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Reise

Torngat-Mountains-Nationalpark in Labrador

Torngarsok! Ein Eisbär!

Der äußerste Norden von Labrador gehört zu den unwirtlichsten Gegenden der Welt. Für die Inuit aber waren die Torngat Mountains bis zu ihrer Zwangsumsiedlung viele Jahrtausende lang Heimat. Nun kehren sie zurück.

Ole Helmhausen
Von Ole Helmhausen
Samstag, 11.08.2018   06:36 Uhr

Sein Ziel: ein Stück Fell in 1,40 Meter Höhe, das er mit dem Fuß treffen muss, um danach auf diesem wieder zu landen. Der Name des Inuit-Spiels: "One Foot High Kick". Der Spieler: ein Besucher aus British Columbia. Der Ort des Wettkampfs: ein gut gefülltes Zelt im Basiscamp des Torngat-Mountains-Nationalparks, im Norden Labradors. Wissenschaftler aus dem Süden, Inuit, eine Handvoll Touristen - sie alle jauchzen auf, als der Mann sein Ziel trifft.

Eine halbe Stunde und fünf Runden später ist nur er noch im Rennen. Gespannte Stille. Das Fell hängt jetzt 1,80 Meter hoch. Drei große Schritte Anlauf, der Absprung und - seine große Zehe verfehlt das Fell knapp. Beim Landen verliert er das Gleichgewicht und fällt auf den Schoß einer der Köchinnen. Das Zelt tobt.

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Torngat Mountains National Park: Land der Ahnen, Sitz der Geister

Dies ist kein normaler kanadischer Nationalpark. Hier, im Norden der autonomen Inuit-Region Nunatsiavut, lernen Besucher vor allem Menschen kennen: die Ureinwohner, deren Vorfahren auf den Wanderrouten von Karibus, Eisbären und Walen durch die arktische Landschaft zogen. Die Nunatsiavummiut wurden 1959 in Städte wie Nain, Hopedale und Makkovik zwangsumgesiedelt. Erst 2005 wurde ihnen das Land wieder zugesprochen. Seit 2008 ist das 9700 Quadratkilometer große Gebiet Nationalpark, von Inuit und Parks Canada gemeinsam gemanagt.

Torngat Mountains, Sitz der Geister

Im Torngat-Mountains-Nationalpark gibt es keine Straßen. Und wer nach einem 600-Kilometer-Flug mit einer Twin Otter auf dem Saglek Airport landet, muss noch 20 Minuten Schlauchbootfahrt bis zum Camp am Ende der Saglek Bay überstehen. Im Schatten der 600 Meter hohen Küstenberge tanzen die Boote auf hohen Wellen. Eisberge liegen in Buchten, auf Felsplatten über der Brandung dösen Seehunde. Fast 1000 Meter hohe Klippen ragen in einer der schroffsten, unheimlichsten Landschaften der Welt empor.

"Welcome!", begrüßt der Parks-Canada-Superintendent Gary Baikie neue Gäste im Torngat Mountains Base Camp und strahlt. "Unser Camp dient als Forschungsstation und Ausgangspunkt für Bootstouren in den Park und zu unseren historischen Stätten." Für Touristen ist das kleine Dorf aus Zelten, Glasfiber-Iglus, Containern und einem flachen Hauptgebäude nur für wenige Wochen geöffnet - dieses Jahr noch bis zum 1. September.

Baikie stammt aus Nain und ist wie fast alle Parkangestellte Nunatsiavummiut. Er lächelt und nickt zu den Bergen hinüber. An den Hängen hat die Erosion Taschen und Kerben hinterlassen, die die untergehende Sonne jetzt mit Tausenden von Schattierungen füllt. "Es ist surreal, hier arbeiten zu dürfen und auch noch dafür bezahlt zu werden. Ich liebe dieses Land."

Im Park selbst gibt es weder Unterkünfte noch Trails. Bei gutem Wetter werden vom Camp aus Tageswanderungen unternommen, Rundflüge mit dem Hubschrauber und Bootstouren. So wie die zum Saglek-Fjord mit einem der beiden Motorboote der Station. Boonie Merkuratsuk lehnt ihr Gewehr an die Reling. Die stämmige Jägerin wohnt in Süd-Labrador und arbeitet im Camp als Bear Guide. Sie erzählt, wie ihre Eltern in den Fjorden einst Füchse fingen und dass sie selbst hier ihren Seelenfrieden findet: "Ich fühle mich hier zu Hause."

