30.07.2012
Chinesen in Hamburg
Klein Peking an der Reeperbahn
Von "Mare"-Autorin Ariane HeimbachDas erste, was Choi-Chun Lee in Hamburg lernte, war das Streckennetz des HVV. Sie sprach erst ein paar Wörter Deutsch, doch sie kannte schon etliche Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs. Die bunten, geometrischen Linien der U-Bahnen, die sich durch die Stadt zogen, prägten sich ihr ein wie die chinesischen Schriftzeichen, mit denen sie aufgewachsen war.
Mit den Buslinien erkundete sie die neue Stadt. Sie saß am Fenster und sah alles: Blankenese, Övelgönne, Landungsbrücken. Nie stieg sie aus. An der Endstation wechselte sie die Straßenseite und fuhr die Strecke wieder zurück. "Ich hatte ja schon meine Monatskarte", sagt sie und kramt in ihrem Portemonnaie nach dem Ausweis. Auf der vergilbten Karte klebt ein 35 Jahre altes Foto von ihr: eine Frau mit hochgesteckten schwarzen Haaren und einer dicken Hornbrille. Manchmal, sagt sie, würden sich die Kontrolleure beschweren. Sie solle das Foto austauschen gegen ein aktuelles. Doch Choi-Chun Lee, inzwischen 66 Jahre alt, ergraut und faltenlos, kümmert sich nicht darum.
Die aus Hongkong stammende Chinesin ist eine von mehr als 10.000 gebürtigen Chinesen, die in Hamburg leben, in Deutschland die größte Community. "Hanbao", was übersetzt "Burg der Chinesen" heißt, hat sich zu einem Zentrum deutsch-chinesischen Handels entwickelt. 440 chinesische Unternehmen haben sich in der Stadt angesiedelt, jedes Jahr kommen neue hinzu, in keiner anderen europäischen Stadt sind es so viele. Dafür gibt es historische Gründe. Schon 1731 legte das erste Handelsschiff aus China in Hamburg an. 1898 eröffnete die Hamburger Reederei Hapag einen monatlichen Liniendienst, der von Hamburg bis nach Schanghai führte. Heute kommt rund jeder dritte Container im Hafen aus China oder wird dahin verschifft.
Mit den Handelsschiffen kamen auch die Menschen. Die ersten Chinesen fuhren als Heizer und Wäscher auf Dampfschiffen. Einige von ihnen blieben. Sie gründeten Kellerlokale auf St. Pauli oder eröffneten Wäschereien. Das sogenannte Chinesenviertel am Hafen entstand, das später von den Nazis zerstört wurde. Erst Anfang der 1950er Jahre siedelten sich Chinesen wieder in der Hansestadt an; sie gründeten die ersten "China-Restaurants" mit ihrer Mischung aus Exotik und gediegener Bürgerlichkeit.
Lektion im Grünkohl-Kochen
Choi-Chun Lees Vater war einer der neuen Gastronomen. 1958 fuhr Jein-Sun Chan ohne Familie von Hongkong nach Hamburg. Erst arbeitete er als Koch in dem deutsch-chinesischen Restaurant seiner neuen Hamburger Lebensgefährtin. Auf der Karte stand Grünkohl neben Chop-suey. "Im Keller", erzählt seine Tochter, "züchtete er Sojasprossen." 1968 eröffnete das Paar das "Peking" auf St. Pauli, das zum erfolgreichen Kiezchinesen wurde, ein Lieblingslokal der Prominenz.
Das "Peking" liegt abseits vom Flirren der Reeperbahn in einer Seitenstraße. "Hamburgs ältestes China-Restaurant" steht auf dem Leuchtschild. Ein paar Stufen hinauf, ein dicker Vorhang, dahinter ein wohnzimmergroßer Raum, wenige Tische. Es ist Sonntagmittag und nichts los. Frau Choi-Chun liest Zeitung, der Fernseher läuft ohne Ton. Seit einer der Söhne das Restaurant vor zwei Jahren neu eröffnet hat, kämpft er um seine Existenz. Die Kunden von früher sind alt geworden und kommen nur noch selten. Die Jüngeren gehen lieber zum Asia-Imbiss
30 Jahre hat Choi-Chun Lee hier hinter dem Tresen gestanden. Geblieben sind ihr 350 Euro Rente und eine Witwenrente von 320 Euro. Dennoch würde sie nicht sagen, dass ein Traum geplatzt ist. "Ich bin nicht wegen des Geldes gekommen", sagt sie, "sondern wegen meines Mannes."
Ein Foto zeigt die beiden als junges Paar in Hongkong - auch er trägt eine dicke schwarze Brille. Er muss seine Frau geliebt haben, denn er war überhaupt kein Brillenträger. Er zog sie nur an, um Lee zu gleichen. Als er nach Hamburg ging, gab sie ihre Stelle in einer Hongkonger Bank auf und flog ihm mit ihren drei kleinen Söhnen hinterher. Doch ihr Mann war kein Geschäftstyp, er war Klavierstimmer von Beruf, er hatte feine Hände. Anfangs musste er in der Küche des Schwiegervaters spülen und schnippeln. Irgendwann durfte er dann kochen. Aber er blieb stets ein Angestellter des erfolgreichen Herrn Jein-Sun.
Sie erzählt das in einem heiteren Ton. Und in einem rasanten, eigentümlichen Deutsch. Selbst ihre Söhne verstehen sie manchmal nicht. Sie habe ja nie einen Sprachkurs gemacht, erklärt sie. Ihr Deutsch lernte sie von den Kellnerinnen im "Peking". Als die Tochter des Chefs dort arbeiten sollte, hätten die zwar erst gemault, die könne ja nicht einmal Deutsch. Wenn sie ans Telefon ging - eine Katastrophe! Einmal rief einer an, der reservieren wollte. "Auf den Namen Hunger", sagte er. Worauf sie erwiderte: "Musst du essen." Und auflegte. Heute ist sie mit den inzwischen auch 70-jährigen Kolleginnen eng befreundet. Sie haben ihr auch gezeigt, wie man Grünkohl kocht.

