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Reise
Planet Erde

Fotografieren in Kenia

Saida und der Traum vom Fliegen

Michael Martin
Dienstag, 12.12.2017   04:15 Uhr

Tiefrot blühende Seen, rosa Flamingoschwärme - im Tiefflug über Kenia gelingen Fotograf Michael Martin grandiose Luftbilder. Mit an Bord ist eine junge Somali, die darum kämpft, Pilotin zu werden.

Zur Person

An der Sicherheitskontrolle des kleinen Wilson-Flughafens in Nairobi scheint unser Plan für heute ein frühes Ende zu finden: Mein Freund und Fotografenkollege Jörg Reuther hat seinen Pass vergessen. Kein Problem für Saida Mohamed, die junge Flugdienstberaterin, die uns begleitet: Mit einer Mischung aus Charme und Resolutheit überredet die junge Frau den Sicherheitsbeamten, ein Auge zuzudrücken.

Dann führt Saida uns zu einer betagten Cessna. Am Steuerknüppel sitzt der gut 60-jährige Peter Allmendinger, der mich im September bereits in den Norden Kenias geflogen hat. Heute soll es zum Lake Magadi und zum Lake Natron im kenianisch-tansanischen Grenzgebiet gehen. Peter ist zehn Tage zuvor über die Seen geflogen und berichtete mir von einem seltenen Phänomen: der Blüte der in den stark alkalischen Seen lebenden Algen.

Saida nimmt auf dem Sitz neben dem Piloten Platz und gibt mit ihrem gereckten Daumen das Signal zum Start. Nach 25 Minuten Flugzeit landet Peter am Ufer des Lake Magadi, um die Tür auszubauen. Nach dem Start auf holpriger Naturpiste können wir mit dem Fotografieren und Filmen beginnen. Bereits der Lake Magadi zeigt sich in leuchtenden Rot- und Weißtönen, doch das Naturschauspiel wird hier durch eine Sodafabrik gestört.

Salzfelder wie leuchtend rote Gemälde

Also weitere zehn Flugminuten zum nur zwei Meter tiefen Lake Natron, der mit einer Fläche von 1000 Quadratkilometern am Boden des Ostafrikanischen Grabenbruchs liegt. Mit einem Handzeichen bitte ich Peter, auf 1000 Meter Flughöhe zu steigen. Peter hat nicht zu viel versprochen: Tatsächlich werden große Teile des Sees von einer tiefroten, in große Polygone gegliederten Salzschicht überzogen. Die Farbe ist auf Purpurbakterien im Wasser zurückzuführen.

In wieder geringerer Flughöhe erreichen wir die Salzfelder, die sich ebenfalls wie leuchtend rote Gemälde vor uns erstrecken. Peter legt die Maschine auf die Seite, so dass Jörg und ich aus der offenen Türe senkrecht nach unten fotografieren können. Die Kameras rattern mit acht Bildern pro Sekunde, die Sicherheitsgurte verhindern, dass wir in die Tiefe fallen. Wir atmen jedes Mal auf, wenn Peter die Maschine wieder waagrecht stellt. Nach 30 Flugminuten über dem Lake Natron drehen wir ab und fliegen zurück nach Nairobi.

Dort hilft Saida uns beim Schleppen der Fotoausrüstung über das Rollfeld. Mir fällt ihr Enthusiasmus für die Fliegerei auf, und ich frage sie, ob sie uns das nächste Mal nicht selbst fliegen wolle. Mit dieser Frage hatte ich den Punkt getroffen, und aus der Frau mit den großen strahlenden Augen fließt ein Wasserfall an Sätzen.

Blick zum Himmel

In bestem, aber für meine Sprachkenntnisse viel zu schnell gesprochenem Englisch erfahre ich, dass sie 26 Jahre alt ist, dem Volk der Somali angehört, aus einfachsten Verhältnissen stammt und seit ihrer Kindheit nur einen Traum kennt: fliegen. Wir verabreden uns mit ihr abends im Büro von Yellow Wings, jenem Charterunternehmen, dem die alte Cessna gehört. Mit schwarzem Kopftuch und leuchtfarbener Warnweste steht sie vor den Flugplänen und erzählt der Videokamera ihre Geschichte.

