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19.02.2013
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Amsterdams Grachten

Happy Birthday, Kanalsystem!

TMN

Seit 400 Jahren durchziehen die weltberühmten Grachten die Innenstadt von Amsterdam. Das Kanalsystem ist Touristenmagnet, begehrte Wohnlage und Fahrradfriedhof - wie die Arbeiter das damals gebaut haben, gibt Forschern bis heute Rätsel auf.

Amsterdam - Der lange Greifarm senkt sich erneut ins trübe Wasser der Herengracht. Eine Schar Touristen hat sich an einer der vielen Brücken versammelt und beobachtet das Spektakel. Fahrrad nach Fahrrad steckt in den Fängen des Bootkrans. Gemeinsam landen sie auf einem rostigen Haufen in der Mitte des Kahns, der die Kanäle Amsterdams von Müll und sonstigem Sperrgut befreit. Warum die Kanäle als Fahrradfriedhof benutzt werden, bleibt ein Geheimnis. Die Herren der Amsterdamer Stadtplanung hatten sicherlich etwas anderes im Sinn, als sie das Kanalsystem vor 400 Jahren auf dem Reißbrett entwarfen.

Zum Ende des 16. Jahrhunderts war es eng geworden in Amsterdam. Zuwanderer aus aller Herren Länder fanden bald keinen Platz mehr innerhalb der alten Stadtgrenzen rund um den heutigen Hauptbahnhof. "Die Einwanderer kamen mit Geld und Fertigkeiten. Das bedeutete viel Potential für die Stadt", erklärt Wite Lohman, Manager des Grachtenhuis, einem Museum über die Geschichte der berühmten Kanäle. Um den Einwanderern Platz zu geben und den Handel anzukurbeln, entschloss man sich zur Ausweitung der Stadt.

Im Grachtenhuis wird heute mit einer Lichtinstallation präsentiert, was damals passierte: Der Bürgermeister, Schatzmeister, Ingenieure, Architekten und nicht zuletzt ein Vertreter des Militärs berieten gemeinsam, wie die Stadterweiterung aussehen sollte. Pläne wurden verworfen, neue gemacht. Platz brauchte man, schön sollte es werden. Stadtmauern zur Verteidigung waren aber ein Muss. Schlussendlich einigte man sich darauf, vier große Kanäle kreisförmig um den alten Stadtkern anzulegen: Singel, Herengracht, Keizersgracht und Prinsengracht.

Auf Sand gebaut

"Innerhalb der neuen Stadtmauern sollte genug Platz für alle sein, ob reich oder arm. Der Stadtteil Jordaan zum Beispiel wurde für die Arbeiter errichtet", sagt Lohman. Zu erkennen ist das auch noch heute an den niedrigeren Erdgeschossen - im Vergleich zu denjenigen der prachtvollen Häuser an den großen Kanälen. "In Jordaan wurde einfach nicht so viel Sand angehäuft."

Und Sand anzuhäufen war nötig, denn Amsterdam liegt unterhalb des Meeresspiegels. Das allein genügte aber nicht, um die ehrgeizigen Pläne der Stadtarchitekten in die Tat umzusetzen. Jedes Haus benötigte Pfähle, um nicht gleich nach dem Aufbau wieder im schlammigen Untergrund zu versinken. Wenn die Jahrhunderte alten Holzpfähle heute erneuert werden müssen, ist das eine kostspielige Angelegenheit. "Vom untersten Geschoss des Hauses werden Betonstücke nach und nach in den Boden gedrillt", erzählt Lohman.

Die Pfahlkonstruktion erklärt, wie die Grachtenhäuser entstanden und warum sie nie viel höher sind als vier oder fünf Stockwerke: Ihr Gewicht würde die Pfähle sonst in den Untergrund drücken - und so quasi ihr eigenes Versinken verursachen. Manches bleibt selbst für Lohman rätselhaft: "Niemand ist sich ganz sicher, wie die Arbeiter das angestellt haben. Wie haben sie das Wasser davon abgehalten, in die Kanäle einzudringen, während sie gebuddelt haben?"

