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Reise

Mit dem Fahrrad durch Yukon

"Aus romantischer Abgeschiedenheit wurde ein Albtraum"

Weltenbummler schwärmen oft von ihren Abenteuern. Doch als Ben Page mit dem Fahrrad durch das eisige Yukon fährt, überwältigen ihn die Schattenseiten des Alleinseins.

Ben Page
Von
Freitag, 06.04.2018   04:28 Uhr

Ben Page liegt in einen Polarschlafsack eingehüllt in seinem Zelt, verbirgt das Gesicht in den Händen, schnieft. "Ich frage mich manchmal, warum ich das mache", sagt er. "Diese Höhen und Tiefen machen mich doch auch nicht glücklicher." Neben ihm zischt der Campingkocher und stößt kleine Dampfwölkchen aus. Der 24-Jährige atmet tief ein und aus, klatscht sich mit den Händen gegen die Wangen. Mit seiner Kamera spricht er wie mit einem Freund - denn sonst ist niemand da, der ihn hören könnte.

Page ist mitten in Yukon. Das Gebiet im äußersten Nordwesten Kanadas grenzt an Alaska und den Arktischen Ozean. Es ist eines der einsamsten Gebiete der Welt: Nur knapp 38.000 Menschen leben auf einer Fläche von rund 500.000 Quadratkilometern. Im Winter ist das Territorium zum größten Teil von Schnee und Eis bedeckt. Page will Yukon mit dem Fahrrad durchqueren. Allein.

Der Brite ist zu diesem Zeitpunkt bereits 15 Monate unterwegs. Ende 2014, als er gerade sein Studium beendet hatte, brach er auf, um mit seinem Fahrrad um die Welt zu fahren. Von Südamerika aus radelte er immer Richtung Norden. Sein Ziel: das kleine Dorf Tuktoyaktuk, das am nördlichen Ende Kanadas an den gefrorenen Arktischen Ozean grenzt. Immer mit dabei: die Kamera.

Aus den Aufnahmen ist der Film "The Frozen Road" entstanden, der bei der diesjährigen "Banff-Filmtour" zu sehen ist. Er zeigt keine sagenhaften Landschaften oder freundlich lächelnde Menschen, die zum Tee in ihr Heim einladen. Keine Instagram-Motive, keine Traumstrände - nur Ödnis. Zu sehen, wie Page zwischen Glückseligkeit und Angst schwankt, im ständigen Zerwürfnis mit sich selbst, zwischen dem Hochgefühl des Alleinseins und der überwältigenden Einsamkeit, ist beklemmend.

"Das Yukon Territory war die härteste Etappe meiner Weltreise", sagt er im Nachhinein. "Ich kannte diese Art der Kälte nicht, es waren teilweise minus 40 Grad. Ich kam auf dem Fahrrad nicht mehr voran und musste tagelang schieben."

Ben Page

Page kämpft sich tagsüber durch Eisfelder, sinkt immer wieder tief im Schnee ein, am Reifen seines Fahrrads bilden sich dicke Schneeklumpen, in seinem Bart hängen Eiszapfen. Nachts zerrt der eisige Wind an den Zeltwänden, und Wölfe heulen.

Schnell stößt er an seine Grenzen - physisch und mental. Der schlimmste Moment sei gewesen, als er bemerkte, dass ein Wolfsrudel ihn verfolgte: "Ich hörte die Wölfe jede Nacht, ohne sie zu sehen", sagt er. "Ich konnte die Gefahr nicht abschätzen, und ich konnte auch niemanden fragen. Meine Gedanken kreisten. Angst, Hunger und Einsamkeit übernahmen die Kontrolle."

Er sei in seinem eigenen Kopf gefangen gewesen, sagt er im Nachhinein: "Aus der romantischen Abgeschiedenheit war ein Albtraum geworden. Derselbe Gedanke wiederholte sich immer wieder in meinem Kopf: Im schlimmsten Fall würde niemand wissen, wo ich bin, nicht mal meine Familie."

Fotostrecke

Acht Filme bei der Banff-Filmtour: Berge, Weite, Eiseskälte

Warum also tut er sich das an? "Manchmal ist man in der Abgeschiedenheit sehr glücklich", sagt Page. "Alleine zu reisen ist eine einzigartige Gelegenheit, um sich selbst zu testen und auszuprobieren, wie man auf Extremsituationen reagiert." Er spricht von einem Hochgefühl, das er nur empfinden könne, wenn er etwas alleine mache, die eigenen Grenzen überschreite.

"Ich habe sehr oft darüber nachgedacht, aufzugeben", sagt er. "Aber ich habe mich immer zusammengerissen und den Moment überwunden - dann wurde es wieder besser. Nach einer Weile kannte ich diese Gefühle und gab mir einfach ein bisschen Zeit."

Angekommen - und keiner merkt's

Page hält durch - und wacht eines Morgens am Ufer des gefrorenen Arktischen Ozeans auf. Bei minus 36 Grad fährt er die letzten 30 Kilometer nach Tuktoyaktuk und sucht dort Unterschlupf an dem einzigen warmen Platz, den er finden kann: in einer Toilette eines kleinen Ladens.

