Lade Daten...
13.12.2012
Schrift:
-
+

Schüler in Problemvierteln

Casting für den Aufstieg

Von
Foto: SPIEGEL ONLINE

Jedes zweite Kind lebt von Hartz IV, viele sprechen schlecht Deutsch, viele Eltern haben keine Arbeit: Wer in Problemvierteln wie Hamburg-Wilhelmsburg aufwächst, muss für den Aufstieg kämpfen. Die Lehrer versuchen etwas Ungewöhnliches - sie veranstalten eine eigene Castingshow.

Sie kichert wie ein Mädchen und singt wie eine Frau. Klar, kraftvoll, selbstbewusst. Esma ist zwölf Jahre alt, trägt Kopftuch und einen knielangen Rock über der Hose. Das Mikro hält sie mit einer Hand fest umklammert, die andere baumelt am Körper, die Knie lässt sie einknicken, fast immer im Takt. "Wie bekommen wir dich locker?", fragt ihre Lehrerin. Sie will Esma vorbereiten für den großen Auftritt am Sonntag.

Dann treten neben Esma rund 20 weitere Schüler bei "Die Insel singt" an, eine Art "Deutschland sucht den Superstar" in klein, denn alle Teilnehmer gehen in Wilhelmsburg zur Schule.

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) lässt den Stadtteil gerade hübsch machen. Er will Wilhelmsburg als "Lebensraum" begreifen: "Als einen Raum, in dem man gern lebt." Für Esmas Lehrerin Elena Mechsner steht Wilhelmsburg für "die geballte Vernachlässigung vorhandener Kapazitäten". Daran möchte sie mit Musik etwas ändern.

Fotostrecke

Schüler auf der Bühne: "Meine Beine zittern voll"
Elena Mechsner, Sneakers, Jeans und hochgekrempelte Blazer-Ärmel, ist 29 Jahre alt und unterrichtet seit fast vier Jahren Musik und Englisch an der Stadtteilschule Wilhelmsburg. Stadtteilschulen gibt es in Hamburg seit zwei Jahren, sie ersetzen Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Die zwei Standorte der Wilhelmsburger Schule liegen ein paar hundert Meter auseinander, in der Mitte ein Kiosk. Mittags kaufen hier Schüler Süßkram und Männer manchmal Schnaps.

Fast jedes zweite Kind in Wilhelmsburg lebt von Hartz IV, fast acht von zehn haben ausländische Wurzeln. Gerade haben die Leiter der staatlichen Schulen in Wilhelmsburg einen Brandbrief an den Hamburger Schulsenator geschickt. Ihre Schüler hinkten bis zu zwei Schuljahre hinterher, schreiben sie unter anderem. Wenn ihre Schüler aus den Sommerferien zurückkämen, sagt Elena Mechsner, müssten sich manche erst daran gewöhnen, wieder Deutsch zu sprechen. Elena Mechsner hat auch gute Schüler, die ehrgeizig und motiviert arbeiten. Aber manchmal haben die keine Eltern, die sie unterstützen können. "Die Schüler schwimmen oft in ihrer Großfamilie mit", sagt sie. Die Lehrer müssen ihre Schüler hier also noch mehr motivieren als anderswo.

Elena Mechsner und ihr Kollege Ben Lobgesang versuchen das mit einem Chor und einer Band. Sie möchten ihre Schüler dafür begeistern, und ihnen zeigen: Ihr könnt Erfolg haben, wenn ihr euch anstrengt.

Viele Initiativen und Projekte versuchen, Kindern beim Aufstieg zu helfen. Ein Patentrezept gibt es nicht. Kann Sozialarbeit durch Musik und Castingshows funktionieren und etwas verändern? Vielleicht. Vielleicht macht die Musik den Kindern auch einfach nur Spaß.

Aber immerhin zeigen immer wieder Pädagogen, Musiker, Tänzer, dass das klappen kann. So hat Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, vor einigen Jahren 250 Kinder aus 25 Nationen zum Tanz gebeten zu Igor Strawinskys Ballett "Le sacre du printemps". Darunter Kinder, die Probleme in der Schule hatten, die sich kaum konzentrierten, die aneckten und auffielen. Aus dem Projekt ist der Dokumentarfilm "Rhythm Is It!" entstanden, er zeigt, wie die Kinder und Jugendlichen mit ihrem Erfolg wuchsen und reiften.

Die Lehrer suchen die Persönlichkeit, die in jedem Schüler steckt

Dabei kommt es nicht darauf an, jeden Ton zu treffen. Auch von Elena Mechsners Schülern singen nicht alle so gut wie Esma. Oder Sidney, der heimliche Star der Schule. Sidney ist 13 Jahre alt, hat schwarze krause Locken, er ist schmal, klein und hat viele Fans an der Schule.

