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17.11.2012
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Pariser Bahnhof Gare de l'Est

Wunderland im Kellerversteck

Von Bettina Hensel
Corbis

Prachtvolle Empfangshalle für Paris: Zehntausende Reisende hetzen Tag für Tag durch den Gare de l'Est - dabei würde sich ein Blick auf die architektonischen Details der historischen Station lohnen. Und ein Abstieg in die Katakomben, denn dort verbirgt sich ein Spielplatz für Bahnfans.

Alle haben es eilig am Gare de l'Est. Schließlich ist der Bahnhof im zehnten Pariser Bezirk Dreh- und Angelpunkt für über 120.000 Reisende am Tag, die in Frankreichs Osten oder über die Grenzen in die Schweiz, Luxemburg und nach Deutschland strömen. Nur einer steht gedankenverloren mitten im Strom der Vorbeieilenden und blickt nach unten - auf eine Gedenkplakette, die im Boden der Tickethalle eingelassen ist. "Hätten Sie die beim Vorübergehen bemerkt", fragt Robert Viala.

Der Chef des Pariser Ostbahnhofs pfeift gut gelaunt zwischen den Sätzen. Sein Schuldeutsch ist nicht so eingerostet, wie er selbst befürchtet hatte. "Das ist unser historischer Punkt Zero", sagt der 45-Jährige. "Von hier aus fuhren 1849 die ersten Züge nach Straßburg."

Nicht ohne Grund hieß der Gare de l'Est früher Gare de Strasbourg. Die prunkvolle Westfassade des Bahnhofs, entworfen vom Architekten François-Alexandre Duquesney, spiegelt die ehemalige Hauptverbindung auch stilistisch wider. Auf der Giebelspitze thront eine steinerne Allegorie der Stadt Straßburg, die historische Uhr unter ihr wird flankiert von zwei Figuren: der weiblichen "Seine" und dem männlichen "Rhein".

Doch der Ostbahnhof blieb nicht nur Ausgangspunkt für Fahrten entlang der beiden Flüsse. Am späten Nachmittag des 4. Oktober 1883 brach hier der legendäre Orient-Express mit einer vorgespannten Dampflok zu seiner Jungfernfahrt auf. Vorläufige Endstation für das berühmte Luxushotel auf Rädern war damals noch die Hafenstadt Giurgiu in Rumänien an der Donau. Erst ab 1888 führte die Strecke bis Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.

Geschichtsunterricht am Ostbahnhof

Nicht nur spektakuläre Ereignisse der Eisenbahnhistorie nahmen ihren Anfang auf den Gleisen des Ostbahnhofs. Viala deutet vom "Punkt Zero" aus nach oben, auf ein 60 Quadratmeter großes Kunstwerk, das am Kopfende der Alsace-Halle hängt. "Das ist ein Geschenk des amerikanischen Malers Albert Herter", erklärt Viala. "Eine Abschiedsszene am Bahnhof, aber keine gewöhnliche." Ein junger Soldat steht in einer offenen Wagentür. In der einen Hand die Blume am Gewehr, in der anderen Hand schwenkt er eine Kappe.

"Das ist Everit, der Sohn des Malers", sagt Viala. "Er verabschiedete sich 1914 von den Gleisen an die Front und kehrte nicht wieder. 1918 starb er im Département Aisne, nicht weit von Château-Thierry, im Nordosten Frankreichs." Neben dem Andenken an die gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg finden sich auch Gedenktafeln für die vom Gare de l'Est aus nach Deutschland deportierten Juden und für die französischen Widerstandskämpfer in den Reihen der Staatsbahn.

Kurz nach der Anbringung des monumentalen Gemäldes zwischen 1924 und 1931 wurde der Ostbahnhof wegen des wachsenden Eisenbahnverkehrs um das Doppelte erweitert. Der heutige Ostflügel entspricht in seiner Form dem historischen Westflügel. Den Beton veredelte man mit Naturstein aus dem Burgund. Die Giebelfigur an der Spitze der Fassade steht für die Stadt Verdun, die Figuren an der östlichen Uhr symbolisieren die Flüsse Marne und Maas.

