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02.02.2013
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Flussfahrt auf dem Mississippi

Die Königin der Raddampfer

TMN

Mit Volldampf auf den Spuren Mark Twains: Eine Fahrt mit der "American Queen" ist wie eine Zeitreise durch die Geschichte der USA. Mit dem Wellness- oder Ausflugsangebot moderner Kreuzfahrten kann der riesige Schaufelraddampfer nicht mithalten - genau deshalb lieben ihn die Passagiere.

Suchscheinwerfer gleiten über das schwarze Wasser. Die Luft schmeckt nach Rauch. Aus den Bordlautsprechern kommt ein Knacken. Der Höhepunkt der Flussfahrt steht kurz bevor. Zwei Tage sind die Passagiere schon an Bord des größten Schaufelraddampfers der Welt - und das ist der Moment, auf den alle gewartet haben.

An Steuerbord blinken Lichter. Das muss Cairo sein, die Kleinstadt im US-Bundesstaat Illinois. "Ladies and Gentlemen", schnarrt es aus dem Lautsprecher, "Sie sind auf dem Mississippi." Das Signalhorn tutet zur Begrüßung, zittert durch Mark und Bein.

Zu sehen ist nicht viel: Schemen im Dunkeln, ein paar Sterne. Auf der Landkarte fließen hier wie ein riesiges Ypsilon der Ohio und der schlammige Mississippi zusammen. Die "American Queen" ist wieder einmal auf ihrem Lieblingsgewässer angekommen.

1995 lief der 60-Millionen-Dollar-Dampfer vom Stapel, wechselte Besitzer, erduldete Zwangspausen. 2008 konnte der damalige Eigner die Raten nicht mehr für das Schiff zahlen: Die "Königin" bekam den Kuckuck aufgeklebt. Armaturen wurden eingepackt, elegante Mahagoni-Möbel eingemottet, und die degradierte Dame dümpelte fortan auf einem See in Texas vor sich hin. Erst 2011 retteten Investoren sie aus dem Exil.

Sechs Decks, 127 Metern Länge und 436 Gästebetten - viele Dampfer dieser Größenordnung gibt es nicht. Das Schwesternschiff "Delta Queen" liegt in Chattanooga (Tennessee) als Hotelboot dauerhaft vor Anker. Die "Mississippi Queen" wurde sang- und klanglos verschrottet. Übrig blieb die "American Queen". Seit April 2012 ist sie als einzig authentisches Kreuzfahrt-Steamboat wieder auf Wasserstraßen im Herzen Amerikas unterwegs.

Kartenraum mit Schwarzbär

Ihr Schaufelrad funktioniert tatsächlich noch mit Dampf und ist für den Hauptantrieb zuständig. Zwei mit Diesel betriebene Ruderpropeller leisten Verstärkung. Wie riesige Grashüpferbeine treiben die gewaltigen Tandemkolben das feuerrote Paddel an. Hochgewirbelte Wassertropfen glitzern in der Sonne. Jede Stunde macht der Schmierer seine Runde und füllt rund drei Liter Öl nach. Passagiere dürfen zugucken. Es faucht und zischt. Maschinisten tragen Ohrstöpsel und kurze Ärmel. Heiß ist es hier unten.

Oben in den Kabinen gibt es Klimaanlagen und Flachbildfernseher. Die "Queen" bekam eine Schönheitsoperation verpasst. Doch ein Großteil der Einrichtung sieht noch immer aus wie aus einer viktorianischen Zeitkapsel: Blümchentapeten, Spitzengardinen, Kronleuchter und gelb-braune Sepia-Fotos in Goldrahmen. Zierliche Frisiertische stehen neben Korbgeflechtmöbeln und, wo noch Platz ist, auch weiche Polstersofas.

Die Kabinen sind eher klein. Queen Victoria maß schließlich auch nur gut 1,50 Meter. Die Gemeinschaftsräume sind da schon großzügiger: der Card Room für Herren mit ausgestopftem Schwarzbär und gemütlichen Ledersesseln oder der Ladies Parlor mit Fransenlämpchen, Chaiselongue und Silbergeschirr auf dem Tabletttisch. Der opulente Speisesaal belegt gleich zwei komplette Stockwerke.

Jane und Tom Elias gefällt das Design. Nach sieben Steamboat-Trips sind die pensionierten Eheleute aus Ohio bekennende Dampfschiff-Fans. Vorher, so geben sie kleinlaut zu, hätten sie auch mal Kreuzfahrten auf diesen modernen Riesenstädten auf dem Wasser gebucht, mit Tausenden von Passagieren und Partylaune, Geschäften und Gewimmel. Richtig erholt hätten sie sich dabei nicht.

Auf der "American Queen" gibt es eine Handvoll verwaiste Trimmräder und einen Pool so klein wie fünf große Badewannen, der manchmal Wasser hat und manchmal nicht. Zu Schnorcheltouren oder Fahrrad-Ausflügen animiert keiner. Die meisten Aktivitäten sind Vorträge oder Lesungen.

Huckleberry Finn auf dem Bretterfloß

Der Elvis-Imitator reißt abends im Grand Saloon keinen aus den gemütlichen Polstersesseln. Ein Großväterchen in Jeanslatzhose mit Baseballkappe ist sogar eingenickt. Offiziell liegt das Durchschnittsalter der Passagiere bei 64 Jahren.

Das Ufer zieht vor den Kabinenfenstern vorbei. Von Bord sieht man oft nur einen Wasserturm in der Entfernung, Verladeanlagen und Schleusen, manchmal Stahlträgerbrücken. Kommen Letztere in Sicht, dann klappt Kapitän John Sutton die hydraulisch gelagerten Schornsteine automatisch vornüber, damit die "American Queen" darunter hindurch passt.

Wenn man die modernen Schubkähne geflissentlich übersieht, die mit Kohle, Getreide und Öl beladene Barkassen durch die Fluten bugsieren, scheint sich das Leben auf dem Mississippi erstaunlich wenig verändert zu haben. Reiher stolzieren durch das seichte braune Wasser. Dahinter erhebt sich ein Dschungel von Baumkronen in mehreren Etagen mit grün bemoosten Stämmen.

An den meisten Stellen ist der Mississippi eine Meile breit. Aber wenn die Fahrrinne nah genug am Land vorbeiführt, flattern Schmetterlinge an Bord. Huckleberry Finns Bretterfloß könnte gut hinter der nächsten Flussbiegung auftauchen.

Heike Schmidt/dpa/dkr

Forum

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insgesamt 4 Beiträge
1. Genial!
ijf 02.02.2013
Da muss ich ja meine Amiland-Aversion doch nochmal ueberdenken! Wer einmal Steamship gefahren ist, hat sein Herz verloren.... Ich hatte bereits zweimal das Vergnuegen auf der SS Sudan (vermutlich besser bekannt als der Dampfer aus [...]
Da muss ich ja meine Amiland-Aversion doch nochmal ueberdenken! Wer einmal Steamship gefahren ist, hat sein Herz verloren.... Ich hatte bereits zweimal das Vergnuegen auf der SS Sudan (vermutlich besser bekannt als der Dampfer aus "Tod auf dem Nil"), gut, das ist sicher noch etwas exklusiver, nur 24 Kabinen... Einfach eine einmalige Art des Reisens auf dem Fluss!
2. Potthässlich
Wilhelm Klaus 02.02.2013
Dies hässlichen Dampfer sind eine Beleidigung für jedes Gewässer das sie befahren.
Zitat von ijfDa muss ich ja meine Amiland-Aversion doch nochmal ueberdenken! Wer einmal Steamship gefahren ist, hat sein Herz verloren.... Ich hatte bereits zweimal das Vergnuegen auf der SS Sudan (vermutlich besser bekannt als der Dampfer aus "Tod auf dem Nil"), gut, das ist sicher noch etwas exklusiver, nur 24 Kabinen... Einfach eine einmalige Art des Reisens auf dem Fluss!
Dies hässlichen Dampfer sind eine Beleidigung für jedes Gewässer das sie befahren.
3.
georg_lm 02.02.2013
Der Artikel scheint mit Hilfe von Google übersetzt worden zu sein? Google liefert nämlich für die englische Vokabel 'barge' als mögliche deutsche Übersetzung auch "Barkasse", was aber völlig falsch ist. Eine [...]
Zitat von sysopWenn man die modernen Schubkähne geflissentlich übersieht, die mit Kohle, Getreide und Öl beladene Barkassen durch die Fluten bugsieren,
Der Artikel scheint mit Hilfe von Google übersetzt worden zu sein? Google liefert nämlich für die englische Vokabel 'barge' als mögliche deutsche Übersetzung auch "Barkasse", was aber völlig falsch ist. Eine barge ist ein Leichter ohne eigenen Antrieb, der also entweder geschleppt oder geschoben werden muß. Also genau das, was im Artikel gemeint ist. Eine Barkasse ist ein kleines Fahrzeug, das meist zum Transport von Personen, aber kaum für Ladung verwendet wird. Als robustes Arbeitsschiff dient eine Barkasse manchmal auch aushilfsweise als kleiner Schlepper. Wikipedia ist diesmal besser als Google: Barkasse (http://de.wikipedia.org/wiki/Barkasse) Lighter (barge) - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Lighter_%28barge%29)
4. die SS Sudan schon mal gesehen?!
ijf 02.02.2013
" Potthässlich Wilhelm Klaus heute, 11:50 Uhr [Zitat von ijfanzeigen...] Dies hässlichen Dampfer sind eine Beleidigung für jedes Gewässer das sie befahren." Na, na... Jedem Tierchen sein Plaisierchen - warum so [...]
" Potthässlich Wilhelm Klaus heute, 11:50 Uhr [Zitat von ijfanzeigen...] Dies hässlichen Dampfer sind eine Beleidigung für jedes Gewässer das sie befahren." Na, na... Jedem Tierchen sein Plaisierchen - warum so aggressiv?! Die sind allemal schoener als die seelenlosen Riesenpoette (die Qx2 vielleicht ausgenommen, oder die Sea Clouds), auf denen tausende Lemminge ueber die Ozeane geschunkelt werden, ganz zu schweigen von den uniformiert-langweilig-heruntergekommenen "normalen" Fluss-Schiffen (auch da gibt es genau eine Ausnahme)... Wird doch keiner gezwungen, mitzufahren...

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