Als er über den Hof geht, zerrt ein Mädchen an seinem Ärmel. "Er ist so süß", ruft sie. Er verzieht sein Gesicht, schüttelt die Hand ab, geht weiter. Fast so routiniert wie ein echter Star. Die Mädchen, sagt er, seien keine Verehrerinnen. "Sondern nur Mädchen, die eben nerven."

Aber die Lehrer suchen keine Stars, sondern die Persönlichkeit, die in jedem Schüler steckt. Die wollen sie stärken. Im Chor darf deshalb jeder singen, zu "Die Insel singt" dürfen jedes Jahr nur die Besten.

Zur letzten Probe vor dem Auftritt sind rund 20 Schüler gekommen. Anfangs schrieben Elena Mechsner und ihr Kollege ihnen morgens Nachrichten, über Facebook und WhatsApp. Inzwischen müssen sie fast keinen mehr erinnern.

Während Elena Mechsner mit ihren Schüler singt, "Mama Do" von Pixie Lott beispielsweise und "Price Tag" von Jessie J, übt ihr Kollege ein Stockwerk darüber mit Schülern Gitarre, Schlagzeug, Keyboard und Beatboxing. Eigentlich nimmt er gerade Elternzeit, zur Probe kommt er trotzdem jede Woche - freiwillig. Genau wie die Schüler: Sie strengen sich nicht für eine Schulnote an, sondern weil sie es wollen. Und weil sie sehen, dass sie gemeinsam etwas erschaffen, was sie allein nicht leisten könnten.

"Hammer affen geil"

Denn Elena Mechsner und ihre Kollegen haben mit den Schülern ein Musikvideo gedreht. Auch das sollte sie motivieren. Anfangs hätte das die Schüler kaum begeistert, erinnert sich die Lehrerin. Schließlich filmen sie sich permanent mit ihren Handys. Dann sahen sie die umgebaute Schulaula, den großen Kamerakran, das Megaphon, die Lichter.

Ein Wochenende lang tanzten sie mit weißen Handschuhen und Hüten, sangen, lachten und spielten. Das Ergebnis: ein fünfminütiger Film und etwa 4000 Klicks bei YouTube in acht Monaten. "Bockkt schon!!!", schrieben die Nutzer. Und: "Hammer affen geil". Das saugen die Kinder auf.

Die Musik hilft nicht gegen all das, was die Schulleiter im Brandbrief anprangern. Sie verbessert nicht die Mathenote und verwandelt die Schüler nicht in neue Menschen. Trotzdem entwickeln sie sich, sagen Elena Mechsner und ihre Kollegen - auch wenn Außenstehende die kleinen Schritte der Schüler übersehen könnten. Die Schüler nähmen stärker Rücksicht aufeinander, manch ein Schüchterner melde sich plötzlich im Unterricht, sie hörten zu, nähmen sich, ihre Stimme, ihren Körper wahr. Und sie trauen sich vor über hundert Mitschülern, Freunden, Lehrern und Eltern auf die Bühne. So wie Afri, Fatma, Samira, Wendy, Sidney und Esma bei "Die Insel singt".

Esma hat sich hübsch gemacht für diesen großen Auftritt am Sonntag, sie trägt ein schwarzes Kleid, eine Perlenkette und ein mit glitzernden Steinchen besetztes Kopftuch. Im Publikum sitzen viele Schüler und wenige Eltern. "Ich bin mir nicht sicher, ob das für die Schüler enttäuschend oder normal ist", sagt Elena Mechsner. Esmas Mutter ist gekommen, ihr Vater und zwei ihrer fünf Geschwister. Der kleine Bruder sagt: "Das ist nicht meine Schwester, das ist mein Schatz."

Esma sagt vor dem Auftritt, sie sei sehr nervös, ihre Beine zitterten, sie habe Angst, etwas falsch zu machen. Sie sitzt in der zweiten Reihe vor der Bühne und drückt sich ihr Handy ans Ohr, sie hört noch mal von Rihanna "Diamonds", das wird sie gleich singen. Dann geht sie auf die Bühne und singt wie eine Frau. Danach klatschen, jubeln, pfeifen und kreischen alle. "Esma, unsere Klasse dreht durch", ruft ihr eine Freundin zu.