Skurriler Platz für Eisenbahnfreunde

In 2007 hielt das Zeitalter des Hochgeschwindigkeitsverkehrs Einzug im Ostbahnhof. "Ein wichtiges Jahr für den Ostbahnhof", sagt Viala. Fast hundert Millionen Euro seien damals investiert worden, um den in jenen Tagen noch etwas tristen Bahnhof für den Empfang der deutschen und französischen Schnellzüge zu renovieren.

Vor allem der zentrale Bereich zwischen Alsace- und Saint-Martin-Halle wurde aufgemotzt. Eine silbern-glänzende Glaskuppel ziert jetzt die Decke unter den mittlerweile acht Metro-Rolltreppen und bringt Tageslicht in die Bahnhofshalle. 150 neue Flachbild-Monitore geben Auskunft über Anschlusszüge, es gibt extra audiovisuelle Terminals für Behinderte, mehr Parkplätze und außerdem rund 2300 Quadratmeter zusätzlichen Platz für edle Geschäfte.

Seit 1992 arbeitet Viala für die französische Staatsbahn SNCF. Natürlich kennt er alle Orte im Ostbahnhof, auch solche, zu denen kein Reisender Zutritt hat. Den Miniatur-Bahnhof im Kellergeschoss des Pariser Ostbahnhofs zum Beispiel. Dieser Ort ist so skurril, es könnte dem finnischen Regisseur Aki Kaurismäki als Inspiration für eine neue Filmkulisse dienen.

"Das gibt es nur bei uns!", sagt Robert Viala. "Passen Sie auf Ihren Kopf auf." Der Chef des Pariser Ostbahnhofs krabbelt unter der selbst für einen geübten Limbo-Tänzer recht niedrigen Absperrung hindurch auf die Innenseite der Modelleisenbahn. Dass er dabei seinen Nadelstreifenanzug mit dem Staub des Linoleumbodens beschmutzen könnte, scheint ihn nicht zu stören. "Das hier ist keine Spielzeug-Eisenbahn", sagt er und deutet auf einen Schalterkasten. "Die Züge hier fahren nach dem gleichen komplexen Strom-, Signal- und Steuerungssystemen wie die echten bei uns oben."

Die Modelleisenbahn gehört dem Verein Afac - oder, wenn man einen Zungenbrecher riskieren möchte, der L'Association Française des Amis des Chemins de Fer. Seit 1929 befindet sich Hauptsitz der Freunde der Eisenbahn im unterirdischen Teil des Ostbahnhofs. "Wie viele Mitglieder haben wir gerade in Paris?", fragt Viala die Bürokraft, die hier im gelben Licht der Neonröhren Akten verwaltet. "350 sind es ungefähr noch", sagt sie. Blicken lassen hat heute sich allerdings bislang nur einer - ein Mann um die 70 in einem beigefarbenen Flanellanzug. "Das sind unsere wirklichen Spezialisten hier", sagt Viala und lacht. "Die Bahn ist ihre Verlobte."

Forum

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insgesamt 18 Beiträge
1.
obiwantobi 17.11.2012
Wenn man ein Wunderland mit vielen kleinen Details und Sehenswürdigkeiten anpreist, sollte man vielleicht auch zumindest ansatzweise ein paar Bilder hinzufügen, die dies zeigen. Was denken Sie drückt diese Fotostrecke aus?
Wenn man ein Wunderland mit vielen kleinen Details und Sehenswürdigkeiten anpreist, sollte man vielleicht auch zumindest ansatzweise ein paar Bilder hinzufügen, die dies zeigen. Was denken Sie drückt diese Fotostrecke aus?
2. und warum gibt es kein Foto vom
ijf 17.11.2012
...Ich kenne vor allem den Gare du Nord - und der ist einfach nur furchtbar... Trist, dreckig, uebervoll... Aber man kann was erleben... Z.B., wenn man beim Rennen zum Thalys ploetzlich weitlaeufige Haken schlagen muss, weil [...]
...Ich kenne vor allem den Gare du Nord - und der ist einfach nur furchtbar... Trist, dreckig, uebervoll... Aber man kann was erleben... Z.B., wenn man beim Rennen zum Thalys ploetzlich weitlaeufige Haken schlagen muss, weil mitten auf der "Promenade" einer umgebracht wurde...
3. Der Kopfbahnhof das verheißungsvolle Entree in eine Stadt
paula-eva 17.11.2012
Dieser Artikel zeigt ganz deutlich, dass ein schöner gepflegter Kopfbahnhof einlädt einen Stadt zu besuchen. Es soll allerdings Orte in der Bundesrepublik geben, die sich so hässlich fühlen, dass sie mögliche Besucher lieber [...]
Dieser Artikel zeigt ganz deutlich, dass ein schöner gepflegter Kopfbahnhof einlädt einen Stadt zu besuchen. Es soll allerdings Orte in der Bundesrepublik geben, die sich so hässlich fühlen, dass sie mögliche Besucher lieber unterirdisch durchleiten. Dazu wird die Haltestelle des Hbf auch noch so konzipiert, dass er wirkt wie eine U-Bahn-Station. Weltstädte wie Paris wie dieses Beispiel zeigt, aber auch London oder New York würden ihre Kopfbahnhöfe niemals in unterirdische Durchgangsstationen umwandeln. Stuttgart schämt sich und möchte deshalb auch seinen Bahnhof verstecken.
4. Ostbahnhof
metaller16 17.11.2012
In der tat ein schöner Bahnhof. Leider nicht so einige Leute die sich dort immer aufhalten. Als ich zum ersten mal per Zug dort in Paris ankam blieb mir vor allem ein Nichtsesshafter in Erinnerung der vor dem Bahnhof lag und [...]
In der tat ein schöner Bahnhof. Leider nicht so einige Leute die sich dort immer aufhalten. Als ich zum ersten mal per Zug dort in Paris ankam blieb mir vor allem ein Nichtsesshafter in Erinnerung der vor dem Bahnhof lag und sich in die Hosen pisste.
5. Stuttgart ist mit "Eliten" gestraft...
mainzelmännchen 1 17.11.2012
...die ausschließlich vom Umgraben und Zubetonieren ihre Daseinsberechtigung (und ihre heimlichen Einkünfte) ableiten, eine Vetternwirtschaft von LBBW über das Rathaus bis in die Villa Reitzenstein und die umgebenden [...]
Zitat von paula-evaDieser Artikel zeigt ganz deutlich, dass ein schöner gepflegter Kopfbahnhof einlädt einen Stadt zu besuchen. Es soll allerdings Orte in der Bundesrepublik geben, die sich so hässlich fühlen, dass sie mögliche Besucher lieber unterirdisch durchleiten. Dazu wird die Haltestelle des Hbf auch noch so konzipiert, dass er wirkt wie eine U-Bahn-Station. Weltstädte wie Paris wie dieses Beispiel zeigt, aber auch London oder New York würden ihre Kopfbahnhöfe niemals in unterirdische Durchgangsstationen umwandeln. Stuttgart schämt sich und möchte deshalb auch seinen Bahnhof verstecken.
...die ausschließlich vom Umgraben und Zubetonieren ihre Daseinsberechtigung (und ihre heimlichen Einkünfte) ableiten, eine Vetternwirtschaft von LBBW über das Rathaus bis in die Villa Reitzenstein und die umgebenden Halbhöhenlagen, die einst attraktive Stadt "ausgemostet", ein Glück, daß Grüne die Macht in Stadt und Land übernommen haben, die schlimmsten Auswüchse der 60-jährigen CDU-Filzherrschaft werden auch sie kaum mehr korrigieren können.

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