Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Murmansk

Russlands unentdeckte Arktisstadt

Wer in Skandinavien Exotik sucht, der muss eigentlich nur etwas weiter nach Osten fahren. Das russische Murmansk ist die größte Stadt der Arktis und beginnt erst langsam, sich dem Tourismus zu öffnen.

Getty Images
Von
Donnerstag, 12.07.2018   11:54 Uhr

An der Nato-Außengrenze am Arktischen Ozean gleicht Russland einer Festung. Die Einreiseprozedur aus der nordnorwegischen Finnmark dauert Stunden - und am Nachmittag danach werde ich gleich fünfmal kontrolliert.

Etwa in Sputnik: Gleich hinter dem Ortseingang mache ich mit meinem Auto Halt, um das Schild mit dem Namen der ersten sowjetischen Satelliten - und den angrenzenden Panzerfriedhof - zu fotografieren. Das gefällt dem jungen Wachmann nicht, der auf mich zu marschiert. Nach militärischem Gruß gibt er mir zu verstehen, dass ich hier heute keine Fotos mehr machen werde.

Ich entschuldige mich und fahre schnell weiter. Wie soll er auch ahnen, dass ich nur ein Tourist auf der Durchreise bin, wenn sich hierhin solche wohl selten verirren? Mein Ziel ist Murmansk, 500 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen, Europas nördlichste Großstadt - und nicht gerade als Urlaubsziel bekannt.

Fotostrecke

Russland: Murmansk, größte Stadt der Arktis

Verwitterte Plattenbauten sind schon vom gegenüber liegenden Fjord zu sehen, in der Stadt ragen überall Lenin-Skulpturen empor. Einst Sinnbild kommunistischer Stärke und Weltmachtstrebens, wirkt Murmansk heute wie ein Freilichtmuseum sowjetischer Architektur, in das nach und nach die Moderne einzieht. Erst 1916 aus dem Sumpf eines Meeresfjords gestampft, hatte die Stadt zu ihren Hochzeiten in den Achtzigern rund 470.000 Einwohner. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs allerdings sinkt die Einwohnerzahl stetig, nicht einmal mehr 300.000 sind übrig.

Verlassener Hafen, quirliger Lenin-Prospekt

Ich fahre mit dem Auto hoch zum Alyosha-Monument. Die 35 Meter hohe Betonstatue eines Soldaten thront über der Stadt und dem angrenzenden Freizeitpark. Blumenkränze aus Plastik sind ihr zu Füßen gelegt, ein ewiges Feuer brennt und soll an die Verteidigung vor der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg erinnern.

Ein Spaziergang führt mich hinunter zum Museumsschiff "Lenin". Der frühere Atomeisbrecher liegt im majestätischen Hafen, der dank Golfstrom-Ausläufern ganzjährig eisfrei bleibt und dem Land jederzeit den Zugang zu den Weltmeeren garantiert. Ganz in der Nähe liegen daher die russische Nordflotte und die Eisbrecherflotte Atomflot. Ein alter Angler zieht gerade einen Fisch an Land, ansonsten ist der Hafen an diesem Nachmittag fast verlassen.

Mehr zum Thema

Das Schild einer Hafenkneipe wirbt mit Popeye-Figur und auf Englisch mit Fisch, Bier und "Free WiFi". Als ich die Kneipe betrete, bin ich der einzige Gast. Die Kellnerin spricht kein Englisch, ich bekomme Schweinegulasch mit Kartoffelpüree und grünen Tee. Das "Free WiFi" sei leider gerade ausgefallen, bedeutet sie mir entschuldigend. Im benachbarten Umschlaghafen herrscht dafür emsiges Treiben, Kohle wird auf Güterzüge verladen.

