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Reise

Manaslu-Trek im Himalaya

13 Tage um den achthöchsten Berg der Welt

Noch gilt die Tour rund um den 8163 Meter hohen Manaslu eher als Geheimtipp. Und in Nepal als lohnende Alternative zur überlaufenen Annapurna-Runde. Doch eine neue Straße nach Tibet könnte den Boom bald beenden.

Florian Sanktjohanser/dpa-tmn
Dienstag, 05.06.2018   15:25 Uhr

Auf der Hängebrücke ist Rushhour. Eine Maultierkarawane nach der anderen trottet über das wackelige Metallgitter hoch über der Schlucht Buri Gandaki, beladen mit Säcken und Gasflaschen. Hinter ihnen schwingen ihre Antreiber die Peitsche.

Die jungen Männer lächeln und grüßen nicht. Vielleicht weil sie wissen: Ohne sie geht nichts. So ist es seit Jahrhunderten in diesem abgelegenen Tal Nepals an der Grenze zu Tibet. Aber bald könnten die Mulitreiber arbeitslos sein - und die kurze Blütezeit der Manaslu-Runde schon wieder enden.

Die Trekkingtour um den achthöchsten Berg der Welt wird noch immer als Geheimtipp gehandelt. Mindestens genauso schön wie die Annapurna-Runde, sagen Kenner, aber viel weniger Touristen. Die Region wurde erst 1991 für ausländische Besucher geöffnet und wandelt sich stetig: "Diese Straße gab es letztes Jahr noch nicht", sagt Aung Phuri Sherpa, als wir im Dorf Soti Khola auf einer zerfurchten Erdpiste losgehen. Der alte Weg verläuft unterhalb.

Fotostrecke

Trek: Einmal um den 8163 Meter hohen Manaslu

Sherpa, 57, war sein halbes Leben Wanderführer. Das gebrochene Englisch hat er sich auf vielen Himalaya-Touren selbst beigebracht. Allein um den Manaslu ist er mindestens zehnmal gewandert, die 13 Tage sind ein Spaziergang für ihn. Der Rundweg entlang des Buri-Gandaki-Flusses ist ein alter Handelspfad, auf ihm zogen früher die Yak-Karawanen nach Tibet. Auch die Gurung, die heute hier leben, kamen einst aus Tibet. Frauen in bunten Saris mit mehreren Nasenringen kommen uns entgegen, ein Mann trägt eine alte Frau im Korb auf dem Rücken.

Cola in den Dörfern

Vor rund zehn Jahren wurden die ersten Lodges entlang der Manaslu-Runde gebaut, seitdem habe die Zahl der Touristen konstant zugenommen, sagt Sherpa. Vor ihre Läden haben die Dorfbewohner Tische und Bänke gestellt, in Wassereimern kühlen Cola und Limonade. "Hier finden die jungen Leute ein Auskommen und müssen nicht nach Arabien gehen." Einen Arzt gebe es jedoch im ganzen Tal nicht, das nächste Krankenhaus sei mehrere Tagesmärsche entfernt.

Nepals Regierung plant nun, die Straße bis Samagaun zu verlängern. Die ersten fünf Etappen würden dann entlang einer Fernstraße führen, über die Lastwagen rollen. Mit der stillen Idylle wäre es vorbei. Vielleicht weichen die Wanderer dann aufs andere Ufer aus, so wie auf der Annapurna-Runde? Oder sie fahren einfach durch die tiefer gelegenen Dörfer und beginnen die Tour weiter oben?

All dies wäre schade. Die ersten Etappen sind lang, aber extrem schön. Mal verengt sich die Schlucht zu einer Klamm, mal weitet sie sich zu einem Kessel, terrassiert bis hinauf zu den grünen Graten der Berge. Wir wandern im Kiesbett neben dem Fluss, steigen Steintreppen hinauf, queren Hängebrücken - und kommen jeden Abend erschöpft in einer Lodge an.

Die Herbergen sind leicht zu finden, im Gegensatz zu den schlichten Holz- und Steinhäusern der Bauern sind sie bunt angepinselt. In fast jedem Dorf wird an einem weiteren Rohbau gewerkelt. Schilder werben mit "Wel-Come", "good food", "hot shower" und natürlich mit "Wifi". Aber auf heiße Duschen und WLAN sollte man eher nicht hoffen. Und die Toilette ist oft nur ein Loch im Betonboden.

Abends in Namrung reden wir mit einem Wirt über die neue Straße. "Es gibt zwei Parteien", sagt Tsering Uangduang, 57. "Die Bauern befürworten die Straße, weil sie leichter ihre Ernte verkaufen und Reis und anderes kaufen können. Die Lodge-Betreiber dagegen fürchten um ihr Geschäft." Aber bis die Straße fertig ist, glaubt er, werde es ohnehin noch 10 bis 15 Jahre dauern.

Trance bei Trommeln und Schneckenhörnern

Ein Manistein, ein vier Meter hoher Turm aus Steinplatten, markiert den Übergang zu den tibetisch geprägten Dörfern. In manche Platten sind Buddhas eingemeißelt, in andere "Om mani padme hum", das Mantra von Tibets Schutzpatron Bodhisattva Avalokiteshvara. In Lho thront ein Kloster auf einem Hügel über dem Dorf. Die Ribung Gompa wurde beim Erdbeben von 2015 beschädigt, alle 70 Mönche mussten in Kathmandu unterschlüpfen. Jetzt stehen rings um das Haupthaus neue Gebäude aus hellem Holz für die Klosterschüler.

Monotoner Gesang lockt ins farbenprächtige Innere. In langen Reihen sitzen Mönche in purpurnen Gewändern auf Teppichen und wiegen sich wie in Trance zum Gesang, begleitet von Trommeln, Glocken, Becken. Manche klöppeln Minitrommeln mit der Drehung des Handgelenks. Plötzlich tröten frenetische Gyaling-Oboen und Schneckenhörner. "So etwas gibt es nicht jeden Tag", erklärt Sherpa später. "Gestern ist jemand im Dorf gestorben."

So beeindruckend das Kloster war, am nächsten Morgen ist es nur noch Statist. Denn hinter ihm glüht der kantige, doppelt gehörnte Manaslu in einem wolkenlosen Himmel. 8163 Meter misst der "Berg der Seele". Und rechts daneben leuchtet, fast ebenso erhaben, der Naike.

Unterhalb des Basislagers, von dem aus 1956 die japanischen Erstbesteiger des Manaslu starteten, wandern wir weiter, vorbei an langen Mauern, Gebetsmühlen, Birkenwald und grasenden Yaks. Spätestens beim Anstieg nach Samdo spüren wir die Höhe. Es ist das letzte Dorf vor dem Pass, das ganzjährig bewohnt ist. Selbst hier, auf 3860 Metern Höhe, gibt es noch Erdnussbutter und Schokoriegel zu kaufen. Und natürlich Bier, das aus China kommt. Wir müssen uns zu dritt mit unseren Rucksäcken in ein fensterloses Zimmerchen quetschen, es ist kalt.

Höhepunkt Passüberquerung

All das ist vergessen, als wir zwei Tage später vor dem Pass am Zeltlager Larke Bazar auf 4460 Metern Höhe ankommen, in einem grandiosen Amphitheater aus Fels und Eis. In einem langen Steinhaus wird abends das Essen serviert. Am Tisch drängen sich im Funzellicht zweier Glühbirnen an die Hundert Wanderer.

Am nächsten Morgen steigen wir unter einem fantastischen Sternenhimmel über eine Moräne auf. Langsam, Schritt für Schritt. Lichtkegel von Stirnlampen flackern über Geröll und Felsen. Als wir einen Gletschersee passieren, färbt sich der Himmel rosa. Bald glühen die ersten Gipfel rot. Kein Wind weht, keine Wolke steht am stahlblauen Himmel. Gebetsfahnen kündigen die Passhöhe an. Gruppenfotos auf 5135 Metern Höhe, alle strahlen.

Steil geht es wieder hinab, vorbei an den Eisflanken der Annapurna-Gruppe. Bald hängen Bartflechten an jedem Ast der Birken und Rhododendren, rauschen türkise Flüsse. Über einen knieschonend sanften Waldweg wandern wir um die Rückseite des Manaslu-Massivs, der Blick durch die gelben Blätter der Rhododendren ist großartig. Und das Hotel am letzten Abend hat tatsächlich: heißes Wasser. Ein Palast!

Florian Sanktjohanser, dpa/abl

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