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18.12.2012
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Schüler gegen Abschiebung

"Warum darf Ayo nicht einfach bleiben?"

Von Annick Eimer
Annick Eimer

Hamburg will Ayodele, 18, nach Nigeria abschieben. Seine Klassenkameraden wehren sich dagegen über Facebook, mobilisieren Tausende Unterstützer und setzen die Behörden unter Druck. Sie sind nicht die einzigen Schüler, die übers Internet eine Abschiebung verhindern wollen.

Die längste Reise im Leben von Ayodele und seinem Bruder Victor endet an einem Sonntagmorgen im April in der Hamburger Innenstadt. Ayodele Madaiyese ist 16, Victor 14 Jahre alt. Per Bus, Bahn und Flugzeug sind sie nach Deutschland gekommen, durch welche Städte und Länder, das wissen sie nicht mehr genau. In einem Vorort der Millionenstadt Lagos in Nigeria brachen sie auf. Ein Onkel begleitete die beiden nach Hamburg, wo Ayodeles Eltern leben. Sein Vater war als Erster in die Hansestadt gezogen, um hier als Frisör Geld zu verdienen, das war 1998.

Zweieinhalb Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Ayodele in Hamburg ankam. Sein Leben hat sich seither sehr verändert. Er hat Deutsch gelernt, besucht die elfte Klasse einer Gesamtschule und spielt beim HSV in der A-Jugend Fußball. Abitur will er machen und dann Profi-Kicker werden. Oder ein Ingenieurstudium beginnen. Am liebsten beides. Sein bester Freund, der Ghanaer Jephter, schüttelt den Kopf. "Ayo, das geht nicht. Fußball spielen und studieren." "Doch, das geht", sagt Ayodele. Boxt seinem Freund an die Schulter und flachst: "Musst du kämpfen, Bruder!"

Zu kämpfen hat Ayodele derzeit allerdings an einer anderen Front. Vor ein paar Wochen bekam er ein Schreiben der Ausländerbehörde, das alle seine Zukunftspläne zunichte machen könnte. Bis Mitte Januar soll er Deutschland verlassen. Sonst wird er abgeschoben. Die Begründung: Nur solange er minderjährig war, wurde er hier geduldet. Jetzt, da er volljährig ist, muss er weg.

Ayodeles Vater hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Warum sollte er also nicht einfach auch hierbleiben dürfen, fragt sich Ayodele. "In Nigeria habe ich keinen Schulabschluss und niemanden, zu dem ich gehen kann. Was soll ich dort machen?"

Für die Behörde für Inneres und Sport stellt das offenbar kein Problem dar, sie schreibt in ihrem vierseitigem Brief an Ayodele: "Eine Rückkehr nach Nigeria ist zumutbar, da durch Ihren zweijährigen Aufenthalt im Bundesgebiet noch keine schutzwürdigen persönlichen oder wirtschaftlichen Bindungen entstanden sind." Seine Zeit in Deutschland habe zu keiner Entwurzelung in seiner Heimat geführt.

Ayodele darf nicht bleiben, weil sein Vater es versäumt hatte, den korrekten Weg durch die Bürokratie zu gehen. Mit dem deutschen Pass, den er 2009 bekam, hätte er einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen können. Hat er aber nicht. Vielleicht weil er nicht wusste, dass er so etwas beantragen muss. Vielleicht weil er mit der Ausländerbehörde nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte. Außerdem war gar nicht geplant, dass seine Söhne zu ihm ziehen. Im April 2010 lud der Onkel aus Afrika Ayodele und Victor plötzlich in Hamburg ab - ohne Pass, ohne Einreisegenehmigung. Er hatte sich mit ihrem Vater gestritten und wollte sich nicht länger um die Jungen kümmern.

Prominente Fußballer und YouTube-Stars sollen helfen

Als Ayodele von seiner drohenden Abschiebung erfuhr, fragte er seinen Klassenlehrer an der Nelson-Mandela-Gesamtschule im Stadtteil Wilhelmsburg um Rat. Gemeinsam erzählten sie in der vergangenen Woche der ganzen Klasse von dem Brief der Behörde. Die Schüler beschlossen, sofort etwas zu unternehmen. Sie begannen noch im Unterricht damit, eine Facebook-Seite mit dem Titel "Gegen die Abschiebung von Ayodele Madaiyese" aufzubauen und baten all ihre Freunde in dem sozialen Netzwerk um Unterstützung.

"Ich habe mich gefreut, dass sie sich so für mich einsetzen", sagt Ayodele. "Aber ich bin einfach zu verzweifelt, um mich damit zu beschäftigen." Seine Klasse ist auch dabei, eine Demo zu organisieren, Lehrer und Schüler haben die Härtefallkommission angeschrieben, die Ausländern in besonderen Fällen zu einem Aufenthaltsrecht verhelfen kann, auch wenn das gegen die gesetzlichen Vorgaben verstößt. Die Schule will außerdem einen Brief an die Ausländerbehörde schicken.

"Warum darf Ayo nicht einfach bleiben?", fragt seine Mitschülerin Yasmin. "Er hat doch nichts verbrochen." Yasmin und ihr Mitschüler Kaan betreuen die Facebook-Seite für Ayodele, sie verfassen neue Posts und bitten prominente Fußballer und YouTube-Stars um Unterstützung. "Manche schreiben wir direkt an. Bei anderen fragen wir Leute, von denen wir wissen, dass sie jemanden Bekanntes persönlich kennen", sagt Kaan.

Ayodeles Freunde sind nicht die einzigen, die den Weg über die sozialen Netzwerke gewählt haben, um auf das Schicksal eines Mitschülers aufmerksam zu machen. Diese Mitschüler heißen zum Beispiel Saikou, Selenora oder Fabiola und haben ähnliche Geschichten wie Ayodele. Über abenteuerliche Wege sind sie nach Deutschland gelangt, haben hier Wurzeln geschlagen, Freunde gefunden und ein neues Leben begonnen. Irgendwann kam der Brief der Behörde, der sie aufforderte, das Land zu verlassen. Für sie alle wurden Facebook-Seiten eingerichtet, Online-Petitionen gestartet, Protestaktionen organisiert und Blogbeiträge geschrieben, um sie in ihrem Kampf mit den Ämtern zu unterstützen. Bevor Zeitungen ihnen einen Artikel widmeten, hatten sie Tausende Unterstützer im Netz.

Lebensgeschichten, die nicht in den Akten stehen

Ob diese Aktionen Ayodele und den anderen helfen, ist schwer zu sagen. Aber es macht die Arbeit der Behörden sicher nicht leichter. Die Betroffenen sind nicht mehr nur einige von den rund 8000 Menschen, die jedes Jahr aus Deutschland abgeschoben werden. Sie sind Mitschüler, Freunde, Teamkollegen. Menschen mit einer Lebensgeschichte, die nicht in den Akten und Formularen der Sachbearbeiter steht.

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) wurde im Juni auf einer Preisverleihung mit Plakaten konfrontiert, auf denen das Bleiberecht für die Schülerin Selenora aus Bosnien gefordert wurde. Rabe wollte eigentlich nur ein paar Urkunden für gelungene Integration überreichen, auch an Selenora. Doch ihre Mitschüler nutzten die Veranstaltung für die Protestaktion. Und die Hamburger Härtefallkommission, die Anfang Dezember über das Aufenthaltsrecht der 16-jährigen Fabiola aus Honduras und ihrer Familie entscheiden sollte, musste sich auf dem Weg in den Sitzungssaal an den Freunden der Jugendlichen vorbeischlängeln. Fabiola darf nun bleiben, Selenora musste trotz der großen Unterstützung gehen.

Auf der Facebook-Seite für Ayodele haben mittlerweile über 9000 Menschen auf den "Gefällt mir"-Button gedrückt. Und er bekommt Zuspruch von prominenter Stelle: Der HSV-Spieler Dennis Aogo und der Rapper Dú Maroc haben auf ihren Seiten dazu aufgerufen, die Aktion zu unterstützen. "Ayo hat eine echte Zukunft im Fußball. Es wäre eine Schande, wenn er gehen müsste", sagt Wolfram von Helldorf, der sich beim HSV ehrenamtlich um die ausländischen Jugendlichen kümmert.

Ayodele hofft einfach nur, dass er hier bleiben darf. Um sein Abitur zu machen und um in der kommenden Saison Fußball spielen zu dürfen. Eigentlich ist er für die dritte Mannschaft der HSV-Herren eingeplant. Dort darf er aber - anders als in der A-Jugend - nur kicken, wenn er nicht mehr nur geduldet wird, sondern eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.

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