Vier Kanäle, 80 Jahre Bauzeit

Sicher ist, dass eine Menge Arbeiter für das Großprojekt Stadterweiterung angeheuert werden mussten. "Auch viele Deutsche kamen, um für uns die Kanäle zu bauen", sagt Marc Paping. Der Holländer, der sich als "Paap" vorstellt, bietet in seinem Boot private Grachtentouren an. Statt der großflächigen Werbeposter für andere Kanalfahrten ist ihm die Mund-zu-Mund-Propaganda lieber. Auch eine Webseite ist ihm schon zu viel des Werbens. "So ist es viel typischer für Amsterdam", findet Paap.

Und so schippert er in den Sommermonaten mit den Glücklichen, die auf sein Angebot aufmerksam gemacht wurden, durch die großen Kanäle und kleinen Seitenarme der Stadt und erzählt von historischen Begebenheiten rund um seine geliebten Wasserstraßen. Das Kanalsystem, das heute als Weltkulturerbe gilt, wurde im Zeitraum von 80 Jahren in drei Phasen erbaut.

Westlich des Hauptbahnhofs Richtung Süden schippert Jaap vorbei am Anne-Frank-Haus an der Prinsengracht bis hin zur Leidsegracht, die senkrecht zu den vier großen Kanälen verläuft. "Bis hier verlief der erste Bauabschnitt", erklärt Paap. Der zweite folgte schnell, weiter von der Leidsegracht dem Halbkreis folgend bis hin zur Amstel, Amsterdams breitem Fluss. "Als man dann zum dritten Bauabschnitt kam, hat man festgestellt: 'Wir haben schon zu viel gebaut' und verpachtete die Fläche erst einmal als Ackerland. Die Gegend heißt auch heute noch 'Plantage'."

Zu viel Wohnfläche für die Stadt - das kann sich heute niemand mehr vorstellen, der schon einmal auf dem Amsterdamer Wohnungsmarkt unterwegs war. Wohnungen in der Stadt sind begehrt - besonders die mit Kanalblick. "Insgesamt 40 Prozent aller Amsterdamer können von ihren Wohnungen und Häusern einen Kanal sehen", sagt Paap. Und er muss es wissen, immerhin sitzt er mit seinem Hausboot beim gefragten Kanalblick in der ersten Reihe.

Von Hausboot-Hippies zu Hausboot-Yuppies

Hausboote gehören zum Amsterdamer Stadtbild wie die Hagelslag genannten Schokoladenstreusel aufs holländische Frühstückstoast. Obwohl sie schon seit den ersten Tagen des Kanalsystems in der Stadt zu Hause sind, damals noch für ärmere Gesellschaftsschichten, kam ihr Boom erst in den sechziger Jahren. "Es gab in der Stadt keinen Platz mehr. Boote konnte man billig kaufen und vertäuen, das Leben auf dem Hausboot war preiswert damals", erklärt Vincent van Loon, der auf der Prinsengracht ein Hausbootmuseum betreibt.

Und natürlich passte ein Hausboot perfekt in das Image des alternativen Lebensstils, das viele in den Sechzigern zu verwirklichen suchten. Heute sieht das ganz anders aus. Längst hält das Hausbootdasein preislich mit den Mieten der Grachtenhäuser mit. "Aus den Hippies sind Yuppies geworden", sagt van Loon.

Auch die Versorgung hat sich dem 21. Jahrhundert angepasst. Alle Boote sind an das städtische Stromnetz angeschlossen - und die letzten schwimmenden Häuser werden momentan mit dem Abwassersystem verbunden. Zuvor dienten jahrhundertelang die Kanäle als Kanalisation. "Auch die Häuser nutzten die Kanäle noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Abwassersystem", erklärt van Loon.

