09.09.2011
Bildband von Yann Arthus-Bertrand
New York, I luv you
Von Julia StanekMidtown, New York. Auf den ersten Blick wirkt die Kreuzung der Fifth Avenue mit der 59. Straße wie jede andere Kreuzung von Manhattan. Quietschgelbe Taxis überholen die anderen Wagen auf der Busspur, Passanten hetzen über den Zebrastreifen, an der Ecke umzingeln ein paar hungrige Städter einen Imbiss, in dem es unter grün-weißen Sonnenschirmen vielleicht Hotdogs, vielleicht Wassereis zu kaufen gibt.
Doch dann kommt der zweite Blick, nennen wir ihn den Yann-Arthus-Bertrand-Blick. Der für seine Luftaufnahmen berühmte französische Fotograf hat sich wieder einmal in den Helikopter gesetzt, um einen Flecken Erde aus der Höhe in Szene zu setzen. Für seinen neuen Bildband "New York von oben", der nur wenige Tage vor dem zehnten Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center erschienen ist, lieferte Manhattan mehr als 170 Motive.
Angesichts der Unterzeile des Bandes - "Eine Architekturgeschichte" - könnte man meinen, dass Arthus-Bertrand es ausschließlich darauf abgesehen hätte, Wolkenkratzer, Brooklyn Bridge, Central Station und Plätze wie den Washington Square aus der Vogelperspektive zu zeigen. Doch wer schon einmal eines der großformatigen Bilderbücher des Fotografen in der Hand hatte, der weiß, dass es ihm auch diesmal um mehr gehen muss als um majestätische Bürotürme und die Raster einer Stadt.
Yann Arthus-Bertrand nimmt den Leser mit auf eine Reise durch New York, zeigt ihm die Freiheitsstatue, schicke Hotels sowie die Wohnhäuser aus den dreißiger Jahren. Doch immer wieder erzählt er mit seinen imposanten Bildern ganz nebenbei die Geschichten der Menschen in dieser großen Stadt: Ob es die Skater sind, die am Hudson River halsbrecherische Tricks hinlegen, oder ein verliebtes Paar, das auf einer Rooftop-Bar Händchen hält. Auf einem Spielplatz hilft ein Familienvater seiner kleinen Tochter auf eine riesige silberne Kugel, auf der Wollmann-Eislaufbahn im Central Park setzt eine Frau auf Kufen zur Pirouette an.
Stundenlang könnte man durch das Buch blättern und immer wieder neue Details entdecken - wie bei den wunderbaren Wimmelbildern von Ali Mitgutsch, die man als Kind gar nicht aus der Hand legen wollte.
Und so kommt es, dass einem beim Betrachten der eingangs erwähnten Kreuzung in Midtown ein Truck auffällt, der über die Straße brettert. Auf seinem Dach erkennt man den aufgesprühten Schriftzug "I luv u". Und schon ist die Phantasie des Betrachters gefragt: Wer hat das darauf gesprüht? Ein Mann? Oder eine Frau? Wem ist die Liebeserklärung gewidmet - und wie sollte er oder sie die lesen? Vielleicht war es ein romantisch veranlagter Truckfahrer, der seiner Liebsten einen Heiratsantrag unter ihrem Fenster machen wollte und deshalb die großen schwarzen Buchstaben auf seinen Laster sprühte?
Eine Antwort hat auch Yann Arthus-Bertrand nicht. Aber seine Fotos liefern den Beweis für das, was Jean-Paul Sartre vor über 60 Jahren beobachtete: "New York offenbart sich erst aus einer gewissen Höhe, aus einer gewissen Distanz, aus einer gewissen Geschwindigkeit."
Mit dieser Idee muss Arthus-Bertrand mit seiner Kameraausrüstung über die Stadt gekreist sein. Von oben fing er die fantastischen und die verstörenden Seiten der Stadt ein.
Natürlich zeigt eins der Fotos auch die klaffende Wunde am Ground Zero, wo einst die Zwillingstürme des World Trade Centers standen. In seinem Vorwort schreibt der Fotograf: "Meinem aus der Vogelperspektive nach unten gerichteten Blick hat die Stadt ihre allerschönsten Seiten und ihre allergrößten Geheimnisse dargeboten, ohne ihre Wunden dabei zu verbergen."