Schon als kleines Mädchen schaute sie in ihrem kleinen Dorf im Migouri County den Flugzeugen nach, die in großer Höhe über die Weiden ihrer Heimat im Westen Kenias flogen. Damals stand bereits für sie fest, Pilotin zu werden. Ihre Mutter nickte zwar dazu, musste sich aber vor allem um die vier kleineren Geschwister von Saida kümmern, die sie nach dem Tod des Vaters alleine aufzog und von denen drei starben.

Saida ging als Teenager nach Nairobi und versuchte mit ihrer Sprachbegabung und ihren schauspielerischen Fähigkeiten, im Theater Geld zu verdienen. Die Freizeit verbrachte sie in Internetcafés, um Informationen über das Fliegen zu bekommen. An einen Pilotenschein war nicht zu denken, und so bewarb sie sich als Flugzeugwäscherin. Man nahm andere, gab ihr aber eine Stelle als "Tea girl", welches das Bodenpersonal und die Piloten mit Tee zu versorgen hat. Bald bekam sie die Stelle an der Gepäckwaage.

25.000 Dollar für eine Berufspilotenlizenz

Nach einer Zwischenstation bei den Fliegern der Kenya Police landete sie beim Charterunternehmen Yellow Wings. Hier begann sie als Reinigungskraft für Flugzeuge. Den Vorgesetzten blieb nicht lange verborgen, dass in der jungen Frau mehr steckt. Sie durfte einen Kurs zum Assistant Flight Dispatcher belegen und helfen, Flüge zu planen und abzufertigen.

Inzwischen hatte sie genug Geld gespart, um den Gang zur Flugschule am Wilson Airport zu wagen. Dort wollte man sie nicht aufnehmen, zu gering sah man die Erfolgsaussichten, außerdem würden in Kenia nur Männer fliegen. Doch Saida setzte sich einfach in die Kurse und fiel schnell durch ihr Fachwissen auf. Nach zwei Jahren bestand sie den schwierigen, theoretischen Teil der Pilotenprüfung mit Bravour.

Inzwischen als Flugberaterin angestellt, konnte sie sich die erste Flugstunde leisten. Bis sie aber die Privatpilotenlizenz in den Händen halten kann, muss sie noch 10.000 US-Dollar aufbringen, eine vollwertige Berufspilotenlizenz kostet die in Kenia unvorstellbar hohe Summe von 25.000 US-Dollar. "Ich werde es schaffen", sagt sie, lacht und schaut auf die Landebahn, auf der gerade ein Propellerflugzeug abhebt.

insgesamt 1 Beitrag
Papazaca 12.12.2017
1.
Fotos, die an abstrakte Kunst erinnern Was bleibt bei mir hängen? Ich freue mich, spektakuläre Fotos von außergewöhnlicher Natur zu sehen. Dazu kommt die Geschichte der vielleicht zukünftigen Pilotin. Die rundet diese [...]
Fotos, die an abstrakte Kunst erinnern Was bleibt bei mir hängen? Ich freue mich, spektakuläre Fotos von außergewöhnlicher Natur zu sehen. Dazu kommt die Geschichte der vielleicht zukünftigen Pilotin. Die rundet diese Fotoreportage ab. Trotz der erklärenden Texte unter den Fotos erkenne ich aber nicht wirklich ein Konzept, eine Idee, die über die exotischen Fotos hinaus geht. Martin schießt sehr gute Fotos. Nur kann ich kein Thema erkennen. Und die "etwas angeklebte Geschichte der Flugschülerin" macht das deutlich. Nicht das ich was gegen die Frau habe, sie hat meine ganze Sympathie für ihr Vorhaben. Ich komme mal auf den Punkt: Afrika ist ein verrückter Kontinent mit einer Vielfalt, die unglaublich ist (Tausende von Stämmen und Sprachen .....). Und natürlich empfinden wir vieles als exotisch. Nur: Afrika auf Exotik - hier die Natur - zu reduzieren ist für mich zu wenig. Wer Afrika liebt, möchte tiefer eintauchen, dem sind schöne Fotos in Coffee-Table-Books zu wenig. Aber es gibt auch die Anderen, die freuen sich über schöne Fotos in einem schönen Buch.
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