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Reise

"Spiegel Grove" in Florida

Abenteuerspielplatz für Tauchtouristen

Finstere Bullaugen, Korallen und Riesenzackenbarsche - künstliche Schiffswracks sind für Taucher eine spannende Alternative zu natürlichen Riffen. Doch das Versenken von Schiffen ist umstritten.

TMN
Dienstag, 08.05.2018   14:15 Uhr

Ein Seil weist den Weg in die Tiefe, Hand für Hand ziehen sich die Taucher abwärts. Die karibische See ist ruhig an diesem Tag, keine Strömung. Unten, am Ende des Seils, schält sich ein riesiger Schatten aus dem trüben Blau: die "Spiegel Grove", 155 Meter lang, eines der berühmtesten Wracks der Welt.

Dis US-Amerikaner versenkten das Landungsschiff der US-Navy selbst, zehn Kilometer vor Key Largo. Das Wrack sollte zum Lebensraum für Korallen und Fische werden - und zum Abenteuerspielplatz für Tauchtouristen. Denn die Florida Keys brauchten dringend neue Attraktionen unter Wasser.

Seit den 1970er-Jahren ist der Korallenteppich des drittgrößten Barriereriffs der Welt, das sich vor der Inselkette erstreckt, drastisch geschwunden: Abwasser aus der Landwirtschaft und den wachsenden Städten düngten die Algen. Diese überwucherten die Korallen und ersticken sie. Dazu kamen Krankheiten, Korallenbleichen, Tropenstürme - und der Tourismus. Lange warfen Boote ihre Anker einfach ins Riff und rissen Schneisen hinein. Taucher rupften Korallen heraus und nahmen sie als Andenken mit nach Hause.

Der Florida Shipwreck Trail

Schon früh setzte man deshalb auf künstliche Attraktionen. Seit gut 50 Jahren steht eine zweieinhalb Meter große Christusstatue auf dem Meeresgrund, mittlerweile von Feuerkorallen bewachsen. In den Achtziger-Jahren wurden die "Duane" und die "Bibb" versenkt, Boote der Küstenwache. Für viele Jahre war die "Duane" das meist betauchte Wrack der Welt. Zusammen mit acht anderen Wracks bildet sie den Florida Shipwreck Trail.

Die "Spiegel Grove" wurde erst 2002 versenkt. Beim Sinken kam es zu Problemen, sie drehte sich kopfüber und landete schließlich auf ihrer Steuerbord-Seite - bis Hurrikan "Dennis" sie 2005 wieder perfekt aufrichtete.

"Der Sturm reparierte die Fehler der Menschen", sagt Yariem Hernandez Aguilá. Der 41-jährige Kubaner, den alle nur Aqua nennen, ist Tauchlehrer in Key Largo. Er taucht der Gruppe voraus, an einem Turm hinab, dessen rostbrauner Stahl verkrustet ist mit Korallen und Schwämmen. Zwei Fledermausfische schauen um die Ecke, ein Kaiserfisch zieht seelenruhig vorbei. Die Gruppe sinkt immer tiefer, 25 Meter, 30 Meter. Bis Hernandez Aguilá unter eine Plattform schwimmt, die der Helikopter-Landeplatz des Schiffs war.

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Tauchtourist Sean Mordhorst kennt diesen Teil des Schiffs gut: "Ich habe früher auf einem ähnlichen Schiff als Hubschrauberpilot gedient. Die 'Spiegel Grove' ist etwas Besonderes für mich." Irgendwann möchte er ins Innere tauchen. Dafür braucht man allerdings einen speziellen Wracktaucherschein.

Bodenloses Dunkel

Hernandez Aguilá quert das Vorschiff, vorbei an riesigen Winden und einem Ausguck, an dem eine US-Fahne hängt. Er schwebt an der Schiffswand entlang, die in einem bodenlosen Dunkel verschwindet. Das Wasser ist trüb, die Stimmung gespenstisch. Unter einem Überhang lauert ein Riesenzackenbarsch. Immer wieder öffnen sich finstere Luken und Bullaugen. Der Kegel der Taschenlampe fällt auf eine Plakette, darauf eine Namensliste: die Spender, die das Versenken ermöglicht haben.

