20.10.2011
Städtetipp Krakau
Lebende Hotdogs, tote Drachen
Herr Szurmant, wo fängt der Tag in Krakau am schönsten an?
Im Café Camelot in der Altstadt. Aber Achtung: Es besteht Gefahr, sich schon beim Frühstück in Tagträumen zu verlieren. Unter einem alten Gewölbe knarren die alten Dielen, hölzerne Figuren blicken von Regalen - schnell geht hier gar nichts. Stattdessen wird man sich die Augen reiben und sein Rührei kalt werden lassen - oder an kalten Herbstabenden sein grzane piwo, heißes Bier mit Honig.
Ist ganz Krakau so verschnarcht?
Verschnarcht nicht, aber schon der Dichter und Essayist Tadeusz Boy-Zelenski (1874 bis 1941) stellte fest: "Nirgendwo lebt man so sehr von der Kraft der Einbildung und so wenig von der Realität wie in Krakau." Seine Worte beschreiben einfach perfekt, was die Stadt ausmacht: Krakau ist eine Märchenstadt, um die sich viele Legenden ranken.
Der unglaublichste Mythos:
Ach, es gibt über beinahe jeden Stein der Altstadt eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen - und außerdem sollen in der Weichsel Piranhas schwimmen. Eine Mär sorgt in der Heimatstadt des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. bei streng gläubigen Katholiken sogar für schlechte Laune: Nach einer unter Hinduisten verbreiteten Lehre warf Gott Shiva sieben magische Steine auf die Erde. Dort, wo sie hinfielen, sollen sich das irdische und das kosmische Chakra kreuzen. Als einer dieser Punkte gilt die Königsburg Wawel. Und so sieht man nicht selten gläubige Hindus, aber auch Esoteriker an ihre Mauern gelehnt. Katholische Touristenführer wollen davon nichts wissen und lenken gerne mal ab, wenn man sie nach dem Grund fragt.
Ein legendäres Mitbringsel aus Krakau ...
... ist ein Drachen - egal ob als Kuscheltier, aus Holz oder Stein, als Aufdruck auf Tassen oder einem T-Shirt. Laut einer Sage wohnte eines der Ungeheuer in einer Höhle unter der Königsburg und suchte die Stadt heim, bis ein Schusterjunge es mit einer List besiegte. Daran erinnert die Drachenstatue unter dem Wawelhügel, die zur Freude von Kindern sogar Feuer speit.
Und das reale Leben, wo spielt sich das in Krakau ab?
Der zum Glück noch nicht totsanierte Stadtteil Kazimierz ist zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber hier tobt wirklich das Leben: In dem jüdischen Viertel reiht sich Café an Kneipe, und es gibt Lokale, in denen man durch Schränke in den nächsten Raum gelangt, auf Singer-Nähmaschinen-Tischchen Tango tanzt oder in ehemaligen Schlafzimmern auf Betten sitzt.
Abends darf man sich in dem Stadtteil, in dem Steven Spielberg seinen Film "Schindlers Liste" drehte, auf keinen Fall ein Klezmerkonzert entgehen lassen. Vor allem wenn die Klezmerlegende Leopold Kozlowski, das Bester Quartet oder der Wahlkrakauer Nigel Kennedy zusammen mit der polnischen Kult-Band Kroke auftritt.
Die Mittagspause hier verbringen:
Zum Picknicken geht's auf die Blonia, eine seit Jahrhunderten unbebaute Wiese im Zentrum, auf der schon im Mittelalter Fußballspiele stattgefunden haben sollen. Für längere Spaziergänge bieten sich die Planty an - das sind Grünflächen, die im 19. Jahrhundert anstelle von Stadtmauern angelegt wurden und wie ein Gürtel einmal um die tropfenförmige Altstadt herumführen.
Bloß nicht ...
... mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren! Das Bus- und Bahnnetz hechelt der boomenden Stadtentwicklung trotz hoher Investitionen arg hinterher. Aber eigentlich macht das nichts, denn die meisten Sehenswürdigkeiten kann man zu Fuß erreichen. Wer unbedingt irgendwo einsteigen möchte, der sollte das Tram Café wählen, eine kleine Straßenbahn, in der die Fahrgäste bei einem Kaffee durch die Stadt kutschiert werden: ein Hauch von "Orient-Express" in Polen.
Was kostet in Krakau eine Dosis Koffein?
Am Marktplatz meistens zu viel, ansonsten bezahlt man für einen ehrlichen schwarzen Kaffee zwischen 4 und 6 Zloty (zwischen 90 Cent und 1,40 Euro). Kaffeesüchtige werden Krakau für seine vielen Cafés lieben. Für Koffeinabstinenzler ist eine goraca czekolada ein Muss - eine dickflüssige, heiße Schokolade. Die beste gibt es wohl im gemütlichen Künstler-Café Nowa Prowincja.
Das sahnigste Eis der Stadt ...
