Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Allein durch Afrika

15.000 Kilometer im Sattel

Von Kapstadt bis nach Ägypten: Anselm Pahnke hat einmal den afrikanischen Kontinent durchquert, allein mit dem Fahrrad. In seinem dürftigen Reisegepäck hatte er eine kleine Kamera. Seine Erfahrungen sind nun im Kino zu sehen.

Anselm Nathanael Pahnke
Interview von
Mittwoch, 28.11.2018   08:57 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Pahnke, Sie haben 15 Länder Afrikas besucht. Haben Sie einen Favoriten?

Pahnke: Uganda! Das Land ist sehr abwechslungsreich: Es gibt Dschungel, Wüste, hohe Berge, Steppe und eine faszinierende Tierwelt. Alles ist noch sehr ursprünglich, und es kommen bislang nur wenige Touristen. Da kann man Afrika noch pur erleben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Kontinent einmal komplett durchquert: 15.000 Kilometer - auf dem Fahrrad. Klingt nach einer verrückten Idee.

Pahnke: Ja, aber ich wollte Afrika aus eigener Kraft erfahren, am eigenen Körper spüren. Auf dem Fahrrad, mit geringer Geschwindigkeit kann man jede Veränderung wahrnehmen. Man ist völlig frei, flexibel und kommt der Umgebung sehr nahe.

SPIEGEL ONLINE: Und warum Afrika?

Pahnke: Ich wollte schon immer mal dorthin, habe mich aber nie getraut, es wirklich umzusetzen. Zwei Freunde haben mich dann eines Tages gefragt, ob ich mit ihnen zusammen eine Radtour durch Afrika machen möchte. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade mit meiner Bachelor-Arbeit fertig. Ich habe dann einfach meine Wohnung gekündigt und saß kurz darauf im Flieger.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie kam es, dass sie plötzlich alleine unterwegs waren?

Pahnke: Meine Freunde sind aus privaten Gründen schon früher zurückgeflogen. Das war ein großer Schock, weil ich plötzlich mit dem Alleinsein konfrontiert war. Normalerweise hätte ich sofort jemanden gesucht, der mich begleitet, aber in dem Moment war ich mitten in der Kalahari-Wüste in Botswana, weit weg von Menschen und hatte keinen Internetzugang.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber trotzdem beschlossen, alleine weiterzufahren.

Pahnke: Ja, zuerst bin ich für drei Tage in eine Art Starre verfallen. Aber dann wollte ich herausfinden, wie es ist, mit mir alleine zu sein. Ich wollte mir selbst nah kommen und mich dem Unbekannten öffnen. Nach ein paar Wochen hatte ich mich an das Alleinsein gewöhnt.

Fotostrecke

Mit dem Fahrrad durch Afrika: Eine außergewöhnliche Reise

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen dabei geholfen?

Pahnke: Das Fahrrad hat mich gelenkt, hat mir meinen Rhythmus gegeben. Nach und nach habe ich dann Vertrauen und Sicherheit gewonnen. Außerdem hat mich die Kamera unterstützt: Wenn ich mich besonders einsam gefühlt habe oder ich in schwierigen Situationen war, hat es mich beruhigt, mit mir selbst zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie von Anfang an den Plan, einen Film aus dem Material zu machen?

Pahnke: Nein. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich sicherlich anders gefilmt. So habe ich das einfach nur für mich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten zum Beispiel nicht gefilmt, dass sie sich selbst einen Einlauf gelegt haben?

Pahnke: Ja, und das wollte ich auch erst nicht in dem Film zeigen. Aber dann dachte ich, dass es wichtig ist, dass die Zuschauer auch solche Momente sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie die Kamera lieber ausgelassen?

Pahnke: Bei persönlichen Begegnungen mit Menschen. Da kann man nicht filmen, das hätte sonst die Situation kaputt gemacht. Außerdem nimmt man einen Moment auch anders wahr, weil man viel mehr auf die Kamera konzentriert ist.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Reise haben Sie kein Wasser gekauft, sondern es an Brunnen abgefüllt. Wieso?