Als sich die Jury, mehrere Musiker aus dem Stadtteil, später berät, sagt sie über Esma: "Tolle Stimme, aber zu wenig Kontakt zum Publikum." Esma sagt, sie sei durch den Wettbewerb mutiger geworden, gereicht hat es in diesem Jahr trotzdem noch nicht. Esma macht den dritten, wie schon im vergangenen Jahr, und Sidney, der Schulstar, den ersten Platz. Im nächsten Jahr wird Esma es wieder versuchen.

Audio-Slideshow: Hier geht es zu "Wilhelmsburg sucht den Superstar"

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
1. deutsche Lieder!?
ein netter Mann 13.12.2012
[QUOTE=sysop;11549266]Jedes zweite Kind lebt von Hartz IV, viele sprechen schlecht Deutsch....... ich finde die Sache sehr gut - nur, warum singen die Kinder keine deutschen Lieder?
[QUOTE=sysop;11549266]Jedes zweite Kind lebt von Hartz IV, viele sprechen schlecht Deutsch....... ich finde die Sache sehr gut - nur, warum singen die Kinder keine deutschen Lieder?
2. Lottospielen bringt mehr Chancen.
alt-wikinger 13.12.2012
Vielleicht sollte man diesen Schülern nachdrücklich klar machen, wie das wirkliche Leben tickt. Statt in ihnen Hoffnungen zu wecken, jeder kann zum Star werden. Denn nach dem Verlust aller Illusionen steht das Vergessen in Drogen. [...]
Vielleicht sollte man diesen Schülern nachdrücklich klar machen, wie das wirkliche Leben tickt. Statt in ihnen Hoffnungen zu wecken, jeder kann zum Star werden. Denn nach dem Verlust aller Illusionen steht das Vergessen in Drogen. Statt linker Blümchen-Idylle diesen Jungen und Mädchen klar machen, lernt lesen und schreiben, vor allem rechnen, und kauft euch jede Woche einen Lotto-Schein. Dann sind eure Chancen höher.
3. Respekt vor solchen Lehrern
earl grey 13.12.2012
Respekt vor solchen Lehrern, in diesem schwierigen Umfeld noch so viel Engagement zu zeigen. Egal, ob diese Idee etwas bringt oder nicht, sie versuchen zumindest etwas zu bewegen wo andere schon lange zum Dienst nach [...]
Zitat von sysopJedes zweite Kind lebt von Hartz IV, viele sprechen schlecht Deutsch, viele Eltern haben keine Arbeit: Wer in Problemvierteln wie Hamburg-Wilhelmsburg aufwächst, muss für den Aufstieg kämpfen. Die Lehrer versuchen etwas Ungewöhnliches - sie veranstalten eine eigene Casting-Show. Wilhelmsburg: Lehrer versuchen ihre Schüler durch Musik zu motivieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wilhelmsburg-lehrer-versuchen-ihre-schueler-durch-musik-zu-motivieren-a-869595.html)
Respekt vor solchen Lehrern, in diesem schwierigen Umfeld noch so viel Engagement zu zeigen. Egal, ob diese Idee etwas bringt oder nicht, sie versuchen zumindest etwas zu bewegen wo andere schon lange zum Dienst nach Vorschrift übergegangen sind.
4. Wahrscheinlichkeitsrechnung
Mo2 13.12.2012
Sie haben ja den großen Durchblick: Ein Lottoschein erhöht die Chancen - auf was denn? Schneller Geld zu verlieren? Ist das jetzt rechte Rechenidylle oder was?
Zitat von alt-wikingerVielleicht sollte man diesen Schülern nachdrücklich klar machen, wie das wirkliche Leben tickt. Statt in ihnen Hoffnungen zu wecken, jeder kann zum Star werden. Denn nach dem Verlust aller Illusionen steht das Vergessen in Drogen. Statt linker Blümchen-Idylle diesen Jungen und Mädchen klar machen, lernt lesen und schreiben, vor allem rechnen, und kauft euch jede Woche einen Lotto-Schein. Dann sind eure Chancen höher.
Sie haben ja den großen Durchblick: Ein Lottoschein erhöht die Chancen - auf was denn? Schneller Geld zu verlieren? Ist das jetzt rechte Rechenidylle oder was?
5.
ffkgmr 13.12.2012
"rechte Rechenidylle"? Geht's noch? Kaum wird mal Klartext gesprochen kommen wieder die üblichen Totschlagargumente.
Zitat von Mo2Sie haben ja den großen Durchblick: Ein Lottoschein erhöht die Chancen - auf was denn? Schneller Geld zu verlieren? Ist das jetzt rechte Rechenidylle oder was?
"rechte Rechenidylle"? Geht's noch? Kaum wird mal Klartext gesprochen kommen wieder die üblichen Totschlagargumente.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Fotostrecke

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter RSS
alles zum Thema Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten