24.04.2012
Nachtleben in London
Exzess, Extravaganz, East End
Von Daniel SanderIn London gelten die Partyregeln jeder großen Stadt: höchstens zwei Bier pro Laden, zwischendurch ein Wasser. Genug Geld mitnehmen oder hübsch genug sein, dass man keins braucht. Drogen sind nicht unbedingt hilfreich. Kokain hält wach, macht aber unsympathisch. Ecstasy macht glücklich, aber debil. Wichtig: den Schwulen folgen. Niemand schaut gern heterosexuellen Männern beim Tanzen zu.
Am besten also, man fängt die Reise in die Nacht in Soho an, Londons Klassiker unter den regenbogenbeflaggten Ausgehvierteln. Schon am frühen Donnerstagabend schieben sich die Feierwilligen durch die Gassen um die Old Compton Street, ein paar hundert Meter vom Piccadilly Circus. Das Madame Jojo's spielt, sehr beliebt in der Gegend, eine Cabaretshow. Conférencier Ophelia Bitz verspricht "Lust, Extravaganz und Freizügigkeit".
Extravaganz kommt zuerst, in Gestalt einer nicht wirklich russischen Ballerina mit rot-weißen Verkehrshüten an den Füßen und schmutzigen Witzen auf der Zunge. Dann ein Karten-Ninja aus Neuseeland, der sich der Tragik bewusst ist, dass sein größtes Talent im zielgenauen Spielkartenwerfen liegt.
Lust und Freizügigkeit soll die Burleske-Tänzerin Mia Merode abdecken, die sehr gut darin ist, die an ihren Brüsten befestigten Puschel kreisen zu lassen. Es ist Trash, und es ist wunderbar. Das Publikum, fast alles Touristen, kreischt. Die Einheimischen ("Es war nicht meine Idee, herzukommen") verstecken sich im hinteren Bereich, können aber nicht vortäuschen, keinen Spaß zu haben.
Soho hat ein Coolness-Problem. Vom einstigen Rotlichtcharme sind ein paar Sexshops übrig, sonst reihen sich schicke Bars und Clubs aneinander wie in einem Party-Disneyland. Überall Touristen. Und, o Gott, der Tod für jede hippe Gegend, Junggesellinnenabschiede.
Die Jüngeren zieht es heute in die Shadow Lounge, einen blauschimmernden Club mit Riesen-Discokugel, in dem schon Elton John gesichtet wurde und Kylie Minogue sogar, wenn man dem Assistenten des Geschäftsführers glaubt. Typische, gleichförmige House-Musik, alles glatt und edel, wie auch im Lo-Profile um die Ecke, nur dass dort alles pink ist und so offensiv schwul, dass sehr viele Heteros da sind, die sich für progressiv halten.
Gäste fordern Exzess
Wer oft genug im Fitnessstudio war, geht rüber ins Miabella, wo Drag Queen Jodie Harsh wie jeden Donnerstag zu ihrer Partyreihe "Room Service" lädt und nach ein Uhr nur noch die Schüchternsten ein T-Shirt tragen. Pumpende elektronische Musik, niedrige Decken, etwa 300 eng aneinander gepresste Leiber.
Eine gigantische Schlange vor der Toilette, und niemand benutzt die Urinale. Man quetscht sich zu zweit oder zu dritt in die Kabinen und teilt, was man hat, um noch etwas länger durchzuhalten. Ein Security-Mensch sitzt davor und hat längst kapituliert. Die Gäste fordern Exzess. "Und den bekommen sie hier", sagt Türsteherin Jasmine. "Habt ihr so etwas etwa in Berlin?"
Berlin. Der Stachel in Londons wackelndem Partyhintern. Das Nachtleben der deutschen Hauptstadt gilt als das aufregendste der Welt - Orte wie das Berghain, Watergate, Kater Holzig versprechen tagelange Ekstase, von überall her kommen die Leute, um mitzufeiern. Nach London kamen sie für das Fabric oder das Ministry of Sound. Früher.
Mitte Januar erschien im Londoner "Sunday Times Magazine" ein großer Artikel über die Partyszene Berlins und prangerte die "unverhohlene sexuelle Zügellosigkeit" und den "drogenberauschten Exzess" in den Clubs der deutschen Hauptstadt an, wo angeblich ständig "Massenorgien mit Hunderten von Leuten" veranstaltet würden. Das war hoffnungslos übertrieben und als Beschimpfung gemeint, aber die Londoner fragten sich natürlich: Warum haben die Massenorgien und wir nicht?
"Londons Problem ist, dass die Stadt dem Geld hinterherläuft", sagt Lyall Hakaraia, der in Dalston im nördlichen East End den winzigen Club Vogue Fabrics betreibt. "Vor fünf Jahren gab es in Hackney noch spektakuläre Partys in verlassenen Lagerhäusern, heute sitzen da überall Firmen drin. Der Platz wird einfach knapp." Hakaraia macht eigentlich Mode und hat es vor allem mit einem roten Seidenmantel für Lady Gaga zu einiger Bekanntheit gebracht, aber seit drei Jahren öffnet er zugunsten seiner Credibility am Wochenende den Keller unter seinem Atelier für großartige, verschwitzte Partys.
Nichts für Möchtegern-Hipster
"Hier soll es entspannt, aber exzessiv zugehen, schlampig und phantastisch", sagt Hakaraia. Ein Bier kostet nur drei Pfund, für Londoner Verhältnisse lächerlich wenig, es sollen auch die einen Platz finden, die es nicht so haben mit der Jagd nach dem Geld - Künstler, Kreative, gern gescheiterte. "Die Leute nennen das Berlin-Vibe, aber wissen Sie, ich bewege mich seit 20 Jahren durchs Londoner Nachtleben. Den Berlin-Vibe gab es hier schon, da hat von Berlin noch kein Mensch geredet. Nicht mal in Berlin."
Unten am Schaufenster des Ladens klebt in blassen rotgoldenen Buchstaben das Wort "Vogue", sonst weist nichts auf einen Club hin. Damit nur Leute kommen, die wissen, dass sie hier sein wollen. "Menschen, die sich gehen lassen können, ohne aggressiv oder unangenehm zu werden. Nicht diese Möchtegern-Hipster, die heutzutage durch Shoreditch ziehen."

