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Reise

Hanns-Josef Ortheil über Paris

"Ohne Notizbuch ziehe ich nicht los"

Die alten Viertel von Paris haben schon immer Künstler angezogen. In seinem neuen Buch streift Hanns-Josef Ortheil durch die Gassen - hier erklärt er, wie Stift und Notizbuch den Fotoapparat ersetzen.

AFP
Ein Interview von Anne Haeming
Samstag, 04.11.2017   10:15 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Ortheil, Paris ist die Stadt der Flaneure. Was mögen Sie am Schlendern denn so?

Hanns-Josef Ortheil: Ich flaniere nicht. Flanieren ist aus meiner Sicht eher geschmäcklerisches Sammeln. Mich interessiert wirklich alles - mit dem Smartphone und Google Map in der Hand unterwegs zu sein statt mit einem Faltplan, ist daher wirklich phantastisch. Zu jeder kleinen Gasse, in die ich abbiege, bekomme ich mehr Information. Wenn ich durch eine Stadt gehe, möchte ich jede Farbe, jeden Geruch tiefer ergründen, um die versteckten Schichten an Historie zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Viele erwarten sich von Reisen Neues. Sie aber durchstreifen in Ihrem Buch über Paris nur das Quartier Latin und das Viertel Saint-Germain-des-Prés im 5. und 6. Arrondissement, die Sie in- und auswendig kennen. Wieso?

Ortheil: Den Impuls für das Buch hatte ich nach den großen Attentaten. Damals sagten viele Pariser, der Terror könne das alte Paris mit seiner Tradition nicht zerstören. Also machte ich mich auf ins uralte Herz der Stadt, dem 5. und 6. Arrondissement. Ich wollte zeigen, was dieses Paris für Europa bedeutet, wollte die Vergangenheit in der Gegenwart zeigen. Die beiden Viertel stehen für das Zentrum der Moderne, an ihnen lässt sich ablesen, dass diese Stadt schon immer Avantgarde war.

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Hanns-Josef Ortheil über sein Buch: Im alten Herzen von Paris

SPIEGEL ONLINE: Die beiden Bezirke im "Paris, links der Seine", so Ihr Buchtitel, sind die ältesten der Stadt. Abgesehen vom römischen Amphitheater Arène de Lutece - woran kann man das noch erkennen?

Ortheil: Etwa an den vielen Fakultäten rund um Sorbonne, Collège de France und Collège des Bernardins, die dort seit dem Mittelalter sind - und für alle offen. Schon damals vertraten die theologischen Fakultäten der Collèges anti-scholastische Ansätze. Und heute bekommt man im Eingang einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem alle Vorlesungen des Tages aufgelistet sind. Man könnte also etwas über Astronomie in China lernen und dann im Café des Collège des Bernardins in einem der größten ehemaligen Speisesäle der Stadt eine Pause machen. Grandios!

SPIEGEL ONLINE: Dem Rive Gauche mit den Intellektuellenzirkeln rund um Picasso oder Toulouse-Lautrec hat Woody Allen mit "Midnight in Paris" einen Film gewidmet. Wie fanden Sie den?

Ortheil: Der Film ist grauenvoll. Er hat nichts damit zu tun, wofür dieser Stadtteil steht. Ein langweiliger Versuch, nostalgisch zu sein. Nostalgie ist wirklich überhaupt nicht meine Sache. Sehnsucht nach Vergangenheit finde ich peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Das Pendant von heute sind wohl eher die Viertel Belleville und Ménilmontant im Osten, nicht wahr?

Ortheil: Das ändert sich schon wieder. Ich war überrascht, wie viele junge Künstler im 5. und 6. präsent sind, mit vielen habe ich mich angefreundet. Diese Gegend als Zentrum der Künste reinkarniert sich in Wellen alle 20 Jahre, heute finden sich überall offene Ateliers.

