12.07.2011
Schavan zum Bildungsstreit in der Union
"Wie die Schule heißt, ist mir egal"
Hauptschule: "Wenn die Schülerzahl sinkt, kann es nicht immer mehr Schularten geben"
SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, die CDU leitet die nächste Wende ein, diesmal in der Bildungspolitik. Sie wollen die Hauptschulen abschaffen und mit Realschulen zusammenlegen - zur sogenannten Oberschule. Dagegen stemmen sich konservative Parteifreunde, vor allem aus Süddeutschland
Annette Schavan: Es gibt beides, Zustimmung und Kritik, auch im Südwesten. Es ist doch gut, dass die Partei ein so wichtiges Thema diskutiert. Im Übrigen: Wir zetteln ja keine Revolution an.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt bei Ihren Kritikern anders: "Irrweg", "pädagogischer Fehler", "Weltverbesserungsphantasie" wettern Bildungspolitiker aus der Union. Wie wollen Sie die überzeugen?
Schavan: Wenn die Schülerzahl um ein Drittel sinkt, kann es nicht immer mehr Schularten geben. Deswegen diskutieren wir jetzt das Zwei-Wege-Modell aus Oberschule und Gymnasium, aus einer erstklassigen Vorbereitung auf den Beruf einerseits und der Vorbereitung auf ein Studium andererseits. Wichtiger als solche Struktur-Debatten sind aber die Lerninhalte und die pädagogischen Konzepte.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben doch die Struktur-Debatte gerade eröffnet.
Schavan: Wer Leitsätze über das Bildungssystem der Zukunft schreibt, kann Strukturfragen nicht ignorieren. Aber sie sind nicht vorrangig. Es geht darum, wie die Schulen ihre Lehrpläne moderner machen, welche Inhalte sie vermitteln und wie ihre Abschlüsse wieder vergleichbar werden, auch über Ländergrenzen hinweg. Wie die Schule dann heißt, ist mir egal.
SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht lange her, da sagten Sie und die Kanzlerin: Die CDU wird die Hauptschule nicht abschaffen. Warum gilt das nicht mehr?
Schavan: Wir wollen auch jetzt keine erfolgreichen Schulen schließen, wir wollen sie weiterentwickeln. Aber manche Hauptschule wird in wenigen Jahren kaum noch Schüler haben. Schon heute gehen in Hessen nur noch vier Prozent, in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen nur noch neun Prozent der Kinder auf eine Hauptschule. Bis zum CDU-Parteitag im Herbst diskutieren wir jetzt, wie wir den Wandel gestalten können. Nochmal: Es geht dabei um Pädagogik, nicht um Etiketten.
SPIEGEL ONLINE: Welche Abschlüsse soll Ihre neue Oberschule denn anbieten?
Schavan: Die Schüler sollen überall den mittleren Schulabschluss erreichen können, der für immer mehr Berufe erforderlich ist - und dafür keine weiten Wege zurücklegen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Warum nicht auch das Abitur? Wenn Sie sich schon mit den Traditionalisten in der Union anlegen und einen Großkonflikt riskieren, könnten Sie den großen Sprung zur Gemeinschaftsschule wagen.
Schavan: Die CDU will keine Einheitsschule, sondern ein differenziertes Schulsystem. Das Gymnasium hat eine große Tradition in Deutschland, ist bei Eltern und Kindern anerkannt und hat bewiesen, dass es zur Weiterentwicklung fähig ist.
SPIEGEL ONLINE: Es geht nicht darum, das Gymnasium abzuschaffen. Aber viele Eltern und Schulträger wollen etwas anderes als Ihre Oberschule: Wenn sie die Wahl haben, dann entscheiden Sie sich für eine Gemeinschaftsschule mit Abitur, etwa im CDU-regierten Schleswig-Holstein, wo es mittlerweile über hundert Gemeinschaftsschulen gibt. Ähnlich sehen es viele CDU-Bürgermeister.
Schavan: Die Lage in Schleswig-Holstein mag eine andere sein als etwa in Ostdeutschland, wo das Zwei-Wege-Modell bestens ankommt. Wir als Bundespartei müssen aber Varianten für ganz Deutschland anbieten: Soll es an der Oberschule einen Haupt- und einen davon getrennten Realschulzweig geben? Werden manche Fächer gemeinsam unterrichtet? Das wird vor Ort entschieden, da werden die Schulen sich weiter individualisieren. Wichtig sind gemeinsame Standards.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie wollen die Kinder auch in Ihrer neuen Oberschule weiterhin nach ihren vermeintlichen Talenten auf verschiedene Zweige aufteilen?
Schavan: Für eine Übergangszeit finde ich das richtig. Aber wo sich die Schultypen verbinden lassen, ist es auch in Ordnung.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt ziemlich unentschlossen.
Schavan: Nein, denn es geht hier nicht um eine politische Frage, sondern um eine pädagogische. Auf die kann es in Frankfurt eine andere Antwort geben als auf einer Nordsee-Hallig oder im Südschwarzwald - und jede dieser Antworten kann richtig sein.
SPIEGEL ONLINE: Die Hauptschule ist schon seit Jahren ein Auslaufmodell. Nur zwei Prozent der Eltern wollen sie noch, viele Bundesländer verabschieden sich von ihr - oder haben sie nie eingeführt. Läuft die Union bei ihrer Modernisierung wieder einmal der Wirklichkeit hinterher?
Schavan: Politik beginnt immer mit dem Betrachten der Wirklichkeit und auf diese haben wir uns einzustellen. Aber wir laufen nicht hinterher, im Gegenteil. Die CDU ist seit Jahrzehnten erfolgreicher in der Bildungspolitik als die SPD. Wo die Union regiert, schneiden die Schulen bei Leistungstests stets besser ab.
SPIEGEL ONLINE: Die Politik verabschiedet sich jetzt erst einmal in die Sommerpause. Sind Sie in diesem Jahr besonders froh, endlich Urlaub zu haben?
Schavan: Die zurückliegenden Monate waren sehr intensiv, das spürt jeder von uns. Wir mussten viele Entscheidungen treffen - und zwar viele, die mit dem Wort Wende verbunden sind.
SPIEGEL ONLINE: Wir dachten eigentlich an den Zustand der schwarz-gelben Koalition. Es scheint, als könnten Union und FDP Abstand voneinander gebrauchen.
Schavan: Die Sommerpause tut jedem gut, auch den Koalitionären. Aber wenn wir uns wirklich auf die Nerven gehen würden, wären viele Entscheidungen gar nicht möglich gewesen. Umbau der Energieversorgung, Bundeswehrreform, ein Schwerpunkt bei Bildung und Forschung - der rote Faden ist, dass wir die Zukunftsfähigkeit des Landes sichern. Die Koalitionspartner haben größere Schnittmengen, als sich auf den ersten Blick vielleicht erschließt.
SPIEGEL ONLINE: Auf den ersten Blick? Schwarz-Gelb schleppt sich seit fast zwei Jahren dahin.
Schavan: Wir sollten nicht jede Nickeligkeit zum Staatsakt machen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland doch sehr gut da.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie ernsthaft, dass das Koalitionsklima nach dem Sommer besser wird?
Schavan: Wir sollten uns nicht aufhalten mit der Frage: Sind wir freundlich genug zueinander oder nicht? Natürlich wünsche ich mir das, und es gelingt auch vielen von uns. Aber entscheidend ist doch, dass wir weiter gute Arbeit machen.
SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie ein zünftiges Sommertheater um Steuersenkungen?
Schavan: Jedes Sommerloch hat viele Sprecher. Das wird auch diesmal so sein. Aber jeder sollte wissen: Am unwirksamsten für uns und die Bürger sind rhetorische Steuersenkungen. Deshalb sollten wir erst einen konkreten Plan haben und dann über diesen Plan reden.
SPIEGEL ONLINE: Das Kabinett hat aber keinen konkreten Plan beschlossen, sondern eine schwammige Absichtserklärung.
Schavan: Wir haben Eckpunkte für Steuersenkungen zur Kenntnis genommen. Ich hätte mir gewünscht, dass erst etwas veröffentlicht wird, wenn das Paket geschnürt ist. Aber ich akzeptiere, dass es einem Partner in der Koalition wichtig war, genau jetzt eine Grundaussage zu treffen. Vielleicht hilft's ja.
Das Interview führten Oliver Trenkamp und Philipp Wittrock