... gibt es ohne jeden Zweifel in der Ulica Starowislna 83. Das unscheinbare Schild mit der Aufschrift "Lody" (Eis) und der Preis von 2 Zloty (0,50 Euro) pro Kugel signalisieren zwar Bescheidenheit - doch die Kundschaft kontert mit Superlativen: Manche reden vom "besten Eis der Galaxis".
Richtig gut sind die Klassiker waniliowe (Vanille, nicht von dieser Welt), kakaowe (Schokolade mit Nüssen und großen Schokostücken), truskawkowe (Erdbeer, sehr sahnig) und bakaliowe (mit Trockenfrüchten und Nüssen). Das nur saisonal von Ende Juni bis Anfang August erhältliche Meisterstück ist aber poziomkowe (mit ganzen frischen Walderdbeeren). Dafür muss man allerdings mit bis zu einer Stunde Vorfreude - sprich Schlangestehen - rechnen.
Welche Wörter muss man in Krakau sonst noch aussprechen können?
Die Polen legen viel Wert auf Höflichkeit: dzien dobry (Guten Tag), do widzenia (Auf Wiedersehen), prosze (bitte) und dziekuje (danke) - viel mehr muss es aber nicht sein, um ein Lächeln auf die Lippen der Polen zu zaubern. Ansonsten keine Angst, von den Jüngeren sprechen fast alle Englisch und gar nicht so wenige Deutsch.
Gibt's nur hier:
Kleiner Hund ganz groß. Für die alljährlich Anfang September stattfindende Dackelparade schlüpfen die Kurzbeiner in Kostüme von Hotdog bis Sagengestalt und marschieren anschließend auf dem Königsweg. Geradezu ein Paradebeispiel für den absurden und ironischen Humor der Polen - eine gehörige Portion Mitgefühl für die Dackel kann man sich nicht verkneifen.
Umsonst und doch unbezahlbar:
Das Treiben auf dem Hauptmarkt verfolgen, morgens, mittags, abends, in der Nacht oder auch einen ganzen Tag lang. Nicht umsonst wurde der Rynek Glówny von einer Nonprofit-Organisation aus den USA zum schönsten Platz der Welt gewählt. Achten sollte man auf die Mimen, Feuerschlucker und Musiker. Hier starten nämlich Weltkarrieren: Die Akkordeon-Irrwische des Motion Trio musizierten sich in wenigen Jahren vom Krakauer Rynek bis in die New Yorker Carnegie Hall.
Schöne Aussichten:
Polenweit gibt es etwa 350 recht eigenwillige Aussichtspunkte in Form von Erdhügeln, die kopce. Seit vorchristlicher Zeit wurden sie aufgeschüttet, in der Regel zum Gedenken an Herrscher oder Feldherren. Einen herrlichen Ausblick über die Stadt bietet der touristisch ausgebaute und vor Patriotismus fast platzende Kopiec Kosciuszki. Wem das Gedenken an den polnischen Nationalhelden Tadeusz Kosciuszko samt Wachsfigurenausstellung weniger zusagt, sollte das Panorama auf dem ruhigeren Kopiec Krakusa genießen.
Das volle Kontrastprogramm zu Krakaus Beschaulichkeit ist ...
...ein Ausflug nach Nowa Huta. Die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh hat so recht: Wer die "fiebrige Schönheit" Krakaus nicht mehr erträgt, sollte sich auf Zeitreise in die sozialistische Trabantenstadt begeben. Einst stolzes Vorzeigeprojekt des Nachkriegs-Stalinismus, hinterlässt der Stadtteil heute zwiespältige Gefühle. Ostalgiker schwärmen von Bauten im Sozialistischen Realismus und Milchbars mit Angebot und Preisen wie vor 30 Jahren. Amerikanische Touristen entdecken auf der Communism Deluxe Tour einen Disneylandkommunismus, während die Anwohner den Ansturm mit einem gelangweilten Achselzucken hinnehmen.
Wohin schicken Sie feierwütige Krakau-Besucher?
Das Nachtleben ist abwechslungsreich, die Kneipendichte beeindruckend, was nicht zuletzt an den 150.000 Studenten liegen dürfte. Wohin vor dem Schlafengehen? Je nach Vorliebe: Geruhsam und edel geht es rund um den Rynek Glówny zu. Urig und romantisch in den Kellerkatakomben der Altstadt. Studentisch, verschwitzt und gayfriendly in den Clubs der dreistöckigen Disco-Location in der Ulica Wielopole 15. Absurd, traumverloren und alternativ ist Kazimierz rund um den Plac Nowy zu. Wenn einen dort der nächtliche Hunger packt, unbedingt eine Zapiekanka essen.
Und was bitte ist eine Zapiekanka?
Das ist ein knusprig-ofenfrisches Baguette. In der Originalvariante sind sie mit Pilzcreme bestrichen, Käse überbacken, Schnittlauch bestreut und in Ketchup ertränkt. Die besten gibt es bei Endzior, der leicht zu finden ist: einfach an die längste Schlange anstellen!
Die Fragen stellte Julia Stanek

