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Reise

Grönland-Expedition

Wir sind Helden

Die Inlandeis-Überquerung Grönlands ist geschafft. Bergsteiger Stefan Glowacz und sein Team starten die Rückfahrt mit dem Segelschiff "Santa Maria" - und wollen noch einmal klettern. Trotz heftiger Herbststürme.

Thomas Ulrich
Mittwoch, 10.10.2018   04:39 Uhr

Zur Person

Ich stehe an Bord der "Santa Maria" und blicke zurück. Auf die Küste Grönlands, das wir in den vergangenen Wochen per Ski und Kite überquert haben. (Hier lesen Sie die ersten Blogs.) Und auf die Wand im Scoresbysund, die Philipp Hans und ich als Erstbesteiger erklimmen wollten.

Wir wollten einen Versuch wagen, haben unsere Klettersachen gepackt und sind drei Stunden über die Moräne hinauf zum Gletscher gelaufen. Meine Befürchtungen aber bestätigten sich: Jetzt, Mitte September, ist die Wand völlig vereist, auf jedem noch so kleinem Band liegt Schnee, und es ist unter null Grad kalt. Keine Chance, unter diesen Voraussetzungen zu klettern.

Während sich das Segelschiff um die Eisberge im Fjord manövriert, leuchtet die mit Schnee überzogene Spitze der Wand noch lange gegen den Himmel. Unser nächstes Ziel ist die Siedlung Ittoqqortoormiit, etwa 24 Stunden entfernt am Fjordausgang gelegen. Dann liegen noch circa 1100 Seemeilen über Island und die Färöer-Inseln bis nach Schottland vor uns. Die Herbststürme fegen in immer kürzeren Abständen die Küste herunter.

Um Mitternacht habe ich das Ruder übernommen, die anderen schlafen. Nur das Plätschern der Wellen am Rumpf des Schiffes ist zu hören. Über mir breiten sich Nordlichter in alle Richtungen aus, völlig lautlos und gespenstisch. Ich bin glücklich.

Thomas Ulrich

Nicht nur, weil ich es als Privileg empfinde, diesen Moment hier erleben zu dürfen. Ich bin auch mit einem Team unterwegs, auf das ich mich jeden Morgen freue, auch nach so langer Zeit auf engsten Raum. Und jetzt, da wir beschlossen haben, die Erstbegehung abzubrechen, spüre ich, wie der immense Druck der letzten 40 Tage von mir abfällt. Der kleinste Fehler, jede Unachtsamkeit bei der Inlandeis-Überquerung hätte dramatische Folgen haben können.

Ich habe Dimensionen in den Wüsten aus Wasser und Eis kennengelernt, die ich nie für möglich hielt. Am Morgen aus dem Zelt steigen und nichts anderes zu sehen als eine weiße Ebene bis zum Horizont. Am Kite hängen und den Schnee unter meinen Skiern vorbeisausen sehen. Am Abend nach zehn Stunden im Sturm wieder ins Zelt kriechen und mich sicher fühlen. Diese Augenblicke werde ich nie vergessen, sie bedeuten für mich den wahren Reichtum des Lebens. Und genau das Leben, das ich leben möchte.

Erste Dusche nach zwei Monaten

Unser Aufenthalt in Ittoqqortoormiit dauert genau eine Dusche lang in der einzigen Herberge am Ort. Nach knapp zwei Monaten ohne genießen wir das heiße Wasser, bis die Haut auf den Fingern völlig verschrumpelt- und der Boiler erschöpft ist. Danach geht es sofort wieder aufs Schiff.

Normalerweise hat so eine kleine Yacht wie die "Santa Maria" zu dieser Jahreszeit im Nordatlantik nichts mehr zu suchen. Die Kunst besteht jetzt darin, genau im richtigen Moment loszusegeln, um vor den nächsten Tiefdruckausläufern in einem sicheren Hafen in Deckung gehen zu können. Auf unsere Frage, wie er die Risiken einschätzt, zuckt Kapitän Wolf Kloss mit den Schultern und lacht: "Ja mei, wir nehmen's halt, wie's kommt."

Fotostrecke

Grönland-Expedition von Stefan Glowacz: Sturmgebeutelt

Am Abend des 24. September erreichen wir die nördlichste Spitze von Island und rechtzeitig den Hafen des kleinen Fischerortes Raufarhöfn. In der folgenden Nacht segeln wir an der Ostküste Islands entlang. Nach einem kurzen Stopp in Seydisfjördur geht es wieder aufs offene Meer hinaus Richtung Färöer-Inseln, die vorletzte große Etappe.

Am schlimmsten sind für mich die Wachen von zwei bis vier Uhr morgens. Der Wecker klingelt 15 Minuten vor dem Wachwechsel. Immer habe ich das Gefühl, erst vor ein paar Minuten eingeschlafen zu sein. Noch im Schlafsack schlüpfe ich in die dünne Daunenhose und Skisocken. Draußen braust der Wind, die Wellen werden zu schwarzen, unheimlichen Schatten, und am Steuer fühle ich mich wie der einsamste Mensch der Welt.

Drei Tage später erreichen wir Torshavn, Hauptstadt der Färöer-Inseln. Es ist bereits dunkel. Das war knapp: Waagerecht fegte der Wind heftige Regenschauer über das Schiff, stündlich nahm die Stärke des Sturms zu. Zwangspause. In den nächsten Tagen brausen die Tiefs kurz hintereinander von Westen über die kargen Inseln. Selbst im sicheren Hafen pfeift der Sturm in den Takelagen.

Die Färöer und ihre bis zu 700 Meter hohen Klippen locken Kletterer aus der ganzen Welt - obwohl die Felsqualität alles andere als gut ist. Auch Philipp und mich. Auf dem Weg zu Klippe können wir uns wegen des Sturms kaum auf dem Pfad halten, die letzten Meter kriechen wir auf allen Vieren. 150 Meter unter uns kocht das Meer. Feiner Wasserstaub hüllt uns am Standplatz ein. Nach wenigen Zügen sind die untrainierten Muskeln der Unterarme steinhart, permanent rutschen die Finger auf den feuchten Griffen ab. Klettergenuss sieht anders aus. Aber beeindruckend ist es.

Thomas Ulrich

Alarmstart gen Schottland

Am 2. Oktober segeln wir gegen Mittag zur südlichsten Färöer-Insel und legen uns im Hafen von Vagùr in Lauerstellung. Auf der Wetterkarte jagt ein Sturmtief das nächste mit Windgeschwindigkeiten über 50 Knoten. Am nächsten Tag: Alarmstart! "Entweder wir brechen sofort auf und nehmen in Kauf, dass wir vor dem Erreichen der Küste eine auf den Deckel bekommen. Oder wir sitzen hier mindestens noch eine Woche fest", sagt Wolf. Wenige Minuten später lösen wir die Leinen.

Wie ein Korken taumelt die "Santa Maria" von Wellenberg zu Wellenberg. Je näher wir der schottischen Küste kommen, umso ungemütlicher wird es. Wolf ist jetzt ununterbrochen auf den Beinen. Nur ab und zu verschwindet er mal für zwei Stunden in seiner Koje, aber an Schlaf ist für niemanden zu denken. In der Nacht türmen sich die fünf bis sechs Meter hohen Wellen wie eine Wand neben dem angegurteten Rudermann auf, Sekundenbruchteile später ergießen sich die Wassermassen über das Schiff. In diesen Augenblicken schwöre ich mir, nie wieder einen Fuß auf ein Segelboot zu setzen.

Team Stefan Glowacz

Nach Mitternacht des 5. Oktober entdecken wir am Horizont den Lichtschimmer des Leuchtturmes von Lewis am westlichsten Zipfel der Hebriden-Inseln. Wir passieren das Kap - und von Meile zu Meile werden die Wellen niedriger, der Sturm schwächer und unsere Nerven entspannter.

Am nächsten Abend laufen wir nach drei Monaten wieder in den Hafen von Mallaig ein. Es nieselt leicht, der Ort scheint wie ausgestorben, nur ein paar Möwen kreischen. Wir springen auf den Steg, fallen uns in die Arme und sind froh und traurig zugleich. Traurig, weil ein großes Abenteuer und eine unglaubliche, intensive Zeit zu Ende geht. Froh darüber, dass wir es alle gesund überstanden haben.

Wir fühlen uns an diesem Abend wie Helden. Vor uns liegt nur noch die Fahrt zurück nach München mit den Elektroautos. Und ganz bestimmt werden wir mitgrölen, wenn David Bowies "We can be heroes - just for one day" aus den Lautsprechern dröhnt.

Stefan Glowacz hat auf SPIEGEL ONLINE in fünf Blogs von seiner Expedition "Coast to Coast" berichtet. Die ersten Berichte verpasst? Lesen Sie hier weiter:

Teil 1: Wenn ein Kletterer mal segelt
Teil 2: Schinderei am Gletscherrand
Teil 3: Kiten bei minus 40 Grad
Teil 4: Warten auf Wolf

"Coast to Coast" von Stefan Glowacz: Die Planung

Von München nach Schottland per Elektroauto
Anfang Juli geht es los in Berg am Starnberger See. Mit zwei BMW-i3-Elektroautos fährt das Team von Ladestation zu Ladestation, über Holland, Belgien und England bis zum Hafen Mallaig an der Westküste Schottlands. Ein zusätzliches Auto mit Anhänger transportiert Ausrüstung und Verpflegung für drei Monate.
Von Schottland nach Grönland per Segelschiff
In Mallaig benötigen Glowacz und sein Team zwei Tage, um die Ausrüstung auf der 14 Meter langen Stahljacht "Santa Maria" seetauglich zu verstauen. Am 11. Juli legt das Segelschiff ab und segelt über die Westmänner-Inseln vor Island bis zur Diskobucht in Grönland. Ende Juli/Anfang August soll der Ausgangspunkt für die Grönlanddurchquerung erreicht werden.
Überquerung von Grönland mit Schlitten, Skiern und Kites
Einige Tage benötigt das Team für die Portagen der Ausrüstung aufs Inlandeis. Dann beginnt für Stefan Glowacz, Thomas Ulrich und Philipp Hans die Tour mit Skiern, Schlitten und Kites immer gen Osten. Mindestens 30 Tage sind für die 1000 Kilometer Eiswüste eingeplant, bis die Ostküste erreicht ist und die Männer vom Inlandeis zum Scoresbysund absteigen. Währenddessen umsegelt die "Santa Maria" die Südspitze von Grönland.
Versuch einer Erstbesteigung am Scoresbysund
Der Scoresbysund an der Ostküste Grönlands ist gesäumt von riesigen Felsformationen, die über tausend Meter steil und überhängend direkt ins Meer abbrechen. An einer dieser Formationen ist eine Erstbegehung durch Stefan Glowacz und Philipp Hans geplant, circa zehn Tage soll der Versuch dauern.
Von Grönland nach Schottland per Segelschiff
Mitte September muss die Rückreise mit der "Santa Maria" über Island und die Faröer Inseln zurück nach Schottland beginnen, bevor die Herbststürme in dieser Region aufziehen.
Von Schottland nach München per Elektroauto
Von Schottland geht es mit den Elektrofahrzeugen wieder zurück gen München. Geplante Ankunft: Mitte Oktober.
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