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23.01.2007
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Rechtsextremismus

So werden Mädchen zu Nazi-Bräuten

Graue Mäuschen halten plötzlich Hetzreden, grölen Nazi-Parolen, marschieren für die NPD. Sie sind weniger gewalttätig, aber nicht minder gefährlich als ihre männlichen Mitstreiter. Warum das so ist, erklärt Expertin Renate Feldmann im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

SPIEGEL ONLINE: Bei Neonazis denkt man an junge gewalttätige Männer. Sie weisen auf die Rolle der Frauen in der braunen Szene hin - wie hoch ist deren Anteil?

Feldmann: Es gibt so viele rechts denkende Frauen wie Männer. Eine Theorie besagt sogar, dass mehr Frauen als Männer rechte Ideologien pflegen - weil sie sich damit härter, stärker machen wollen, als sie tatsächlich sind. Kaum einer der etwa 100 Online-Shops der rechten Szene verzichtet deshalb noch auf die Kategorie "Frauen" oder "Girlie". In Organisationen und Cliquen sind allerdings nur ein Drittel weiblich, von den Parteimitgliedern nur bis zu 20 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Warum erscheint Rechtsextremismus als männliches Phänomen?

Feldmann: Weil es an der Führung schon noch eine Männerdomäne ist und weil 95 Prozent der rechtsextremen Straftaten von Männern begangen werden. Trotzdem ist der Einfluss der Frauen groß. Sie organisieren sich im "Ring Nationaler Frauen" und in der "Gemeinschaft deutscher Frauen".

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein ostdeutsches Phänomen?

Feldmann: Keineswegs. Viele Aktivitäten finden beispielsweise in Baden-Württemberg statt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen junge Frauen bei den Rechten?

Feldmann: Viele verschiedene. Sie sind im Hintergrund tätig, bestärken die Jungs, geben ihnen Rückhalt, feuern sie an. Nicht selten provozieren sie Männer zu Straftaten, indem sie zum Beispiel behaupten, ein Ausländer habe sie belästigt und müsse nun angegriffen werden. Sie selbst kommen dabei fast immer straffrei davon - und bleiben unsichtbar im Hintergrund.

SPIEGEL ONLINE: Den Jungs Rückhalt geben - was heißt das im Alltag?

Feldmann: Sie sorgen zum Beispiel für reibungslose Organisation. Weil sie unauffälliger sind, also scheinbar ungefährlich, mieten sie Räume für Versammlungen und Konzerte, führen Telefonate, eröffnen Konten und Postfachadressen, verkaufen rechte Waren bei eBay oder melden Aufmärsche an. Einige spitzeln auch in der linken Szene, denn den meisten sieht man ihre Gesinnung nicht an.

SPIEGEL ONLINE: Tragen sie nicht Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel?

Feldmann: Das Äußere sagt mittlerweile nicht mehr viel aus. Man sieht auf Neonazi-Großveranstaltungen zwar noch völkische Frauen in wallenden Röcken - oder Skingirls, sogenannte Renees, die martialisch auftreten, Glatzen haben und den männlichen Neonazis sehr ähnlich sind. Es gibt heute aber auch Mädchen im Gothic-Look, andere sind ganz durchschnittlich gekleidet, manche haben auffällige Piercings, andere Palästinensertücher oder tragen Techno-Stil. Die rechte Szene will nicht mehr auf den ersten Blick erkannt werden, nicht mehr abschreckend aussehen - dann kann sie effektiver arbeiten und rekrutieren. Diesen Trend gibt es auch bei den Männern.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten in Ihrem Buch "Braune Schwestern?", dass rechtsextreme Mädchen die Grenzen der gewöhnlichen Jugendszenen sprengen...

Feldmann: ...ja, denn die Mädchen kleiden sich jenseits der rechten Klischees und legen sich auf die rechte Jugendkultur nicht so fest. Außerdem sind alle Szenen offener für Alltagsrassismen und rechte Einstellungen geworden. Die Mädchen engagieren sich außerdem in einer eigentlich frauenfeindlichen Szene und bringen sie dadurch in Bewegung. Sie konfrontieren rechte junge Männer mit neuen Lebensvorstellungen. Für die heißt Weiblichsein dann nicht mehr nur Küche und Kinder.

Auch Symbole und Marken werden neu definiert: Die Mädelgruppe der 2005 verbotenen "Kameradschaft Tor Berlin" benutzte für ihre Homepage die Comic-Figur Emily Strange. Die gleiche Figur haben schon Antifa-Gruppen benutzt, um gegen Nazi-Demonstrationen zu mobilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Wieso werden Mädchen rechtsextrem?

Feldmann: Das Klischee ist, dass Mädchen über ihren Freund ins rechte Umfeld rutschen. Das gibt es natürlich. Häufiger stellen aber Freundinnen und Geschwister den ersten Kontakt her. In ländlicheren Gebieten gibt es außerdem manchmal keinen anderen Freizeitvertreib. Und viel läuft über das, was ich den "Action-Moment" nenne: Junge Mädchen wollen rebellisch sein - dann erleben sie rechtsextreme Musik und Konzerte, und ihr Interesse ist geweckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie gewalttätig sind rechtsextreme Mädchen?

Feldmann: Viel weniger als Männer. Doch dazu gibt es kaum Untersuchungen. Rechte Frauen lehnen es oft ab, selbst Gewalt anzuwenden, und sind deshalb nur an fünf bis zehn Prozent aller Straftaten beteiligt. Was nicht heißt, dass sie Gewalt ablehnen. Sie fordern Männer oder den Staat auf, Gewalt anzuwenden, etwa gegenüber Ausländern oder Homosexuellen.

SPIEGEL ONLINE: Was finden Mädchen an Neonazis?

Feldmann: Das ist schwer zu verstehen. Einerseits unterdrückt die rechte Szene Frauen durch Gewalt und Zwang zur Unterwerfung. Andererseits können Mädchen in dieser Szene Positionen erlangen, in denen sie Angst verbreiten und die ihnen Macht verleihen. Sie müssen sich dann nicht mehr als diskriminierte Frauen fühlen, sondern können sich als Deutsche etwa über Nichtdeutsche stellen. Das Gruppengefühl stärkt ihr Selbstbewusstsein. Und am Ende bekommen sie für ihren Einsatz die Anerkennung der Männer.

Das Gespräch führte Carola Padtberg

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