eine Twin Otter klettern, in den tiefblauen Himmel aufsteigen und zum 89. Breitengrad fliegen, bin ich ein bisschen wehmütig.

Die Atmosphäre im Union Glacier Camp ist entspannt, das 20-köpfige Team setzt sich aus Briten, Kanadiern, Chilenen und Norwegern zusammen. Es herrscht ein starker Teamgeist, der britische Expeditionsarzt hilft genauso beim Spülen wie die kanadischen Piloten. Der französische Koch Michel sorgt für bestes Essen, was vier Flugstunden von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt eine große Leistung darstellt.

Nach dem Abendessen unternehme ich einen ersten langen Spaziergang. Auch in den späten Abendstunden steht die Sonne noch hoch über dem Horizont und lässt die umgebenden Gletscher und Eisfelder glitzern. Ich spüre bereits in der ersten Nacht die euphorisierende Wirkung der antarktischen Sonne, die am 79. Breitengrad wochenlang nicht untergeht. Um 2 Uhr morgens zwinge ich mich bei minus 15 Grad und strahlendem Sonnenschein, ins Zelt zu kriechen und ein paar Stunden zu schlafen.

Am nächsten Tag fahre ich mit Caroline und David über den Union Glacier zu einer der vielen Bergketten in den Ellsworth Mountains, unter denen sich türkisfarbene Schmelzwasserseen gebildet haben. Je näher wir den Bergketten kommen, desto spektakulärer wird die Landschaft. Nebelschwaden treiben über den Gletscher und setzen sich an den Bergflanken zeitweise fest.

Ich ziehe Steigeisen über meine Bergschuhe und laufe über das inzwischen wieder gefrorene Schmelzwasser an einer Bergflanke entlang. Bald stehe ich auf einer Anhöhe, das geparkte Auto ist längst aus dem Blick verschwunden, die klare Luft sorgt für enorme Weitsicht, am tiefblauen Himmel steht die Sonne. Noch bevor ich Stativ und Kamera aufbaue, halte ich inne und spüre wie noch nie die Faszination des Südkontinents Antarctica.

Forum

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insgesamt 14 Beiträge
1. Artikel gut, Fotos schlecht
tucku 25.01.2013
Gut, daß man Informationen bekommt, der Bericht ist lesenswert, die Bilder dazu hingegen, lassen zu wünschen übrig. Bild 14 und 16 sind durchaus sehenswert und vermittlen den Eindruck von "ewigen" Eis und Schnee. [...]
Zitat von sysopMit der Iljuschin ins Polareis: Eine Reise zum Südpol gehört noch immer zu den exklusivsten Erlebnissen, die man buchen kann. Der Flug ist extrem teuer und ziemlich unbequem - dafür entschädigt am Ziel eine Landschaft mit Euphorie-Garantie. Michael Martin: Fotoreise zum Südpol - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/michael-martin-fotoreise-zum-suedpol-a-879209.html)
Gut, daß man Informationen bekommt, der Bericht ist lesenswert, die Bilder dazu hingegen, lassen zu wünschen übrig. Bild 14 und 16 sind durchaus sehenswert und vermittlen den Eindruck von "ewigen" Eis und Schnee. Die Gegenlichtaufnahmen saufen leider mit einem ordentlichen Schuß Blaustich ab, offenbar fehlte es an Zeit zum ausarbeiten. Schade.
2. Nur die Russen?
indepen 25.01.2013
Michael hat recht: wer einmal in der Antarktis war, wird das sicher nie vergessen. Doch dass da nur russische Flugzeuge fliegen (können), ist völliger Unsinn. Die Amerikaner fliegen regelmäßig mit ihren Lockheed C130, die [...]
Michael hat recht: wer einmal in der Antarktis war, wird das sicher nie vergessen. Doch dass da nur russische Flugzeuge fliegen (können), ist völliger Unsinn. Die Amerikaner fliegen regelmäßig mit ihren Lockheed C130, die Australier haben für ihre drei Stationen so etwas wie einen Linienverkehr mit einem Airbus A-310. Und die im Artikel erwähnte TwinOtter ist das Arbeitstier der Antarktis und kommt aus Kanada. Dramatisch in diesem Zusammenhang: Seit vorgestern (Mittwoch) ist eine TwinOtter mit Passagieren in der Antarktis vermisst. Ob abgestürzt oder notgelandet ist noch unklar. Der automatische Notfunksender des Flugzeugs (ELT) konnte lokalisiert werden. Gefunden wurde es noch nicht, da die Wetterbedingungen zu schlecht sind. Diese Flugzeuge sind in der Regel so ausgerüstet, dass alle Passagiere im Falle einer Notlandung in der Antarktis mindestens drei Tage überleben können.
3. Traumziel
-5m 25.01.2013
Tolle Erfahrung. Wenn das ein wenig günstiger wäre, würde ich da auch sofort hin wollen..
Tolle Erfahrung. Wenn das ein wenig günstiger wäre, würde ich da auch sofort hin wollen..
4. Dreamliner Iljuschin
raptor_erectus 25.01.2013
Kann mir einer 50000 Dollar schenken? Ich will da auch mitmachen und vor allem fotografieren. Der Reisebericht ist hervorragend geschrieben. Bitte mehr solcher Reportagen.
Kann mir einer 50000 Dollar schenken? Ich will da auch mitmachen und vor allem fotografieren. Der Reisebericht ist hervorragend geschrieben. Bitte mehr solcher Reportagen.
5. optional
LH526 25.01.2013
Die Tür des Il-76 wird sicherlich nicht aus Stahl sein, selbst die Sowjets haben Flugzeuge bereits aus Aluminium gebaut. Am Rande: Gerade heute ist eine der besagten DHC-6 im Südeis verunglückt: [...]
Die Tür des Il-76 wird sicherlich nicht aus Stahl sein, selbst die Sowjets haben Flugzeuge bereits aus Aluminium gebaut. Am Rande: Gerade heute ist eine der besagten DHC-6 im Südeis verunglückt: http://avherald.com/h?article=45cad699&opt=0

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