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Reise

Bürgermeister Michael Häupl

"Granteln gehört zum Charakter des Wieners"

Seit neun Jahren gilt Wien als die lebenswerteste Stadt der Welt. Warum? Und warum sind die Wiener dennoch so oft missmutig? Ein Gespräch mit Michael Häupl, der seit 24 Jahren die österreichische Hauptstadt regiert.

Getty Images/iStockphoto
Ein Interview von , Wien
Samstag, 07.04.2018   14:42 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Häupl, warten Sie eigentlich mit Spannung auf die Rangliste der lebenswertesten Städte der Welt, die die Beratungsgesellschaft Mercer jedes Jahr herausgibt?

Häupl: Ja, schon. Ich will das nicht klein reden. Diese Bewertung ist ein international sichtbares Zeichen, das besagt: In Wien lässt es sich gut leben. Das freut mich natürlich. Fast wichtiger ist mir aber eine regelmäßig durchgeführte Studie der Universität Wien, in der etwa 8000 Wienerinnen und Wiener über ihre Lebenssituation befragt werden. Da sehen wir deutlicher, dass die meisten Menschen sehr zufrieden sind und wo wir noch Nachholbedarf haben.

SPIEGEL ONLINE: Woran messen Sie Lebensqualität?

Häupl: Lebensqualität bedeutet, dass man sich rundherum wohlfühlt. Dass man Wien als seine Heimatstadt empfindet, dass die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden, dass es keine gravierenden sozialen Konflikte gibt, dass es ein hohes Niveau an Sicherheit gibt. Gerade wird ja diskutiert, dass die Mordrate in London höher ist als in New York. So etwas ist bei uns überhaupt kein Thema. Dafür wird über Flüchtlinge diskutiert, aber das wird von manchen aus politischen Gründen hochgespielt. Ja, 2015 hatten wir mehr als eine Million Flüchtlinge, die hier zum großen Teil durchgezogen sind. Heute existieren viele Probleme nur noch in der Fantasie des österreichischen Innenministers.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Lebensqualität in Wien tatsächlich so hoch ist, warum sind dann viele Wiener ständig grantig?

Häupl: Granteln ist Teil unserer Lebensqualität, das gehört zum Charakter des Wieners. Selbst ich als der Bürgermeister muss gelegentlich grantig sein. Das Faszinierende an uns Wienern ist ja, dass wir nicht entweder grantig oder fröhlich sind, sondern wir können beides gleichzeitig. Wir können auch andere Dinge gleichzeitig, zum Beispiel in Gesprächen rechthaberisch sein und gleichzeitig offen für anderes. Granteln dürfen übrigens nur die Wiener. Sollte jemand mit einem preußischen Idiom das Gleiche sagen und womöglich Kritik an Wien üben, hat er ein Riesenproblem.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, wir als Hamburger Nachrichtenseite dürfen Wien nicht kritisieren?

Häupl: Nein (lacht). Das gilt für jeden Preußen. Dazu zählen die Bayern ja ausdrücklich nicht. Sie sollten jedenfalls sehr vorsichtig sein in Ihrer Wortwahl, wenn Sie Wien kritisieren. Aber Sie wissen bestimmt, wie ich das meine (lacht erneut).

SPIEGEL ONLINE: Leidet Ihrer Ansicht nach der Ruf Wiens, weil in Österreich Rechtspopulisten mitregieren?

Häupl: Ich war ja schon Bürgermeister, als die FPÖ von 2000 an mit der ÖVP regiert hat. Damals gab es einen Aufschrei in den Nachbarländern, wir Österreicher wurden massiv kritisiert. Heute haben wir sehr veränderte Umstände in Europa. Wir haben eine polnische Regierung, die sich de facto um europäische Regelungen wenig bis gar nicht kümmert. Eine ungarische Regierung, die in Fragen der Rechtsstaatlichkeit eigene Vorstellungen hat, um es freundlich zu formulieren. Wir haben in Deutschland die AfD, in Frankreich Frau Le Pen, und auch die Briten haben so ihre Probleme. Der Ruf Wiens leidet also nicht, weil jetzt die FPÖ in der österreichischen Bundesregierung ist. Was aber tragisch ist, weil man inzwischen Rechtspopulisten in ganz Europa ein Stück weit als normal wahrnimmt. Wien hat glücklicherweise noch den Ruf, anders zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gilt Wien als behäbig und uncool, anders als Berlin, London oder Paris. Warum eigentlich?

Häupl: Ich glaube, das hängt vom Alter ab. Ich bin 68 und recht zufrieden mit der Stadt und dem, was sie bietet. Inzwischen finden aber auch immer mehr junge Leute die Stadt cool. Als ich studiert habe, sind wir zum Feiern oft nach München gefahren. Heute kommen erfreulicherweise viele aus München nach Wien. Wien wächst übrigens, es ziehen immer mehr Menschen hierher. Wir sind mittlerweile größer als Hamburg und zweitgrößte deutschsprachige Stadt. Fragen Sie die Bobos oder die Tausenden jungen Deutschen, die hier leben, was sie in Wien cool und hip finden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ein Bobo?

Häupl: Bobo steht für Bourgeois Bohémien. Anders als für andere ist das für mich kein Schimpfwort. Sie sind Teil unserer Stadt: jüngere, meist nicht schlecht verdienende Menschen mit bestimmten Lebensvorstellungen. Das sind fast durchweg Akademiker. Die sind nicht unbedingt politisch links denkende Leute, sondern eher wirtschaftsliberal, kulturell liberal, insgesamt menschenfreundlich, positiv eingestellt. Mir gefällt das, ehrlich gesagt. Sie finden sie in bestimmten Bezirken in Wien, im vierten, sechsten, siebten. Zunehmend erobern sie sich den Brunnenmarkt im 16. Bezirk und das Karmelitermarktviertel im zweiten.

SPIEGEL ONLINE: Wo gehen Sie denn gerne aus?

Häupl: Ich habe mehrere Lieblingsorte. Mein Stammwirtshaus - und auch das meines Vorgängers Helmut Zilk - ist der Bauer Gustl im ersten Bezirk. Da war ich zum ersten Mal 1969, als ich aus der Provinz nach Wien kam. Oder die Fromme Helene im achten Bezirk, der Gelbmann oder der Grünspan in meinem Heimatbezirk, dem 16. Überall gibt es gute Weine, die sogar in der Stadt wachsen. Das kommt ja nicht oft vor in einer Millionenstadt.

SPIEGEL ONLINE: Wien gilt als sichere Stadt, es gibt so gut wie keine "No-go-Areas". Weder rechte Glatzköpfe noch ausländische Clans dominieren Stadtteile. Wie hat die Politik das geschafft?

Häupl: Grundprinzip unserer Wohnungspolitik war immer die Durchmischung. Wir haben nie soziale Gettos zugelassen. Das ist eine enorme Arbeit, mit vielen Integrationsmaßnahmen und soziokulturellen Projekten. Was Fremde angeht, verlangen wir keine Assimilation, aber wir fordern Integration.

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