Niemand registriert, dass Ben Page soeben nach vielen zehrenden Tagen sein Vorhaben geschafft hat. "Ich habe auf meiner Reise die Realität des Alleinseins zu spüren bekommen", sagt er. "Und gelernt, dass man Ziellinien besser in Gesellschaft überquert."

Ben Page reiste insgesamt drei Jahre mit dem Fahrrad um die Welt. Nachdem er Kanada verließ, flog er nach Peking und durchquerte Asien. Von Südafrika fuhr er in den Norden des Kontinents, überquerte das Mittelmeer und Europa, bis er schließlich wieder in seiner britischen Heimat ankam. Der Film "The Frozen Road" zeigt seine einmonatige Etappe im Yukon Territory. Er ist zusammen mit sieben weiteren Outdoorfilmen beim diesjährigen "Banff Mountain Film Festival" zu sehen, das in vielen deutschen Städten stattfindet.

insgesamt 40 Beiträge
rumans 06.04.2018
1. is ja gut und schön und soll auch sein dürfen
Aber bitte trotzdem mit dem Wissen, dass die Unternehmung auch nur mit zivilisatorischem low-tech möglich ist. Gas/Esbitkocher, Fahrrad und wärmenden Textilien aus der Fabrik. Die Herausforderung an Grenzen ist dem Ritzen nicht [...]
Aber bitte trotzdem mit dem Wissen, dass die Unternehmung auch nur mit zivilisatorischem low-tech möglich ist. Gas/Esbitkocher, Fahrrad und wärmenden Textilien aus der Fabrik. Die Herausforderung an Grenzen ist dem Ritzen nicht unähnlich.
alex300 06.04.2018
2. Was soll man dazu sagen? Bei -40 mit dem Fahrrad
Da friert das Schmierzeug ein. Dass er das Fahrrad noch SCHIEBEN konnte war ein Glück. Er musst eigentlich sein Fahrrad tragen bzw schleppen. Erstaunlich, dass er noch lebt.
Da friert das Schmierzeug ein. Dass er das Fahrrad noch SCHIEBEN konnte war ein Glück. Er musst eigentlich sein Fahrrad tragen bzw schleppen. Erstaunlich, dass er noch lebt.
efohy 06.04.2018
3. Klugsch...er Alert: Bevölkerungsdichte
38.000 Menschen auf 500.000 m², noch nicht mal New York City hat eine solche Bevölkerungsdichte (27.000 pro Quadrat-Meile, https://www1.nyc.gov/site/planning/data-maps/nyc-population/population-facts.page). Wahrscheinlich sind [...]
38.000 Menschen auf 500.000 m², noch nicht mal New York City hat eine solche Bevölkerungsdichte (27.000 pro Quadrat-Meile, https://www1.nyc.gov/site/planning/data-maps/nyc-population/population-facts.page). Wahrscheinlich sind 500.000 km² gemeint. - - - - - - Danke, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
radnomade 06.04.2018
4. Alle Achtung! (mal abgesehen von der Überschrift dieses Artikels)
Man muss gar durch den Yukon fahren, um sich die Frage zu stellen: "warum man so etwas macht?". Dieses Frage kann man sich leicht schon auch in westlichen Breitengraden, z.B. bei einer Alpenüberquerung, stellen. Was [...]
Man muss gar durch den Yukon fahren, um sich die Frage zu stellen: "warum man so etwas macht?". Dieses Frage kann man sich leicht schon auch in westlichen Breitengraden, z.B. bei einer Alpenüberquerung, stellen. Was mich aber wundert ist, das sich Ben wohl z.T. nicht so recht zuvor darüber informiert hat, welche Gefahren auf ihn unterwegs lauern können. Gerade wenn man in einem Gebiet wie dem Yukon alleine unterwegs ist und man nun mal 100% auf sich alleine gestellt ist, können z.B. Wölfe oder Eisbären eine reelle und lebensbedrohliche Gefahr darstellen und man sollte gut darauf vorbereitet sein, wie man sich in solchen Situationen zu verhalten hat und was man als Abwehrmaßnahmen mit dabei haben sollte. Eines der wichtigen Erlebnisse, die einem wohl auch im späteren Leben dann gut weiterhelfen können, ist, dass das was man sich als Ziel gesetzt hat, man auch durchführt und daraus Stärke und Selbstsicherheit gewinnt. Da mag es z.T. sogar einfacher sein, wenn man alleine unterwegs ist, denn bereits ab zwei Personen können auch schon zwei unterschiedliche Meinungen vorherrschen. Unterwegs haben wir so von einigen Reisenden gehört oder z.T. selbst getroffen, die als beste Freunde oder Paar gestartet sind und nach einem gewissen Zeitraum dann nur getrennt unterwegs waren oder wegen Auseinandersetzungen sogar die Reise abgebrochen hatten. Wenn man aber anfängt vermehrt Selbstgespräche zu führen oder anfängt sich mit seiner Kamera zu unterhalten, dann ist m.E. es wohl eher angebracht schnellstmöglich eine Begleitung und sei es auch nur für Zwischenetappen zu finden oder besser ganz mit der Reise aufzuhören, bevor sich tiefere und schwere seelische Störungen eventuell daraus ergeben können.
Gerhard Haase 06.04.2018
5.
Ein lesenswerter Beitrag. Gruß
Ein lesenswerter Beitrag. Gruß
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