Pahnke: Ich wollte mir selbst eine Herausforderung schaffen, mich aus meiner Komfortzone herausbewegen. So bin ich viel mehr mit den Menschen in Kontakt gekommen: Die Brunnen sind ein Treffpunkt, man begegnet dort vielen Leuten, die in der Umgebung leben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es da ein besondere Begegnung, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Pahnke: Einmal in Botswana war ich schon 70 Kilometer unterwegs und habe kein Wasser gefunden. Auf einer Straße traf ich dann einen Mann und habe ihn angesprochen. Er verstand sogar Englisch und führte mich zum nächsten Brunnen. Er hat mir viel über die Menschen dort erzählt. Ihm wäre ihm sonst nie begegnet.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau haben Sie Ihre Reise geplant?

Pahnke: Ein Abenteuer lässt sich nicht planen, es kommt auf einen zu. Eigentlich hat sich immer alles so ergeben. Wenn man unterwegs ist, bekommt man alle nötigen Informationen, weil man mit dem Fahrrad ja so langsam ist. Wenn man keine Ziele hat, dann öffnen sich einem neue Türen.

Im Video: Trailer "Anderswo. Allein in Afrika"

Foto: Avalia Studios

SPIEGEL ONLINE: Man kann sich aber auch in Gefahr bringen. Einmal standen Sie einem Nilpferd gegenüber. War es nicht manchmal leichtsinnig, dass Sie sich gar nicht über Risiken informiert haben?

Pahnke: Die ganze Idee der Reise war leichtsinnig. Ich habe immer darauf vertraut, dass nichts passiert. Nach außen hin wirkt das vielleicht naiv, aber für mich ist das sehr berauschend. Und ich wurde immer wieder darin bestätigt, dass ich mich richtig verhalte.

SPIEGEL ONLINE: In was für gefährliche Situationen sind Sie auf Ihrer Reise geraten?

Pahnke: Am schlimmsten waren die Lastwagen. Der Autoverkehr in Afrika ist nicht berechenbar. Ich bin bestimmt zehnmal in einem Graben gelandet, weil mich ein Fahrer nicht gesehen hat und ich im letzten Moment meinen Lenker rumreißen musste.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind an Typhus und Malaria erkrankt, Ihr Arzt riet Ihnen zur Heimreise. Haben Sie denn nie mit dem Gedanken gespielt, Ihre Reise abzubrechen?

Pahnke: Nein, nie. Irgendwann war ich so tief in den Kontinent eingetaucht, dass das für mich gar keine Option war.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten 3000 Kilometer durch die Sahara fahren - mit permanentem Gegenwind. Wie hält man das durch?

Pahnke: Das war echt heftig - definitiv die anstrengendste Etappe. Da muss man schon sehr an sich glauben, um das drei Monate durchzuhalten. Aber ich habe auch viel gelernt. Am nächsten Ort hoffte ich, wieder etwas zu finden, was mich berührt und mir für eine Weile Kraft gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nie in ein Auto gestiegen?

Pahnke: Viele Lastwagenfahrer haben mich gefragt, ob ich mitfahren will, aber ich habe das nie gemacht. Einmal habe ich mich eineinhalb Stunden an einen Lastwagen drangehängt. Das war aber auch ganz schön anstrengend für die Arme.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es für Sie, nach Deutschland zurückzukommen?

Pahnke: Nicht einfach. Ich habe eine Weile gebraucht, mich wieder daran zu gewöhnen. Vor allem daran, dass ich hier wieder bewertet und kritisiert werde.

SPIEGEL ONLINE: Wohin zieht es Sie als Nächstes?

Pahnke: Bislang war ich noch nicht in Südamerika, mal gucken, vielleicht reise ich da mal hin. Aber das kann ich nicht planen, das muss einfach passieren. Momentan kann ich mir aber auch nicht vorstellen, wieder für einen längeren Zeitraum unterwegs zu sein. Damals habe ich das gebraucht.


Der Dokumentarfilm "Anderswo. Allein in Afrika", hat am 29. November in Hamburg Premiere, am 13. Dezember ist offizieller Kinostart in Deutschland. Weitere Infos hier.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP