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22.02.2012
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Deichkind als Lehrer

Checkt erst mal ab, für was ihr brennt

Fotos
Philipp Reis

Auf der Bühne verspritzen die Deichkind-Musiker Alkoholika aus Plastikschläuchen, im Klassenraum geben sie sich eher lieb. Für das Jugendmagazin "Spiesser" sprangen sie in einer Hamburger Schule als Lehrer ein, erzählten von Horrorjobs und vom Studium in Amsterdam.

"Was willst du später mal werden?" Den Schulabgängern wohl am meisten verhassten Mutti-Spruch bringen diesmal die Deichkinder Porki und Philipp Grütering. Die Klasse 10a wartet gespannt auf ihr Gruppen-Beratungsgespräch.

Herr Grütering knallt den Schlüsselbund aufs Lehrerpult: Guten Morgen!

Herr Porki: Kaugummi raaaaus!

Die beiden stellen sofort ihre strengen Lehrerqualitäten unter Beweis.

Herr Porki: Habt ihr schon alle einen Ausbildungsplatz?

Vereinzelte "Ja"-Rufe. Andere Schüler sind sich dagegen unsicher und enthalten sich.

Herr Grütering: Was habt ihr nach der Schule denn so vor?

Lennard: Abitur auf der weiterführenden Schule.

Herr Grütering: Und was versprichst du dir davon?

Lennard: Dass ich einen guten Schulabschluss habe und damit besser an eine Ausbildung komme.

Herr Porki: Kristian, was ist denn dein Plan?

Kristian: Keine Ahnung...bis jetzt.

Herr Porki: Das ist in eurem Alter oft so. Ihr checkt erst mal alles ab, bis ihr etwas findet, wofür ihr brennt. Da müsst ihr euch nicht schlecht fühlen, wenn ihr jetzt noch keine Ahnung habt.

Herr Grütering sorgt dafür, dass jeder zu Wort kommt: Der Aytac wollte auch noch was sagen.

Aytac: Nach dem Abitur will ich studieren. Vielleicht in Richtung Politikwissenschaften.

Herr Porki: Der Herr Grütering hat mal Jura studiert und ich ging in eine Elektroinstallateurlehre, bin aber danach an eine Musikhochschule in Amsterdam gegangen.

Aytac: Warum eigentlich Holland?

Herr Porki: Kiffen war kein Grund - davon bekomme ich Paranoia. Der Grund war die Musikhochschule. Das Conservatorium van Amsterdam und ein Teil der Amsterdam School of Arts.

Nina: Was halten Sie eigentlich von Castingshows?

Herr Porki: Ich bin froh, dass mein Kumpel Bo als Jurymitglied bei X-Factor endlich eine feste Anstellung gefunden hat. Vor zwei Jahren hat er noch bei mir auf der Couch gewohnt. Wenn ihr aber wirklich Musik machen wollt, dann besucht den Popkurs an der Musikhochschule hier in Hamburg. Die können euch was beibringen.

Auch Deichkind hat mal klein angefangen. Wie sah es bei den Jungs mit Nebenjobs aus?

Herr Porki: Ich hab mal Kreditkarten am Bahnhof vertickt. Voll der Horror, da gings um jede verkaufte Karte.

Herr Grütering: Jobben kann ich nur empfehlen. Da lernt man eine Menge Leute kennen und weiß danach, was man nicht machen will. Ich hab gekellnert, Pizza ausgefahren und im Hotel Frühstück gemacht.

Florian: Ich trag Zeitungen aus.

Herr Grütering: Das war auch mein erster Job.

Christine: Ich gebe hier in der Schule nachmittags einen Kurs für die Grundschüler, babysitte und führe die Hunde in unserer Nachbarschaft aus.

Herr Grütering: Wart ihr mal im Berufsinformationszentrum?

Aytac: Ja, wir mussten dort einen Persönlichkeitstest machen, und da kamen dann Berufsvorschläge raus. Ich sollte Polizist, Zollbeamter oder Hebammer werden.

Interessanter Vorschlag! Den Beruf übt in Deutschland genau ein Mann aus.

Herr Porki: Irgendwie werdet ihr euren Weg finden.

Herr Grütering: Sorgen gab es bei uns auch! Unsere Eltern haben uns ständig gefragt, ob man mit Musik überhaupt Geld verdienen kann. Man sollte keine Angst haben, seinen Träumen hinterherzurennen.

Von Lien Herzog für das Jugendmagazin "Spiesser"

Forum

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insgesamt 19 Beiträge
1. Vorbildlich
abby_thur 22.02.2012
Was hier nicht erwähnt wird: wenn ein finanzschwaches Elternhaus hinter dem Kind steht muss es das machen, wo es halt denkt, es kommt durch damit. Wenn natürlich Muddi und Papa drei-vier abgebrochene Studien mitbezahlen kann man [...]
Was hier nicht erwähnt wird: wenn ein finanzschwaches Elternhaus hinter dem Kind steht muss es das machen, wo es halt denkt, es kommt durch damit. Wenn natürlich Muddi und Papa drei-vier abgebrochene Studien mitbezahlen kann man das natürlich tun.
2.
niska 22.02.2012
Wie wärs denn mit Arbeit neben den diversen Studien, um nicht den armen Eltern auf den Taschen zu hocken? Arme Eltern sollten nicht als Ausrede dienen um schon quasi im vorauseilenden Gehorsam seine Träume zu beerdigen. [...]
Zitat von abby_thurWas hier nicht erwähnt wird: wenn ein finanzschwaches Elternhaus hinter dem Kind steht muss es das machen, wo es halt denkt, es kommt durch damit. Wenn natürlich Muddi und Papa drei-vier abgebrochene Studien mitbezahlen kann man das natürlich tun.
Wie wärs denn mit Arbeit neben den diversen Studien, um nicht den armen Eltern auf den Taschen zu hocken? Arme Eltern sollten nicht als Ausrede dienen um schon quasi im vorauseilenden Gehorsam seine Träume zu beerdigen. Wenn man was will muss man dafür kämpfen und nicht jammern. Selbst wenn Studiengebühren und Regelstudienzeiten auch noch gegen einen sind.
3. Sie wollen...
sappelkopp 22.02.2012
...doch nicht ernsthaft den Zusammenhang zwischen der beruflichen Zukunft und der sozialen Herkunft bestreiten? Natürlich haben Sie Recht, jeder soll für seine Träume kämpfen. Nur die Bürschchen aus finanziell starken [...]
Zitat von niskaWie wärs denn mit Arbeit neben den diversen Studien, um nicht den armen Eltern auf den Taschen zu hocken? Arme Eltern sollten nicht als Ausrede dienen um schon quasi im vorauseilenden Gehorsam seine Träume zu beerdigen. Wenn man was will muss man dafür kämpfen und nicht jammern. Selbst wenn Studiengebühren und Regelstudienzeiten auch noch gegen einen sind.
...doch nicht ernsthaft den Zusammenhang zwischen der beruflichen Zukunft und der sozialen Herkunft bestreiten? Natürlich haben Sie Recht, jeder soll für seine Träume kämpfen. Nur die Bürschchen aus finanziell starken Elternhäusern fahren mit 21 im neuen 3er vor der Uni vor und der Arbeitersohn hat trotz 15 Stunden Arbeit pro Woche nebenher nur ein altes Damenrad. Daran hat sich auch nach Zig-Jahren Bafög nichts geändert.
4. Titel:
hansmaus 22.02.2012
Stimmt schon aber Kinder von Eltern die jeden Euro rumdrehen müssen sind doch eh nicht relevant für die Medien. Das sind (wie meine Eltern) üble Proleten die es nicht besser verdient haben. Hipp und cool ist nur das Elternhaus [...]
Zitat von abby_thurWas hier nicht erwähnt wird: wenn ein finanzschwaches Elternhaus hinter dem Kind steht muss es das machen, wo es halt denkt, es kommt durch damit. Wenn natürlich Muddi und Papa drei-vier abgebrochene Studien mitbezahlen kann man das natürlich tun.
Stimmt schon aber Kinder von Eltern die jeden Euro rumdrehen müssen sind doch eh nicht relevant für die Medien. Das sind (wie meine Eltern) üble Proleten die es nicht besser verdient haben. Hipp und cool ist nur das Elternhaus was dem Töchterchen ein WG Zimmer zahlt, einen Mini vor die Tür stellt und jedes Jahr ein neues iBook :D Während meines Studiums gabs da eine exakte Trennung zwischen den Loosern wie mich die ernsthaft nebenbei arbeiten mussten und denen die es nicht im geringsten nötig hatten zu arbeiten. Das war dann auch die Mehrheit der Studenten. Gearbeitet ham die auch mal ab und an aber nicht wirklich weil sie es brauchten. Papa hat alles wesentliche schon gemacht.
5.
niska 22.02.2012
Nein. Menschen aus der Mittel- und Unterschicht haben es natürlich ungleich schwerer nach oben zu kommen. Unser Staat ist nunmal darauf ausgerichtet bestehende 'Eliten' zu zementieren und Emporkömmlingen Steine in den Weg zu [...]
Zitat von sappelkopp...doch nicht ernsthaft den Zusammenhang zwischen der beruflichen Zukunft und der sozialen Herkunft bestreiten?
Nein. Menschen aus der Mittel- und Unterschicht haben es natürlich ungleich schwerer nach oben zu kommen. Unser Staat ist nunmal darauf ausgerichtet bestehende 'Eliten' zu zementieren und Emporkömmlingen Steine in den Weg zu schmeissen. Ich weiss aus eigener leidvoller Erfahrung dass es so ist, trotzdem muss man kämpfen und manchmal wird man belohnt.

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