Ein Schiff als künstliches Riff auf den Meeresboden zu setzen, ist teuer. Und kompliziert. Ein Jahrzehnt lang stritt Joseph Weatherby, der Chef der Firma Artificial Reefs International, mit 18 Behörden um das bisher größte Projekt dieser Art: Der Versenkung des Truppentransporters, Flüchtlings- und Spionageschiffs "Vandenberg". Zahlreiche Auflagen waren zu erfüllen: "Wir mussten nachweisen, dass unser Plan funktionieren würde", sagt Weatherby. Am Ende ließ eine Firma, die normalerweise Bürotürme und Stadien sprengt, das Schiff im Jahr 2009 in wenigen Minuten gleichmäßig sinken.

Aus aller Welt strömten die Taucher herbei. "Die 'Vandenberg' brachte einen Boom für die ganzen Keys", sagt Rob Holston, Gründer der Tauchschule Dive Key West. "Denn viele Gäste tauchten auch an anderen Riffen und Wracks."

"Mehr Lebensraum, mehr Fische"

Dennoch ist das Versenken von Schiffen bis heute umstritten. Gegner kritisieren, dass das Meer vermüllt werde. "Aber Wracks sind seit den Phöniziern Teil der Unterwasserlandschaft", sagt Weatherby. Schon Alexander der Große ließ Schiffe versenken - freilich aus militärischen Gründen. Ein anderes Gegenargument ist, dass die Artenvielfalt an natürlichen Riffen leide, weil ein Wrack Fische abziehe. Weatherby hält auch das für falsch: "Mehr Lebensraum, mehr Fische", sagt er.

Eine Sandbank hebt die "Vandenberg" vom Grund ab, es gibt viel Licht und wenig Schwebstoffe, und die Kajüten und Lagerräume bieten jede Menge Nischen und Schutz vor Räubern. Schon nach einer Stunde seien Hunderte Delfine durch das Wrack geschwommen, sagt Tauchschulengründer Holston. "Als wenn sie ein neues Spielzeug hätten." Schnell siedelten sich die ersten Weichkorallen auf dem Stahl an, später folgten Hartkorallen.

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Heute hat die "Vandenberg" eine ähnliche Artenvielfalt wie ein natürliches Riff, fanden Forscher der Organisation Reef in einer dreijährigen Studie heraus. "Wracks werden besser mit dem Alter", sagt Weatherby. "Wie guter Wein."

Florian Sanktjohanser, dpa/bbr

insgesamt 2 Beiträge
Grummelchen321 08.05.2018
1. Es kommt
darauf an,ob alle giftigen oder schädlichen stoffe vorher entfernt wurden.New york hatte hunderte U Bahnwaggons nur versenkt weil die Entsorgung der mit Asbest ausgekleideten Wagen zu aufwendig und teuer war. [...]
darauf an,ob alle giftigen oder schädlichen stoffe vorher entfernt wurden.New york hatte hunderte U Bahnwaggons nur versenkt weil die Entsorgung der mit Asbest ausgekleideten Wagen zu aufwendig und teuer war. https://www.bild.de/news/ausland/new-york/ausrangierte-u-bahn-wagen-werden-im-atlantik-versenkt-39545176.bild.html https://de.wikipedia.org/wiki/Redbird_Reef
halverhahn 10.05.2018
2. Werter Florian, wer sagt das Gegenargument?
Hier wird nur lakonisch geschrieben, dass Gegner von diesen versenkten Wracks/künstlichen Riffen anführen, dass Fische von bereits bestehenden Riffen „abgezogen“ werden... Wer genau sagt denn das??? Und ich drücke es noch [...]
Hier wird nur lakonisch geschrieben, dass Gegner von diesen versenkten Wracks/künstlichen Riffen anführen, dass Fische von bereits bestehenden Riffen „abgezogen“ werden... Wer genau sagt denn das??? Und ich drücke es noch etwas schärfer aus... wer erzählt so einen Schwachsinn? Viele Riffbewohner sind standorttreu. Soll heißen, die bleiben grundsätzlich dort, wo sie sich einmal angesiedelt haben. Und speziell neu gebildete Riffe dienen vielen anderen Meeresbewohnern als Kinderstube. Und wandern erst im adulten Stadium ggf mal woanders hin. Ergo sind neue/neu entstehende Riffe stets ein Gewinn in Punkto Quantität als auch hinsichtlich Qualität für die unterseeische Flora und Fauna. Egal ob künstlich angelegte oder natürlich entstandene Riffe.

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