12.07.2012
Deutsches Ausbildungsmodell für Spanier
¡Hola, Azubi!
Alvaro Hernández ringt nach Worten, in der deutschen Sprache bewegt er sich noch tastend: "Es gibt Information in Baskenland, dass wir gehen Ausbildung Deutschland", sagt er und fällt dann ins Englische. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe habe gemeinsam mit spanischen Partnern ein Programm aufgelegt, um junge Spanier für ein dreimonatiges Praktikum anzuwerben, mit der Aussicht auf eine Lehrstelle. Der 24-jährige Informatiker musste nicht lange nachdenken - in seiner Heimat hat jeder zweite Jugendliche keine Arbeit.
Gemeinsam mit acht Landsleuten hat sich Alvaro Hernández deshalb auf den Weg nach Deutschland gemacht. Damit zählt er zu den Vorreitern einer Partnerschaft, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) anstrebt, um den Fachkräftemangel in Deutschland zu mildern.
Denn Spaniens Jugendliche sollen schon bald nach deutschem Vorbild ausgebildet werden. Das kündigte Schavan nach einem Treffen mit ihrem spanischen Kollegen José Ignacio Wert Ortega an: "Wir sind in Deutschland davon überzeugt, dass duale berufliche Bildung die beste Vorbeugung gegen Jugendarbeitslosigkeit ist", sagte die CDU-Politikerin.
Zuvor hatten Schavan und Ortega eine Absichterklärung unterzeichnet, nach der das deutsche System dualer Berufsausbildung in Spanien eingeführt werden soll. Durch die Offensive soll auch das wirtschaftliche Wachstum in Spanien angekurbelt werden. Konkrete Schritte wollen die Minister Anfang September in Madrid vereinbaren. "Es geht darum, das, was in Deutschland erfolgreich ist, auch auf andere europäische Länder auszuweiten", sagte Ortega. In Spanien gebe es die Kombination aus schulischer und praktischer Ausbildung derzeit nur in Pilotprojekten.
Jeder zweite junge Spanier finden keinen Job
Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums ist in Spanien jeder zweite Jugendliche arbeitslos. In Deutschland hingegen ist die Jugendarbeitslosigkeit so gering wie nirgendwo sonst in Europa, hierzulande herrscht allerdings massiver Fachkräftemangel.
Während sich Schavan mit Ortega in Stuttgart trifft, beugen sich Hernández und sein 23 Jahre alter Kollege Peio Mardaraz bei einem Karlsruher Dienstleistungsunternehmen über ihre Computer.
Die Firma ist begeistert von den jungen Spaniern. Sie seien pünktlich, engagiert und interessiert, sagt der Assistent der Geschäftsleitung, Daniel Koch. Kurz vor Ende des dreimonatigen Praktikums hat das Unternehmen den beiden, die aus der Nähe von Bilbao kommen, ein Angebot gemacht. Peio Mardaraz könnte eine dreijährige Elektronik-Ausbildung machen und scheint entschlossen, den Vertrag zu unterschreiben. Auch Alvaro Hernández hätte eine Lehrstelle in Karlsruhe sicher, doch der Fachinformatiker zögert noch. Immerhin hat er in Spanien schon eine Art Berufskolleg absolviert. "Wir sondieren, ob wir ihm eine verkürzte Ausbildung anbieten oder vielleicht sogar einen Zeitvertrag", sagt Koch.
"Man muss seine Chance nutzen"
Das größte Problem ist die Sprache. Viermal die Woche büffeln die jungen Männer deutsche Vokabeln und Grammatik. "Montags, dienstags und donnerstags je drei Stunden nach der Arbeit und drei Stunden am Samstagvormittag", erzählt Mardaraz auf Spanisch. Dass er in einigen Monaten Prüfungen in der fremden Sprache ablegen soll, kann er sich trotzdem noch nicht recht vorstellen. Hernández wirkt selbstsicherer. "Im Zweifel kommt man auch gut mit Englisch durch", sagt er.
Die vergangenen Wochen haben die beiden auch genutzt, um sich mit Deutschland anzufreunden. "Wir waren in Heidelberg und Baden-Baden, in Freiburg und Konstanz und sogar in Neuschwanstein", erzählt Hernández. Grundsätzlich könne er sich durchaus vorstellen, in Karlsruhe zu bleiben. Allerdings will er dann auch mitten ins Leben - "am liebsten in eine Wohngemeinschaft mit Deutschen." Bislang wohnt er mit Mardaraz in einem Zweibettzimmer des städtischen Kolpinghauses.
Doch eine WG kostet Geld - und Deutschkurse auch. Angesichts eines Lehrlingsgehalts von rund 600 Euro kommen die beiden Männer ins Grübeln. "Wir können und wollen nicht unseren Eltern auf der Tasche liegen", sagt Mardaraz.
Ob Deutschland eine Zwischenstation oder doch eine Dauerlösung wird, wissen die Spanier nicht. "Wer kann das jetzt sagen", meint Hernández. Natürlich habe er Heimweh, vermisse seine Freunde und seine Familie. "Aber man muss seine Chancen nutzen."
Ingo Senft-Werner/dpa/otr