Viele Partys zum Jubiläum

Das Weltkulturerbe-Kanalsystem als Kanalisation? Zum 400. Geburtstag gehört das der Vergangenheit an. Stattdessen sind die Amsterdamer nun sehr um die Wasserqualität ihrer Kanäle besorgt. "Wir halten das Wasser auf drei verschiedene Weisen sauber", sagt Paap. "Zum einen kommt frisches Wasser aus der Amstel. Von dort braucht es rund drei Tage, um das alte Wasser gen Norden am Hauptbahnhof einmal quer durch alle Kanäle herauszudrängen. Dann gibt es Boote, die mit einem Netz den Müll von der Wasseroberfläche einsammeln." Und schließlich sind da noch die Kranboote, die auf dem Grund der Kanäle nach Müll fischen - und die rund 15.000 Fahrräder pro Jahr aus dem Wasser ziehen.

Besonders nach den vielen Festen an und auf den Kanälen ist die Putzkolonne gefragt. Und von den Partys soll es im Jubiläumsjahr noch mehr geben als ohnehin schon üblich. Neben dem Koninginnedag, bei dem sich in jedem Jahr am 30. April die Grachten in ein brodelndes Meer aus Orange verwandeln und die zahlreichen Partyboote einen Stau in den Kanälen verursachen, wird es beim Grachtenfestival im August etwas klassischer zugehen. "Aufstand der Komponisten" lautet das Motto vom 16. bis 25. August. Wie alles und jeder in Amsterdam werden auch die Musiker dem Wasser ganz nah sein, stehen sie doch teilweise auf Bühnen im Kanal selbst.

Doch nicht nur das Jubiläum des geschützten Grachtensystems soll in diesem Jahr Touristen anlocken. Nach langer Renovierung öffnet das Rijksmuseum wieder seine Türen. Und das Concertgebouw feiert seinen 125. Geburtstag. Zu Beginn und Abschluss des Jubiläumsjahres stehen aber die Kanäle im Mittelpunkt: "Zwei magische Winter" lautet der Titel, unter dem Künstler die Grachten Amsterdams mit Lichtkunstwerken verzaubern wollen.

Lea Sibbel/dpa/sto

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insgesamt 9 Beiträge
1. Wie tief sind Grachten?
catcargerry 19.02.2013
Nach Aussage unseres Stadtführers, eines Schwaben, der aber schon "seit fünf Fahrrädern" in Amsterdam lebt, sind die Grachten drei Meter tief, "ein Meter Schlamm, ein Meter Fahrräder und ein Meter [...]
Zitat von sysopTMNSeit 400 Jahren durchziehen die weltberühmten Grachten die Innenstadt von Amsterdam. Das Kanalsystem ist Touristenmagnet, begehrte Wohnlage und Fahrradfriedhof - wie die Arbeiter das damals gebaut haben, gibt Forschern bis heute Rätsel auf. http://www.spiegel.de/reise/staedte/amsterdam-400-jahre-grachten-a-884295.html
Nach Aussage unseres Stadtführers, eines Schwaben, der aber schon "seit fünf Fahrrädern" in Amsterdam lebt, sind die Grachten drei Meter tief, "ein Meter Schlamm, ein Meter Fahrräder und ein Meter Wasser".
2.
J.M.Mierscheid 19.02.2013
Für mich lag der Reiz dieser wunderbaren Stadt vornehmlich schon immer darin, dass sie ihre Schönheit - ohne groß aufzutragen - bescheiden zur Schau stellt. Sie wirkt organisch, harmonisch und offen für jedermann. [...]
Für mich lag der Reiz dieser wunderbaren Stadt vornehmlich schon immer darin, dass sie ihre Schönheit - ohne groß aufzutragen - bescheiden zur Schau stellt. Sie wirkt organisch, harmonisch und offen für jedermann. Erstaunlich, dass die Menschen es damals anscheinend besser verstanden haben Städte zeitlos zu planen. Wenn man sich heutige Vorzeigebauten und diverse Planstädtchen so anschaut, dann überkommt mich zumindest meist ein: "Das hätte man auch besser machen können", ohne gleich Unsummen dafür ausgeben zu müssen.
3.
miauwww 19.02.2013
Aber wenn man in Amsterdam wohnen will, werdens leicht Unsummen. Wartezeit auf eine Sozialwohnung: 10-12 Jahre. Aber zur Wartezeit anmelden kann man sich nur, wenn man schon in Amsterdam wohnt und unter 34.000 Euro pro J. [...]
Zitat von J.M.MierscheidFür mich lag der Reiz dieser wunderbaren Stadt vornehmlich schon immer darin, dass sie ihre Schönheit - ohne groß aufzutragen - bescheiden zur Schau stellt. Sie wirkt organisch, harmonisch und offen für jedermann. Erstaunlich, dass die Menschen es damals anscheinend besser verstanden haben Städte zeitlos zu planen. Wenn man sich heutige Vorzeigebauten und diverse Planstädtchen so anschaut, dann überkommt mich zumindest meist ein: "Das hätte man auch besser machen können", ohne gleich Unsummen dafür ausgeben zu müssen.
Aber wenn man in Amsterdam wohnen will, werdens leicht Unsummen. Wartezeit auf eine Sozialwohnung: 10-12 Jahre. Aber zur Wartezeit anmelden kann man sich nur, wenn man schon in Amsterdam wohnt und unter 34.000 Euro pro J. verdient. Allein oder zu zweit bekommt man dann max. 59qm Wohnflaeche, zu dritt und zu viert max. 79 qm. Und es gibt eigentlich keinen "freien" Wohnungsmarkt: fast alles ausserhalb des Sozialwohnungsbereichs laeuft ueber Makler. Dort findet man ertraegliche Mietwohnungen nicht unter 1000 Euro fuer vielleicht 50qm. Kaufpreise entsprechend, i.d.R. nicht Ertraegliches unter ca. 200.000 Euro fuer 50qm. und das obwohl grad die Preise gefallen sind wg. der Krise...
4. Wunderschöne Erinnerungen
polpot 19.02.2013
habe ich an Amsterdam, als ich noch "Gastarbeiter" in NL war. Gern würde ich mal wieder sehen, was sich so verändert hat oder so geblieben ist.
habe ich an Amsterdam, als ich noch "Gastarbeiter" in NL war. Gern würde ich mal wieder sehen, was sich so verändert hat oder so geblieben ist.
5.
jasper366 19.02.2013
Wohnraum in den NL zu kaufen ist, egal wo, extremst teuer. Man schaue sich mal die Preise für Resthöfe ohne viel Land drumherum auf dem platten Land an. Die Preise sind meist doppelt so hoch, manchmal noch mehr, als in D.
Zitat von miauwwwAber wenn man in Amsterdam wohnen will, werdens leicht Unsummen. Wartezeit auf eine Sozialwohnung: 10-12 Jahre. Aber zur Wartezeit anmelden kann man sich nur, wenn man schon in Amsterdam wohnt und unter 34.000 Euro pro J. verdient. Allein oder zu zweit bekommt man dann max. 59qm Wohnflaeche, zu dritt und zu viert max. 79 qm. Und es gibt eigentlich keinen "freien" Wohnungsmarkt: fast alles ausserhalb des Sozialwohnungsbereichs laeuft ueber Makler. Dort findet man ertraegliche Mietwohnungen nicht unter 1000 Euro fuer vielleicht 50qm. Kaufpreise entsprechend, i.d.R. nicht Ertraegliches unter ca. 200.000 Euro fuer 50qm. und das obwohl grad die Preise gefallen sind wg. der Krise...
Wohnraum in den NL zu kaufen ist, egal wo, extremst teuer. Man schaue sich mal die Preise für Resthöfe ohne viel Land drumherum auf dem platten Land an. Die Preise sind meist doppelt so hoch, manchmal noch mehr, als in D.

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