Entlang der Hauptverkehrsstraße Lenin-Prospekt und in der Murmansk Mall, dem großen Einkaufszentrum der Stadt, verschmelzen Ost und West. Hier ein Geox-Schuhgeschäft mit kyrillischer Neonreklame, dort ein Apple-Fachhändler und ein Spar-Supermarkt. Bezahlen mit Kreditkarte? Selbst im kleinen Einkaufsmarkt um die Ecke kein Problem. In das sowjetische Hotel Arctic, dem höchsten Gebäude nördlich des Polarkreises, ist die Hotelkette Azimut eingezogen. Busse mit Oberleitungen mühen sich durch Schlaglöcher, Ampeln mit Countdown ermahnen Fußgänger zur Eile.

Kreuzfahrthafen und Polarlichter

Erst langsam öffnet sich die bis 1991 geschlossene Stadt dem Tourismus. Vor zwei Jahren erhielt sie ebenso wie Sankt Petersburg einen Sonderstatus: Kreuzfahrttouristen benötigen für einen kurzzeitigen Besuch kein Visum mehr. Der schrumpfenden Stadt könnte dies mehr Einkommen bescheren. Reedereien wie etwa Hapag-Lloyd Cruises oder ab 2019 auch die norwegischen Hurtigruten steuern den Hafen auf der Route zum Franz-Joseph-Land im Nordpolarmeer an.

Eine Reisegruppe aus dem Kaukasus sei einmal für die Polarlichter da gewesen, sagt die Besitzerin meines Hotels. "Aber denen ist dann sehr schnell sehr kalt geworden." Minus 20 Grad sind im langen Murmansker Winter die Regel. Besser man komme im Sommer, sagt sie: Die Sonne geht in den "weißen Nächten" nur kurz unter, und der Flieder blüht bunt am Lenin Prospekt.

Um einem Sturzregen zu entfliehen, rette ich mich an den Tresen des Rock'n'Roll-Cafés, das einem Hard Rock Café ähnelt. Eine Gruppe Norweger setzt sich zu mir. Sie bestellen Wodka und erzählen aus ihrem Leben. Ole, ein Fernfahrer, der mir von seinem Deutschland-Besuch vorschwärmt. Arvid, ein Geschäftsmann, der einen russisch-norwegischen Technologie- und Wirtschaftspark in der Nähe aufbauen sollte. Dann kamen die Sanktionen, das Projekt zerschlug sich, Arvid soll nun den Park abwickeln.

Fast jeder von ihnen war schon einmal mit einer Russin verheiratet. Wobei die Betonung auf "war" liegt - am Ende sei der Unterschied zwischen Ost und West doch zu groß gewesen, sagen sie. Als eine weitere Wodka-Runde ansteht, flüchte ich zurück in mein Hotel.

Nein, die Stadt ist keine Schönheit. Aber sie hat etwas Ehrliches und Sympathisches. Sie hat nicht den Prunk eines Sankt Petersburgs, nicht die Eleganz eines Stockholms. Und doch bleibt sie mir auf meiner Rundreise durch Nordeuropa nachhaltig in Erinnerung.

insgesamt 2 Beiträge
quark2@mailinator.com 12.07.2018
1.
Landkarte fehlt mal wieder ... Ansonsten danke für den Artikel. Vielleicht kann man noch hinzufügen, daß da oben ein großer Teil der Geleitzüge im 2.WK ankamen und daher dort extrem hart gekämpft wurde, da DE versuchte, den [...]
Landkarte fehlt mal wieder ... Ansonsten danke für den Artikel. Vielleicht kann man noch hinzufügen, daß da oben ein großer Teil der Geleitzüge im 2.WK ankamen und daher dort extrem hart gekämpft wurde, da DE versuchte, den Zugang abzuschneiden. Und die Lenin war natürlich der erste atomare und lange Zeit stärkste Eisbrecher der Welt, der den Zugang zur Arktis z.T. in ein neues Licht rückte. Interessante Ecke dort.
luke2308 12.07.2018
2. Sonne
Wenn die Stadt 500 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt, wird es im Sommer auch Nächte geben, in denen die Sonne gar nicht unter geht...
Wenn die Stadt 500 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt, wird es im Sommer auch Nächte geben, in denen die Sonne gar nicht unter geht...
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP