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01.12.2012
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Studenten in Problembezirken

Sie wollen mehr Gentrifizierung wagen

dapd

Sozialunternehmer Bleks und Tazeoglu: "Wir machen uns nicht allzugroße Sorgen"

Tausche Bildung gegen Wohnung: Zwei junge Firmengründer wollen Studenten in Problembezirke locken. Die angehenden Akademiker sollen günstig wohnen dürfen und sich im Gegenzug um die Bildung von Hartz-IV-Kindern kümmern. Kann das funktionieren? Ja, entschied eine Wettbewerbsjury.

Von einer Idylle ist der Duisburger Stadtteil Marxloh weit entfernt. Viele Fassaden sind heruntergekommen, Dönerbuden, Trinkhallen und Spielsalons prägen das Straßenbild. Es gibt wenig Arbeit und wenig Hoffnung. Selbst im ohnehin schon armen Duisburg gehört Marxloh zu den Schmuddelecken. Das wissen auch Christine Bleks und Mustafa Tazeoglu. Anders als viele andere glauben sie jedoch fest daran, dass sich an den Zuständen etwas ändern lässt. Mithilfe ihres Projekts "Tausche Bildung für Wohnen" wollen sie Hoffnung in den Stadtteil bringen und Vorbild sein für andere Problembezirke.

Die Idee klingt simpel: Junge Leute, die wenig Geld haben, dafür aber einiges an Wissen, sollen nach Marxloh kommen und dort mehr oder weniger umsonst in einem Haus wohnen dürfen. Im Gegenzug wird von ihnen erwartet, dass sie sich um Kinder aus Hartz-IV-Familien und deren Bildung kümmern. Damit wollen Bleks und Tazeoglu gleich mehrere Probleme lösen: Den Wohnungsleerstand bekämpfen, das Bildungsniveau verbessern und ganz nebenbei soziale Gruppen nach Marxloh locken, die sich sonst wahrscheinlich nicht dort niederlassen würden, etwa angehende Akademiker.

Bildungspaten zu finden, ist dabei für Bleks und Tazeoglu wohl noch das kleinste Problem. Obwohl das Projekt voraussichtlich erst 2014 starten werde, gebe es bereits jetzt mehrere Anfragen von Leuten, die sich um die Kinder kümmern wollten, sagt Bleks. "Da machen wir uns nicht allzu große Sorgen, dass wir niemanden finden." Die Anschubfinanzierung hingegen, mit der das Haus zum Wohnen bezahlt werden kann, fehlt noch.

Trotzdem ist Bleks zuversichtlich: "Wir glauben total fest an das Projekt, sonst würden wir das alles nicht durchstehen", sagt die 32-Jährige. Denn das Leben der beiden Jungunternehmer, die sich mit ihrem Sozialunternehmen "Urban Rhizome" - zu Deutsch "Städtisches Wurzelgeflecht" - selbstständig gemacht haben, ist entbehrungsreich. Immer wieder müssen sie nebenbei andere Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen.

Wie sich die Projekt-Erfinder bei einem Wettbewerb durchsetzten

Seit Juli jedoch hat sich ihre Lage entscheidend verbessert. "Wir haben an einem Wettbewerb für Sozialunternehmen teilgenommen", berichtet Tazeoglu. Das Geld für die Zugfahrt zur Entscheidung in München mussten sie leihen, so knapp waren sie wieder einmal bei Kasse. Doch der Weg hat sich gelohnt. Bei dem Wettbewerb der Vodafone Stiftung und der Social Entrepreneurship Akademie räumten die beiden nicht nur ein Preisgeld von 40.000 Euro ab, sondern gewannen auch eine Gründerberatung.

Und plötzlich öffneten sich auch Türen, die ihnen vorher verschlossen geblieben waren. "Wir merken, dass man uns seitdem schneller Gehör schenkt", berichtet Bleks. Offenbar sagten sich viele: Experten haben das Projekt schon für gut befunden, dann kann es nicht so schlecht sein.

Auch im Stadtteil selbst hat sich die Nachricht vom Erfolg im Wettbewerb herumgesprochen. "Die Leute sind hier an unserem Bürofenster vorbeigelaufen und haben die Fäuste in Siegerpose in die Luft gestreckt", erinnert sich Bleks. "Sie haben gesehen: 'Einer von uns ist in der Zeitung und nicht mit einer schlechten Nachricht.' Da schwappt der Stolz herüber", sagt der gebürtige Marxloher Tazeoglu, der wie fast 60 Prozent der Menschen im Stadtteil selbst ausländische Wurzeln hat.

Der 30-Jährige hat es geschafft, ist an die Uni gegangen, hat später unter anderem als Projektleiter bei der Betreibergesellschaft der Kulturhauptstadt 2010 gearbeitet, wo er auch Christine Bleks kennenlernte. Solche Vorbilder seien für die Menschen in Marxloh extrem wichtig, sagt Tazeoglu. Und genau solche Vorbilder soll auch ihr Projekt liefern. "Ein Erfolg wäre es für uns, wenn die Bildungspaten über die Kinder an die Familien herankämen", sagt Bleks. Etwa wenn die Bildungspaten sie überzeugen könnten, mit zum Elternabend in die Schule zu gehen. Dann würde das Projekt nicht nur den zwölf Bildungspaten und 80 Kindern zwischen sechs und elf Jahren zugutekommen, sondern im Stadtteil vielleicht noch wesentlich mehr bewirken.

Voraussichtlich 2014 soll es richtig losgehen, doch Bleks und Tazeoglu denken schon weit darüber hinaus. "Unser Ziel ist ein Social-Franchise-Modell", sagt Bleks. Was in Marxloh funktioniert, soll auch in andere Städte übertragen werden. Auf Kinder müsse sich das Projekt dabei nicht beschränken, sagt sie. "Woanders könnte es zum Beispiel auch 'Tausche Pflege für Wohnen' heißen."

Tonia Haag/dapd/otr

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