Später, als das Boot zwischen den dunklen Wänden des North Arm ankert, wacht Merkuratsuk von einer kleinen Anhöhe aus über die Besuchergruppe, die am Strand frisch gefangenen Saibling über einem Feuer brät. Vom Meer ziehen Regenwolken herein und vermischen sich mit dem Nebel im Fjord zu einem zarten Schleier, der im Wind sanft hin und her wabert. Die Jägerin schaut lange zu.

"Ich spüre die Anwesenheit der Ahnen. Deshalb fühle ich mich hier nie allein", sagt sie. "Ich hoffe, das alles irgendwann meinen Enkeln zeigen zu können." Der Name der Berge, Torngat, heißt in der Inuit-Sprache Inuktitut: Sitz der Geister. Einst zogen Schamanen in das bis zu 1650 Meter hohe Gebirge, um mit ihren verstorbenen Vorfahren zu kommunizieren.

Mächtig sei er und manchmal richtig fies

In der Cafeteria im Haupthaus, ein Mittelding aus Wartesaal und Betriebskantine, lassen die 70-jährige Sophie Keelan und ihre Freundinnen die Inuit-Spiele vom Vorabend Revue passieren. Die jungen Frauen in der Runde wollen wissen, ob der leider, leider schon vergebene High-Kick-Sieger nach traditionellem Recht Anspruch auf eine Zweitfrau habe. "Ich glaube schon", sagt Keelan und lächelt. "Aber dann braucht der Arme jede Menge Viagra."

Keelan und ihr daneben sitzender Cousin John Jararuse betreuen gemeinsam mit Parks Canada Jugendliche aus den Inuit-Siedlungen im Süden. Hier im Camp erzählen sie den von Drogen, Alkoholmissbrauch und Selbstmord bedrohten Teenagern von ihrer Heimat Nunatsiavut, in der sie zur Welt kamen und die sie 1959 verlassen mussten. Sie erzählen von einer Zeit, als sie dachten, die einzigen Menschen auf der Welt zu sein.

Und dann nehmen sie die Jugendlichen, die noch nie wirklich in der Wildnis im Norden waren, von hier aus mit in die Torngat Mountains, um sie die Schönheit Nunatsiavuts spüren zu lassen. Oder zur Insel Sallikuluk, die Sophie Keelan und Gary Baikie auch Touristen zeigen und die am Eingang zur Saglek Bay liegt. "Die Gewässer ringsum waren früher voll von Seehunden, Walrössern und Walen", sagt Keelan, "An den flachen Ufern der Insel ließen sich ihre Kadaver hervorragend an Land ziehen und verarbeiten."

Sallikuluk ist für die Nunatsiavummiut besonders wichtig, da hier über 700 ihrer Vorfahren bestattet sind. "Zwischen 1969 und 1971 entfernte ein Paläontologe die Überreste von 113 meiner Landsleute für seine Doktorarbeit", sagt Baikie, während die Gruppe ihm über die mit Gras, Alpenrosen und dicken Moosteppichen bedeckte Insel folgt. "Erst Ende der Neunzigerjahre konnten wir sie zurückbringen und würdig bestatten." Die von den Ältesten ausgesuchte Stelle liegt auf einer schmalen Landzunge und blickt aufs offene Meer hinaus.

Als die Boote wieder Kurs auf das Basiscamp nehmen, geht ein Eisbär auf Sallikulluk an Land. Mit drei, vier mächtigen Sätzen überwindet er die großen Felsbrocken in der Brandung und verschwindet. "Torngarsok!", sagt der sonst wortkarge Skipper, ein bulliger Mann namens Joseph. Torngasok sei der Geist des Meeres. Mächtig sei er und manchmal richtig fies. Am liebsten nehme er die Gestalt eines Eisbären an, um die Menschen heimzusuchen. Gegen den heutigen Besuch auf Sallikulluk hatte er wohl nichts einzuwenden.

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