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Reise

Grönland-Expedition von Stefan Glowacz

Kiten bei minus 40 Grad

Der Extremkletterer Stefan Glowacz will Grönland überqueren, doch ohne Kites hätte er keine Chance. Was aber tun, wenn er die Segel kaum einsetzen kann - und die Temperaturen bis auf minus 40 Grad sinken?

Thomas Ulrich
Freitag, 28.09.2018   05:59 Uhr

Zur Person

Bei jedem Schritt, den wir uns von der Westküste entfernen, fühle ich mich ausgesetzter und schutzloser in der kalten Wüste. Fünf Tage sind wir jetzt auf unserer Überquerung von Grönlands Inlandeis unterwegs, immer Richtung Osten. (Die ersten Teile des Blogs von Stefan Glowacz lesen Sie hier und hier.)

Je höher wir steigen, umso schmaler werden die Bäche, plötzlich fließen sie gar nicht mehr. Die letzten Bergspitzen der Küste verschwinden, alles nur noch eine riesige weiße Fläche bis zum Horizont. Mit jedem Höhenmeter wird es auch merklich kälter. Mittlerweile zeigt das Thermometer minus 10 Grad. Endlich können wir von den Steigeisen auf die Skier wechseln. Was für eine Erleichterung.

Team Stefan Glowacz

Am nächsten Tag starten wir im Whiteout: Himmel und Erde sind zu einer einzigen weißen Wand verschmolzen. Aber der Wind steht etwas günstiger und weht uns nicht mehr ins Gesicht. Zum ersten Mal können wir die Kites einsetzen, mühelos gleiten wir nun mit den Skiern über die Schneefläche. Obwohl wir versuchen, den ganzen Tag so hart wie möglich am Wind zu fahren, schaffen wir gerade einmal 45 Kilometer bei zehn Kilometer Kursabweichung.

Das ist uns in diesem Moment jedoch völlig egal. Jeder Meter mit Kite bedeutet zwei anstrengende Schritte und Stockeinsätze weniger. Das ist hier oben die einzige Währung. Ohne Kites müssten wir bei unserer Zeitplanung 30 Kilometer am Tag laufen - bei diesen Bedingungen scheint das kaum zu schaffen zu sein. Wir sind am Abend völlig kaputt. Beim Schneeschmelzen für die Thermosflaschen und die Trockennahrung fallen uns immer wieder die Augen zu.

Am 21. August, gut zwei Wochen nach Erreichen des Atta Sunds, legen wir den ersten Ruhetag ein. Vor dem Zelt stürmt und schneit es, die Temperatur sinkt auf minus 25 Grad. Wir haben gerade einmal ein Zehntel der geplanten 1000 Kilometer geschafft und befinden uns auf 1800 Meter Meereshöhe. Nicht gerade ein Ergebnis, um zufrieden im Zelt rumzuliegen. Die Gedanken und Gespräche kreisen permanent um alles, was schieflaufen könnte.

Der 25-jährige Philipp übernimmt die Rolle des Optimisten. Mit seiner jugendlichen Sicht auf die Dinge erscheint vieles nicht mehr ganz so schlimm und in jedem Fall machbar. Wir sind richtige Musketiere geworden: "Einer für alle, alle für einen." Nur so funktioniert es an einem Ort, wo keine Fehler erlaubt sind.

Die Kälte zermürbt

Am Morgen des 25. August zeigt das Barometer minus 40 Grad an. Es wird unser bis dahin bester Tag: 75 Kilometer gekitet. Kurz bevor wir nach neun Stunden am Segel beschließen, das Lager aufzubauen, schießen wir bei 25 km/h Wind über drei riesige, mindestens acht Meter breite, mit Schnee zugewehte Rinnen.

Kurze Zeit später erkennen wir rechts von uns einen riesigen, mehrere Kilometer breiten und sicher Hundert Meter tiefen Krater mitten in dieser unendlichen Schneefläche. Siedend heiß läuft es uns trotz der Kälte den Rücken runter. Das, was wir vor Minuten noch für Schneerinnen hielten, sind in Wirklichkeit riesige Spalten, die von dem Krater ausgehen. Wir reden nicht viel darüber, aber jeden beschäftigt der Gedanke, was hätte passieren können.

Thomas Ulrich

Die Kälte zermürbt uns. Fast jeden Tag sind es zwischen minus 25 und minus 40 Grad, und wir haben immer noch nicht das Plateau, den höchsten Punkt des Inlandeises, mit 3180 Meter erreicht. Nach jeder Pause dauert es fast eine halbe Stunde, bis die Zehen und Finger warm werden. Jeder hat bereits angefrorene Fingerkuppen und ich sogar Frostbeulen auf der Nase und den Wangen.

Jeder Handgriff, vor allem ohne Handschuhe, muss wohlüberlegt sein und darf auf keinen Fall zu lange dauern. Wir kochen nicht mehr im Vorzelt, sondern schmelzen den Schnee auf dem Kocher zwischen den Schlafsäcken. Das Kondenswasser gefriert sofort an der Zeltwand, es schimmert wie in einer Eishöhle.

Fotostrecke

Grönland-Expedition von Stefan Glowacz: Kite sei Dank

Das Leben ist nun Routine und Disziplin. Um sechs Uhr morgens klingelt der Wecker. Dann werden die Flaschen aufgekocht, die wir als Wärmflaschen am Abend zuvor für den Schlafsack abgefüllt haben. Das Müsli ist ebenfalls schon in den Näpfen vorbereitet. Dann beginnt das Schlingen. Je schneller wir fertig sind, umso länger fällt der zweite Schlaf bis acht Uhr aus.

Sobald der Wecker ein zweites Mal klingelt, ist wieder jeder Handgriff genau choreografiert. Die Fußräume der Schlafsäcke sind voll mit Akkus, Socken, Daunenjacken und Kameras - alles, was warmgehalten werden muss. Jeden Morgen, wenn ich den Arm aus dem Schlafsack nehme, habe ich das Gefühl, in eine Tiefkühltruhe zu greifen. Das Problem ist, dass ich mit dem restlichen Körper gleich hinterherspringen muss. Mittlerweile schaffen wir es, innerhalb einer Stunde das Zelt abzubauen, die Schlitten zu beladen und pünktlich um neun Uhr abmarschbereit zu sein.

Jeder Kilometer mit dem Kite ist ein guter Kilometer

Am 29. August frischt eine Stunde nach dem Aufbruch der Wind auf und dreht etwas mehr auf Süd. Wir machen uns zum Kiten fertig, bauen den 13-Quadratmeter-Schirm auf, legen die Leinen aus und wechseln die Schuhe und Ski. Zum Laufen verwenden wir breitere Langlaufski mit Schuppenbelag, zum Kiten Tourenski und Skitourenschuhe.

Bei dieser Kälte und Windgeschwindigkeiten von 25 Stundenkilometern ist der Aufbau ein Albtraum. Jeden Knoten in den Leinen müssen wir in zehn Sekunden gelöst haben, ansonsten werden schlagartig die Fingerkuppen weiß. Wir ziehen die Kites hoch und gleiten über die Ebene. Die Skier schneiden durch Schneeverwehungen, und die beiden Schlitten schlingern und überschlagen sich im Schlepptau immer wieder.

Nach 30 Minuten brennen unsere Hüften, in die der Gurt einschneidet. Die Finger an der Lenkbar werden taub, die Nasenspitze brennt in der Kälte. Aber der Untergrund fliegt unter den Skiern dahin, und nur darum geht es: Strecke machen! Jeder noch so qualvolle Kilometer mit dem Kite ist ein guter Kilometer. Alle 500 Meter bleiben wir kurz stehen, kreisen die Arme und versuchen, wieder Gefühl in die Finger und Zehen zu bekommen. Wir schaffen heute 94 Kilometer. Ein Wahnsinn und vor allem ein riesiger Schritt nach vorne.

Thomas Ulrich

Zwei Tage später schneit es. Kein Wind, kein Kiten, minus 30 Grad und Whiteout. Der Höhenmesser zeigt konstant 3180 Meter an, wir müssen den höchsten Punkt des Plateaus erreicht haben. Das Spuren im Neuschnee ist eine Qual. Wir montieren das GPS auf einen Skistock, um überhaupt die Richtung halten zu können. Nach neun Stunden stehen gerade einmal 17,7 Kilometer auf dem Display. Es ist frustrierend.

Stefan Glowacz wird bis Oktober über seine Expedition "Coast to Coast" berichten. In der kommenden Woche lesen Sie auf SPIEGEL ONLINE, welche der Schwierigkeiten der zweite Teil der Überquerung birgt und wie die Sorge wächst, ob Kapitän Wolf Kloss das Team rechtzeitig abholen kann. Die ersten beiden Blogs verpasst? Lesen Sie hier den ersten Teil und den zweiten Teil.

"Coast to Coast" von Stefan Glowacz: Die Planung

Von München nach Schottland per Elektroauto
Anfang Juli geht es los in Berg am Starnberger See. Mit zwei BMW-i3-Elektroautos fährt das Team von Ladestation zu Ladestation, über Holland, Belgien und England bis zum Hafen Mallaig an der Westküste Schottlands. Ein zusätzliches Auto mit Anhänger transportiert Ausrüstung und Verpflegung für drei Monate.
Von Schottland nach Grönland per Segelschiff
In Mallaig benötigen Glowacz und sein Team zwei Tage, um die Ausrüstung auf der 14 Meter langen Stahljacht "Santa Maria" seetauglich zu verstauen. Am 11. Juli legt das Segelschiff ab und segelt über die Westmänner-Inseln vor Island bis zur Diskobucht in Grönland. Ende Juli/Anfang August soll der Ausgangspunkt für die Grönlanddurchquerung erreicht werden.
Überquerung von Grönland mit Schlitten, Skiern und Kites
Einige Tage benötigt das Team für die Portagen der Ausrüstung aufs Inlandeis. Dann beginnt für Stefan Glowacz, Thomas Ulrich und Philipp Hans die Tour mit Skiern, Schlitten und Kites immer gen Osten. Mindestens 30 Tage sind für die 1000 Kilometer Eiswüste eingeplant, bis die Ostküste erreicht ist und die Männer vom Inlandeis zum Scoresbysund absteigen. Währenddessen umsegelt die "Santa Maria" die Südspitze von Grönland.
Versuch einer Erstbesteigung am Scoresbysund
Der Scoresbysund an der Ostküste Grönlands ist gesäumt von riesigen Felsformationen, die über tausend Meter steil und überhängend direkt ins Meer abbrechen. An einer dieser Formationen ist eine Erstbegehung durch Stefan Glowacz und Philipp Hans geplant, circa zehn Tage soll der Versuch dauern.
Von Grönland nach Schottland per Segelschiff
Mitte September muss die Rückreise mit der "Santa Maria" über Island und die Faröer Inseln zurück nach Schottland beginnen, bevor die Herbststürme in dieser Region aufziehen.
Von Schottland nach München per Elektroauto
Von Schottland geht es mit den Elektrofahrzeugen wieder zurück gen München. Geplante Ankunft: Mitte Oktober.
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