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Reise

Boliviens Frauen

Mit Rock, Charme und Melone

Wer glaubt, die Melone sei ein urbritisches Modeobjekt, der irrt: In Bolivien feiert der Bowler auf dem Kopf von Aymara-Frauen seinen zweiten Frühling. Der geschulte Blick auf den Hut soll verraten, ob die Dame bereits vergeben ist.

Von Knut Henkel
Mittwoch, 16.04.2008   11:37 Uhr

Die Zona de Jarita de Limas kennt jede Frau in La Paz, die etwas auf sich hält. Die wohl älteste und bekannteste Hutmeile der größten Stadt Boliviens befindet sich in einer kleinen Gasse, der Calle Tarapaka. Hier liegen die fertigen Hüte buchstäblich auf der Straße, denn vor den Türen der insgesamt wohl an die 30 Hutmacher liegt die Ware aus: Einfache, ein wenig zerbeulte Modelle aus Filz sind dort genauso zu sehen wie ausladende Cowboyhüte mit breiter Krempe in Weiß und Blau.

"Mit einfachen Modellen gibt sich kaum jemand zufrieden", erklärt der 38-jährige Javier Tarquino im Brustton der Überzeugung. Schon sein Vater hat in der kleinen Stichstraße oberhalb des Stadtzentrums edle Modelle für die Señoras de la Pollera, die Damen mit den Röcken, hergestellt. Sie tragen farbenprächtige und oftmals bestickte Faltenröcke in mehreren Schichten, ein buntes, handgewebtes Tragetuch namens Aguayo - und den vorwitzig auf dem Kopf platzierten Bowler.

Bombín heißt das Modell in Bolivien, und für die allermeisten Frauen des Aymara-Volkes scheint das Tragen des Huts genauso Pflicht wie in London der 17-Uhr-Tee. Sitzt der Hut schräg, soll die Frau noch zu haben sein, so wird in La Paz geunkt. Im Andenland Bolivien gehören rund zwei Drittel der Bevölkerung indigenen Völkern an, meist den Quecha und Aymara - und nach Schätzungen trägt rund ein Drittel der Bevölkerung einen Hut.

Geschenk britischer Eisenbahner

"Die Hüte sind seit mindestens hundert Jahren Teil der traditionellen Folklore", erklärt Hutmachermeister Tarquino. Er vermutet, dass britische Eisenbahningenieure den Bowler nach Bolivien brachten. Als sie feststellten, dass der Filzdeckel mit seiner schmalen Krempe in der gleißenden Andensonne nicht als Sonnenschutz taugt, sollen sie ihn verschenkt haben. Wenig später thronte das urbritische Accessoire auf den Köpfen der Frauen aus dem bolivianischen Hochland.

Reizvoll sehen die Señoras aus, wenn sie in vollem Ornat auf den Märkten zwischen Blumen, Gemüse und Kartoffeln hocken und ihre Waren feilbieten. Der Bombín ruht dann keck auf den schwarzen - zu langen Zöpfen geflochtenen – Haaren und gehört unstrittig zum andinen Dresscode. "Der Hut ist so etwas wie die Visitenkarte der Señoras", erklärt Hutmacher Tarquino. Gemeinsam mit seinem Gesellen stellt er bis zu 20 der steifen, abgerundeten Melonen pro Tag her. Die werden aus Filz gefertigt und mit dem Bügeleisen so lange traktiert, bis sie in Form sind und diese auch halten.

In vier Farben bietet Tarquino das Lieblingsmodell der Aymara, denen auch Präsident Evo Morales angehört, an. Schwarz ist neben dem unscheinbaren Grau die bevorzugte Farbe der Ladys, doch auch in Braun und Dunkelgrün wird die Melone produziert. Der Filz wird aus Brasilien und Portugal importiert, und jedes Stück wird von Hand gefertigt. Das hat seinen Preis: 390 Bolivianos, umgerechnet 39 Euro, kostet ein Bombín - etwas weniger als ein monatlicher Mindestlohn in Bolivien.

Baseballkappe statt Borsalino

Deutlich teuer wird es bei den Herren. Für einen waschechten Borsalino aus bolivianischer Produktion wird etwa das Zehnfache verlangt, aber nur noch selten bezahlt. "Es sind nur noch wenige ältere Herren, die in einen echten Borsalino investieren, die Jungen geben sich zumeist mit einer Baseballkappe zufrieden", erklärt Tarquino schulterzuckend. Mit zwei Angestellten, die in zwei Geschäften in der Calle Tarapacá Hüte produzieren, gehört er zu den größeren Betrieben.

So macht Tarquino immer noch das beste Geschäft mit den traditionell gekleideten Señoras, den Cholitas. Zwischen 10 und 20 Hüte verkauft er täglich. Nicht nur in La Paz leben die Hutmacher gut von den Kundinnen - auch in den anderen großen Städten des Landes wie Cochabamba, Sucre oder Santa Cruz ist der Hut auf dem Frauenkopf quasi obligatorisch.

"Jede Region hat ihre eigene Huttradition", erklärt Casimira Rodríguez, die als Ministerin für Justiz dem ersten Kabinett von Evo Morales angehörte. Die Gewerkschaftsaktivistin aus Cochabamba trägt den leichten weißen Strohhut der Region. "Die Hüte sind Teil unser Kultur, während in La Paz die Melone dominiert, ist es in Cochabamba der leichte Strohhut, in Santa Cruz der große Sombrero und in Tajita wiederum ein kleines leichtes Modell", erklärt die 48-Jährige.

"Die meisten Modelle kamen aus Europa zu uns, so habe ich in Valencia leichte Strohhüte gesehen, die sich kaum von unseren Sombreros in Cochabamba unterschieden." Ohne den leichten Hut geht dort kaum eine Cholita aus dem Haus. Nicht nur weil der Sombrero zur traditionellen Tracht gehört, sondern auch weil er vor der gleißenden Sonne schützt. Für die Hutmacher quasi die Existenzgarantie.

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