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Hanns-Josef Ortheil:
Paris, links der Seine

Insel Verlag; 320 Seiten; September 2017; 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste Parisreise 1965 begann mit einem Erweckungserlebnis: Sie saßen in einem Café auf der Place de la Contrescarpe, schlugen Hemingways "Paris, ein Fest fürs Leben" auf und stellten fest: Das erste Kapitel spielt genau dort. Auch in Ihrem neuen Buch folgen Sie auf Ihren Streifzügen Hemingway und den Paris-Skizzen des Semiotikers Roland Barthes. Was lernten Sie von den beiden?

Ortheil: Vor allem das Beobachten. Beide haben nie fotografiert, sondern alles unterwegs mit Bleistift festgehalten, in Skizzen, Fragmenten - so wie ich. Sie sind für mich die Väter dieser Art der Wahrnehmung. Ich habe schon als Elfjähriger damit angefangen, auf Reisen mit meinem Vater an die Mosel und nach Berlin, dann auf dem Trip nach Paris. Im Prinzip ist mein Schreibmodus bis heute der gleiche wie damals, nur verfeinert.

SPIEGEL ONLINE: Also Notizbuch in der Hand, Stift in der anderen?

Ortheil: Ja, ich trage immer ein klassisches kleines Notizbuch bei mir. Ich beobachte so viel, dass mir fast schlecht wird, ich geradezu überquelle. Deshalb suche ich mir in regelmäßigen Abständen eine ruhige Ecke - das muss kein Café sein, eine Bank reicht. Alles aufzuschreiben geht rasend schnell, vielleicht 30 Minuten - je nach Modus in unterschiedlichen Farben.

SPIEGEL ONLINE: Und wofür stehen die Farben?

Ortheil: In Schwarz markiere ich das fortlaufende Gehen, das, was ich in einem Fluss wahrnehme. In Rot notiere ich einzelne Augenblicke und Personen. Und in Grün akustische Momente. Dafür ist auch das Smartphone wunderbar: Ich nehme regelmäßig Geräuschkulissen und Dialoge damit auf. Mein Medienfundus ist viel zu groß für so ein kleines Buch, eigentlich müsste ich das alles einmal als Ausstellung präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch mal ohne Notizblock unterwegs?

Ortheil: Zwei Tage könnte ich vielleicht aussetzen, aber länger wirklich nicht. Das wäre doch unheimlich langweilig. In meinem Kopf sammelt sich so viel an, das muss raus. So wie eine Hirnverklumpung, die Eindrücke aufzuschreiben gleicht einer Entleerung.

SPIEGEL ONLINE: Sie telefonieren jetzt von einem Café von Venedig aus. Was haben Sie heute schon aufgeschrieben?

Ortheil: In Rot habe ich mir eine absolute Besonderheit notiert: Die Vaporetti streiken - nichts geht mehr auf dem Wasser. Die Stadt ist in kompletter Diffusion. Die Touristen wissen nicht, was los ist, stehen in großen Gruppen herum und werden belehrt. So ein Moment ist wirklich rar.

insgesamt 5 Beiträge
AvD 04.11.2017
1.
Eine absolute Besonderheit in Venedig- die Vaporetti streiken-LOLZ. Ich bin dort alle zwei Jahre ca. eine Woche für die Biennale und das passiert bei geschätzt jedem dritten bis vierten Besuch.
Eine absolute Besonderheit in Venedig- die Vaporetti streiken-LOLZ. Ich bin dort alle zwei Jahre ca. eine Woche für die Biennale und das passiert bei geschätzt jedem dritten bis vierten Besuch.
Newspeak 04.11.2017
2. ...
Ach, diese Reiseliteratur. Er mag also keine Nostalgie, geht aber gerade in die nostalgischsten Stadtteile. Er mag lieber Bleistiftnotizen und -skizzen, und veroeffentlicht einen Bildband. Das ist mir alles zu [...]
Ach, diese Reiseliteratur. Er mag also keine Nostalgie, geht aber gerade in die nostalgischsten Stadtteile. Er mag lieber Bleistiftnotizen und -skizzen, und veroeffentlicht einen Bildband. Das ist mir alles zu widerspruechlich und bildungsbuergerisch. Ich glaube, das Ideal der universellen Bildung der Aufklaerung ist irgendwo verlorengegangen und das, was wir heute sehen, was uns als dies erscheint, ist nur ein fader Abglanz dessen, was damit urspruenglich gemeint war. Bildung, um die Welt zu verstehen, nicht als nobler Selbstzweck. Erfahrungen, die man selbst macht, und nicht in Stellvertretung und als Wiederauffuehrung der Erlebnisse von Grossen Geistern der Vergangenheit. Und selbst wenn man alle Plaetze aufsucht, die Hemingway einst besucht hat, seine Literatur am Originalort liest, sich in vergangene Zeiten imaginiert, wird man doch Hemingway deshalb nicht besser verstehen. Nichts als Illusionen.
Japhyryder 04.11.2017
3. Ortheil / Paris & Co.
Alles negativ. Alles lohnt sich nicht. Man möchte den Kopf irgendwo auf einer Tischplatte ablegen und vor lauter Trübsal einfach nur einschlafen. - NEIN! Was der Mann macht ist seine Sache! Er geht aufmerksam und neugierig durch [...]
Alles negativ. Alles lohnt sich nicht. Man möchte den Kopf irgendwo auf einer Tischplatte ablegen und vor lauter Trübsal einfach nur einschlafen. - NEIN! Was der Mann macht ist seine Sache! Er geht aufmerksam und neugierig durch die Welt und macht sich Notizen. Und verarbeit diese zu Büchern. Ich finde das superklasse! DER MACHT WENIGSTEN WAS!!!
Newspeak 04.11.2017
4. ...
Ja, er produziert dieselbe gepflegte Langeweile, wie zig andere Aktionisten auch. Seine Sache waere es, wenn er es nicht vermarkten wuerde. Aber er will ja damit Geld verdienen und Anerkennung bekommen. Also kann er sich auch [...]
Zitat von JaphyryderAlles negativ. Alles lohnt sich nicht. Man möchte den Kopf irgendwo auf einer Tischplatte ablegen und vor lauter Trübsal einfach nur einschlafen. - NEIN! Was der Mann macht ist seine Sache! Er geht aufmerksam und neugierig durch die Welt und macht sich Notizen. Und verarbeit diese zu Büchern. Ich finde das superklasse! DER MACHT WENIGSTEN WAS!!!
Ja, er produziert dieselbe gepflegte Langeweile, wie zig andere Aktionisten auch. Seine Sache waere es, wenn er es nicht vermarkten wuerde. Aber er will ja damit Geld verdienen und Anerkennung bekommen. Also kann er sich auch der Kritik stellen. Ich finde es nicht superklasse, wenn es das Tausendste Buch Reiseliteratur gibt, die ewige Wiederholung des Gleichen, der ewige Missionarismus derselben selbsternannten Kenner, die sich auf Hemingway berufen muessen, weil sie selbst nicht annaehernd in dieser Klasse spielen. Postmoderne Produktion zukuenftigen Papiermuells.
at.engel 04.11.2017
5.
Genau genommen müsste diese Art von Reiseliteratur nur über Touristen, Tourismus bzw. über Leute, die vom Tourismsus leben, berichten. Denn genau das ist, was heute solche Ecken ausmacht. Der Rest ist pure [...]
Genau genommen müsste diese Art von Reiseliteratur nur über Touristen, Tourismus bzw. über Leute, die vom Tourismsus leben, berichten. Denn genau das ist, was heute solche Ecken ausmacht. Der Rest ist pure Bildungsbürgernostalgie. Man hat ja auch das Gefühl, dass diese Form der Reiseliteratur eigentlich überholt ist - im Internet findet man da schon interessanters. Andererseits suchen natürlich viele auch gar nichts anderes. Würde viel zu viel Zeit kosten... nur, um zu sagen, dass man auch in Paris war?!

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